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Full text of "Vor dem Tore der Theosophie"

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RUDOLF STEINER GES AMTAUSG ABE 

VORTRAGE 

VORTR AGE VOR MITGLIEDERN 
DER ANTHROPOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT 



RUDOLF STEINER 

Vor dem Tore der Theosophie 



Vierzehn Vortrage, gehalten in Stuttgart 
vom 22. August bis 4. September 1906 
mit zwei Fragenbeantwortungen 
(Horernotizen) 



1990 

RUDOLF STEINER VERLAG 
DORNACH/SCHWEIZ 



Nach vom Vortragenden nicht durchgesehenen Horernotizen 
herausgegeben von der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung 

Die Herausgabe der 4. Auflage besorgte Ulla Trapp 



1. Auflage (Zyklus 1) Berlin 1910 

2. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1964 

3. Auflage, Gesamtausgabe Dornach 1978 

4. Auflage (verbesserte Textfassung 
nach neugefundenen Horernotizen) 
Gesamtausgabe Dornach 1990 



Bibliographie-Nr. 95 

Alle Rechte bei der Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
© 1990 by Rudolf Steiner-Nachlafiverwaltung, Dornach/Schweiz 
Satz und Druck von Kooperative Diirnau, Diirnau 
Printed in Germany 

ISBN 3-7274-0952-5 



2.u den Veroffentlichungen 
aus dem Vortragswerk von Rudolf Steiner 



Die Grundlage der anthroposophisch orientierten Geisteswissen- 
schaft bilden die von Rudolf Steiner (1861-1925) geschriebenen und 
veroffentlichten Werke. Daneben hielt er in den Jahren 1900 bis 
1924 zahlreiche Vortrage und Kurse, sowohl offentlich wie auch 
fiir die Mitglieder der Theosophischen, spater Anthroposophischen 
Gesellschaft. Er selbst wollte urspriinglich, dafi seine durchwegs frei 
gehaltenen Vortrage nicht schriftlich festgehalten wurden, da sie als 
«mundliche, nicht zum Druck bestimmte Mitteilungen» gedacht 
waren. Nachdem aber zunehmend unvollstandige und fehlerhafte 
Horernachschriften angefertigt und verbreitet wurden, sah er sich 
veranlafk, das Nachschreiben zu regeln. Mit dieser Aufgabe betraute 
er Marie Steiner-von Sivers. Ihr oblag die Bestimmung der Stenogra- 
phierenden, die Verwaltung der Nachschriften und die fiir die Her- 
ausgabe notwendige Durchsicht der Texte. Da Rudolf Steiner aus 
Zeitmangel nur in ganz wenigen Fallen die Nachschriften selbst 
korrigieren konnte, raufi gegeniiber alien Vortragsveroffentlichun- 
gen sein Vorbehalt beriicksichtigt werden: «Es wird eben nur hinge- 
nommen werden miissen, dafi in den von mir nicht nachgesehenen 
Vorlagen sich Fehlerhaftes findet.» 

Uber das Verhaltnis der Mitgliedervortrage, welche zunachst 
nur als interne Manuskriptdrucke zuganglich waren, zu seinen 6f- 
fentlichen Schriften aulSert sich Rudolf Steiner in seiner Selbstbiogra- 
phie «Mein Lebensgang» (35. Kapitel). Der entsprechende Wortlaut 
ist am Schlufi dieses Bandes wiedergegeben. Das dort Gesagte gilt 
gleichermafien auch fiir die Kurse zu einzelnen Fachgebieten, welche 
sich an einen begrenzten, mit den Grundlagen der Geisteswissen- 
schaft vertrauten Teilnehmerkreis richteten. 

Nach dem Tode von Marie Steiner (1867-1948) wurde gemafi 
ihren Richtlinien mit der Herausgabe einer Rudolf Steiner Gesamt- 
ausgabe begonnen. Der vorliegende Band bildet einen Bestandteil 
dieser Gesamtausgabe. Soweit erforderlich, finden sich nahere Anga- 
ben zu den Textunterlagen am Beginn der Hinweise. 



INHALT 



Erster Vortrag, Stuttgart, 22. August 1906 11 

Das Wesen des Menschen. Theosophische Lehren friiher unci heute. Die 
sieben Glieder der menschlichen Wesenheit. 

Zweiter Vortrag, 23. August 1906 19 

Die drei Welten: die physische, die astrale und die geistige Welt. Eigenschaf- 
ten der Astralwelt: Spiegelbildlichkeit, Riickwartsgehen der Zeitereignisse, 
Realitat von Gedanken und Gefuhlen. Die vier Gebiete der Devachan- 
Welt. Lesen in der Akasha-Chronik. 

Dritter Vortrag, 24. August 1906 29 

Das Leben der Seele nach dem Tode. Der viergliedrige Mensch im Wach- 
und Schlafzustande. Die Trennung der Wesensglieder beim Tode. Das 
Erleben der Seele im Kamaloka. Erwahnte Beispiele: Hypnose, Selbst- 
mord, Vivisektion, Spiritismus. 

Vierter Vortrag, 25. August 1906 38 

Das Devachan. Der Kausalkorper. Welche Zeit vergeht zwischen den ein- 
zelnen Inkarnationen des Menschen? Erlebnisse der Seele nach dem Tode 
in den vier Gebieten des Devachan. Die Lotusblumen (Chakrams). 

FOnfter Vortrag, 26. August 1906 47 

Die Arbeit des Menschen in den hoheren Welten zwischen Tod und neuer 
Geburt. Vorbereitung einer neuen Inkarnation. Erwahnte Beispiele: Vorge- 
sicht auf das kommende Leben, Idiotie und Epilepsie, Astralleichnam und 
Doppelganger, Arbeit von Atherleib und Astralleib am Embryo. 

Sechster Vortrag, 27. August 1906 54 



Die Erziehung des Kindes. Die Entwickelung der Wesensglieder in den 
ersten Jahrsiebenten des Menschen und daraus folgende Grundsatze fur 
die Erziehung. Vorbild, Autoritat, selbstandiges Urteil. Uber einige Wir- 
kungen des Karmagesetzes. Wodurch kommt Schicksal zustande? 



SlEBENTER VoRTRAG, 28. AugUSt 1906 64 

Die Wirkungen des Karmagesetzes im menschlichen Leben. Ursachen und 
Wirkungen in den verschiedenen Wesensgliedern des Menschen. Karmi- 
sche Einzelfragen: Temperament, Infektionskrankheiten, Volksseuchen, 
Nervositat, Gefahr von Irrsinnsepidemien, Liebe zwischen Kind und 
Mutter. 

Achter Vortrag, 29. August 1906 73 

Gut und Bose. Die Entstehung des Gewissens. Wie wirken sich bestimmte 
Eigenschaften der Wesensglieder in der folgenden Inkarnation aus? Die 
Manichaer. Die Mission des B6sen. Karmische Einzelfragen: Krankheiten, 
jungverstorbene und totgeborene Kinder, Ausgleich des Karmas zwischen 
zwei Menschen. 



Neunter Vortrag, 30. August 1906 83 

Die Evolution der Erde. Planeten, Runden, Globen. Das Ratsel der Zahl 
777. Entwickelung des Menschen im Zusammenhang mit den verschiede- 
nen planetarischen Zustanden der Erde. Namen der Wochentage. 

Zehnter Vortrag, 31. August 1906 92 

Die Entwickelung des Menschen bis zur atlantischen Zeit. Anfangsstadium 
unseres Planeten. Das Herabsenken des Geistes. Die Genesis in der Bibel. 
Der lemurische und der atlantische Mensch. 

Elfter Vortrag, 1. September 1906 102 

Die Kulturepochen der nachatlantischen Zeit. Die Sehnsucht des nachatlan- 
tischen Menschen nach dem Gottlichen. Die Unterrassen der Inder, Perser, 
Agypter, Griechen und Romer, Germanen und Angelsachsen. Wo gilt das 



ptolemaische und wo das kopernikanische Weltsystem? Zukunftsaufgaben 
der Menschheit. 

Zwolfter Vortrag, 2. September 1906 Ill 

Okkulte Entwickelung. Die verschiedenen Bewufitseinsstufen des Men- 
schen. Ausbildung der Lotusblumen (Chakrams). Die sechs Nebeniibun- 
gen. Der Lehrer (Guru) in der orientalischen, der christlichen und der 
rosenkreuzerischen Schulung. 



Dreizehnter Vortrag, 3. September 1906 123 

Die orientalische und die christliche Schulung. Die acht Anweisungen des 
Gurus in der Yoga-Schulung. Christus als der grofie Lehrer in der christli- 
chen Schulung. Meditieren des Johannes-Evangeliums. Die sieben Statio- 
nen (Stufen) der christlichen Einweihung. 

Vierzehnter Vortrag, 4. September 1906 136 

Die Rosenkreuzer-Schulung, der Weg fiir die Menschen, die in Zwiespalt 
zwischen Glauben und Wissen geraten. Zwei Arten von Selbsterkenntnis. 
Die sieben Stufen der Rosenkreuzer-Schulung. Zusammenhang zwischen 
dem Menschen und der ganzen Erde. Uber das Erdinnere, Erdbeben und 
Vulkanausbriiche. 

Fragenbeantwortung (Notizen), 2. September 1906 150 

Fragenbeantwortung (Notizen), 4. September 1906 157 

Hinweise 

Zu dieser Ausgabe 165 

Texthinweise 166 

Schematische Ubersicht uber die Weltentwickelungsstufen 

(zum 9. Vortrag, 31. August 1906) 170 

Namenregister 171 

Rudolf Steiner iiber die Vortragsnachschriften 173 

Ubersicht iiber die Rudolf Steiner Gesamtausgabe 175 



ERSTER VORTRAG 



Stuttgart, 22. August 1906 

Es soil in diesen Vortragen ein allgemeiner Uberblick iiber das Ge- 
samtgebiet der theosophischen Weltanschauung gegeben werden. 
Nicht immer ist Theosophie so wie heute gelehrt worden in Vortra- 
gen und Buchern, die jedem zuganglich sind. Friiher wurde Theoso- 
phie als etwas angesehen, das nur in kleinen intimen Zirkeln gelehrt 
werden konnte. Das Wissen beschrankte sich auf die Kreise von Ein- 
geweihten, auf okkulte Briiderschaften; die Allgemeinheit sollte nur 
die Fruchte dieses Wissens haben. Weder von ihrem Wissen und von 
ihren Taten noch von dem Ort ihres Wirkens war viel bekannt. 
Was die Welt an grofien geschichtlichen Menschen kennt, das waren 
eigentlich nicht die grofiten. Die Grofiten, die Eingeweihten, hielten 
sich zuriick. 

So trat im 18. Jahrhundert ein solcher Eingeweihter einmal in ei- 
nem Augenblick, der gar nicht beachtet wurde, vor einen Schriftstel- 
ler hin, wurde mit ihm fliichtig bekannt und sprach Worte, die der 
andere gar nicht besonders beachtete, die aber dennoch in ihm nach- 
wirkten und gewaltige Gedankenbilder erzeugten, deren schriftstel- 
lerische Fruchte heute in unzahligen Handen sind. Dieser andere 
war Jean-Jacques Rosseau. Er war kein Eingeweihter, aber die Quelle 
seines Wissens ging auf einen solchen zuriick. 

Ein anderes Beispiel: Jakob Bohme war als Schusterlehrling allein 
im Laden, in welchem er noch nichts verkaufen durfte. Da kam eine 
Personlichkeit zu ihm, die einen tiefen Eindruck auf ihn machte; sie 
sagte einige Worte und entfernte sich dann wieder. Gleich darauf 
horte er seinen Namen rufen: Jakob, Jakob, du bist jetzt noch klein, 
du wirst aber grofi werden. Merke dir, was du heute gesehen hast. - 
Es blieb eine geheime Anziehung zwischen ihm und jener Person- 
lichkeit, die ein grofier Eingeweihter war. Von ihm stammten die 
machtigen Inspirationen Bohmes. 

Es gab auch noch andere Mittel, durch die friiher ein Eingeweih- 
ter gewirkt hat. Jemand hat zum Beispiel einen Brief bekommen, 



der dazu bestimmt war, irgendeine Tat zu veranlassen. Er war viel- 
leicht Minister und hatte die aufiere Macht, irgend etwas auszufuh- 
ren, aber nicht den Gedanken dazu. In dem Briefe stand etwas, was 
gar nichts zu tun hatte mit dem, was ubermittelt werden sollte, viel- 
leicht ein Bittgesuch. Man hatte aber den Brief noch auf eine andere 
Art lesen konnen: Man brauchte nur immer vier Worte auszustrei- 
chen und das funfte stehen zu lassen, dann gab der Rest einen neuen 
Zusammenhang, den naturlich der Empfanger gar nicht bemerkte, 
der aber zum Inhalt hatte, was geschehen sollte. Waren nun die 
Worte die richtigen, so wirkten sie, auch ohne dafi der Leser den 
Sinn im Tagesbewufksein aufgenommen hatte. In ahnlicher Weise 
schrieb ein deutscher Gelehrter, der zugleich ein Eingeweihter war, 
der Lehrer von Agrippa von Nettesbeim, Trithem von Sponheim. In 
seinen Werken, mit dem richtigen Schlussel gelesen, steht vieles, was 
heute in der Theosophie gelehrt wird. 

Es war damals notwendig, daft nur einige wenige, die geniigend 
vorbereitet waren, in diese Dinge eingeweiht wurden. Wozu war 
dieses Geheimhalten notwendig? Gerade um dem Wissen die richti- 
ge Stellung zu verschaffen, konnte man es nur den geniigend Vorbe- 
reiteten geben; die anderen empfanden nur die Segnungen. Es war ja 
kein Wissen fur die Befriedigung der Neugierde oder der bloften 
Wiftbegierde. Dieses Wissen sollte in die Tat umgesetzt werden, es 
sollte arbeiten an den staatlichen und gesellschaftlichen Einrichtun- 
gen, es sollte die Welt praktisch gestalten. Und so gehen alle groften 
Fortschritte in der Menschheitsentwickelung zuriick auf die Impul- 
se von Okkultem. Deshalb wurden auch alle, die der theosophi- 
schen Lehren teilhaftig werden sollten, schweren Proben und Prii- 
fungen unterworfen, ob sie auch wurdig dafur seien, und dann 
wurden sie stufenweise eingeweiht, ganz langsam von unten nach 
oben gefuhrt. 

Von dieser Methode ist in letzter Zeit abgegangen worden; man 
lehrt jetzt die elementaren Lehren offentlich. Die Veroffentlichung 
war notwendig, weil die fruheren Mittel, die Fruchte einfliefien zu 
lassen in die Menschheit, versagen wurden. Zu diesen Mitteln gehor- 
ten auch die Religionen, und in alien Religionen ist diese Weisheit 



enthalten; heute aber spricht man von einem Gegensatz zwischen 
Wissen und Glauben. Wir haben heute notig, auf den Wegen des 
Wissens zu der hdheren Erkenntnis zu kommen. 

Die eigentlichste Ursache aber fur die Veroffentlichung ist die 
Erfindung der Buchdruckerkunst. Vorher wurden die theosophi- 
schen Lehren mundlich, von Person zu Person erteilt; kein Unreifer 
oder Unwiirdiger horte davon. Aber durch die Bucher hat das Wis- 
sen von den sinnlichen Dingen Verbreitung gefunden, und durch sie 
ist es popular geworden. Daher entstand auch der Zwiespalt zwi- 
schen Wissen und Glauben. 

Solche Ursachen aber machen es notwendig, daft aus dem groften 
Schatze des Geheimwissens aller Zeiten jetzt vieles veroffentlicht 
werden mufi. Fragen wie: Woher kommt der Mensch? Was ist sein 
Ziel? Was verbirgt die sichtbare Gestalt? Was geschieht nach dem 
Tode? - mufiten beantwortet werden, und zwar nicht durch Hypo- 
thesen und Theorien und Mutmafiungen, sondern durch die Tat- 
sachen. 

Das eigentliche Ratsel des Menschen zu enthullen, das war es, um 
was es sich bei aller Geheimwissenschaft handelte. Alles, was hier- 
iiber gesagt werden soil, wird gegeben von dem eigentlichen Stand- 
punkt des praktischen Okkultismus aus; nicht irgendeine Theorie 
soli es sein, die man im Praktischen nicht brauchen kann. Solche 
Theorien sind dadurch entstanden und in die theosophische Litera- 
tur eingedrungen, daft im Anfang die Leute, welche die Bucher 
schrieben, selbst nicht genau verstanden, was sie schrieben. Solches 
mag ja fur die Wifibegier recht nutzlich sein. Die Theosophie aber 
soli Leben werden. 

Wir wenden uns zuerst dem Wesen des Menschen zu. Wenn uns 
ein Mensch entgegentritt, so sehen wir zunachst mit unseren aufie- 
ren Sinnesorganen das, was wir in der theosophischen Sprache den 
physischen Leib nennen. Dieser physische Leib ist etwas, was der 
Mensch mit der gesamten Umwelt gemeinsam hat. Das ist das einzi- 
ge, was die aufiere Wissenschaft gelten lafit, und doch ist es nur ein 
kleiner Teil des Menschen. Wir mussen tiefer eindringen in das We- 
sen des Menschen, denn schon eine blofie Uberlegung lehrt, daft es 



mit diesem physischen Menschen eine ganz besondere Bewandtnis 
haben muft. Es gibt eben noch andere Dinge, die man sehen, beta- 
sten kann und so weiter; jeder Stein ist schon ein physischer Korper. 
Aber der Mensch kann sich bewegen, er kann fiihlen, denken, er 
wachst, er ernahrt sich, pflanzt sich fort. Das alles ist beim Stein 
nicht der Fall, wohl aber entsprechend bei der Pflanze und dem 
Tier. Mit alien Pflanzen hat der Mensch die Ernahrung, das Wachs- 
tum, die Fortpflanzung gemeinsam. Hatte er nur einen physischen 
Korper wie der Stein, so konnte er nicht wachsen, sich ernahren, 
sich fortpflanzen. Er mufi also etwas haben, was ihn fahig macht, die 
physischen Krafte und Stoffe so zu verwerten, dafi sie ihm Mittel 
werden, zu wachsen und so weiter. Das ist der Atherleib. 

So hat der Mensch seinen physischen Leib mit allem Minerali- 
schen gemeinsam, den Atherleib nur mit den Pflanzen und Tieren. 
Das ist zunachst durch eine blofie Uberlegung festgestellt. Nun ist 
aber noch eine andere Moglichkeit vorhanden, sich davon zu liber- 
zeugen, dafi es einen Atherleib gibt, Diese Fahigkeit hat nur der, der 
seine hoheren Sinne ausgebildet hat. Solche hoheren Sinne sind 
nicht anders aufzufassen, als eine hohere Ausbildung dessen, was in 
jedem Menschen schlummert. 

Es ist wie beim Blindgeborenen, der operiert wird; nur dafi nicht 
jeder Blindgeborene operiert werden kann, dafi die geistigen Sinne 
aber bei jedem Menschen entwickelt werden konnen, wenn er die 
notige Geduld hat und die entsprechende Vorbereitung durch- 
macht. Schon um dieses Prinzip des Lebens, von Wachstum, Fort- 
pflanzung und Ernahrung wahrzunehmen, gehort eine ganz be- 
stimmte hohere Wahrnehmung. An dem Beispiel des Hypnotisie- 
rens konnen wir uns klarmachen, was gemeint ist. 

Der Hypnotismus, der den Eingeweihten immer bekannt war, 
bedeutet einen anderen Bewufkseinszustand als der gewohnliche 
Schlaf. Ein Hypnotisierter ist im Rapport mit dem Hypnotiseur. 
Man kann nun unterscheiden zwischen positiver und negativer Sug- 
gestion, die beim Hypnotisierten auftreten. Die erstere lafit etwas 
wahrnehmen, was nicht vorhanden ist. Die negative Suggestion be- 
steht darin, daft die Aufmerksamkeit abgelenkt wird von dem, was 



vorhanden ist. Es ist das nur eine Steigerung eines anderen Zustan- 
des: Im gewohnlichen Leben konnen wir auch unsere Aufmerksam- 
keit von einem Dinge abwenden, so dafi wir es nicht sehen, trotz- 
dem unsere Augen geoffnet sind. Das passiert uns ja unwillkurlich 
taglich, wenn wir vertieft in etwas sind. Die Theosophie will nichts 
zu tun haben mit solchen Zustanden, bei denen der Bewulkseinszu- 
stand des Menschen abgestumpft ist und er sich in einem Dammer- 
zustand befindet. Der Mensch, der zu theosophischen Wahrheiten 
kommen will, mufi beim Untersuchen der hoheren Welten seiner 
Sinne ebenso machtig sein wie beim Untersuchen der alltaglichen 
Dinge. Die grofien Gefahren der Einweihung konnen nur dann iiber 
den Menschen kommen, wenn sein Bewuiksein herabgedampft 
wird. 

Wer den Atherleib aus eigener Anschauung kennenlernen will, 
der mufi imstande sein, bei voller Aufrechterhaltung des gewohnli- 
chen Bewufitseins sich selbst durch eigene Willensstarke den physi- 
schen Leib abzusuggerieren. Dann aber ist der Raum fur ihn trotz- 
dem nicht leer; vor sich hat er dann den Atherleib, der in einer rot- 
lich-blaulichen Lichtform, wie ein Schemen, aber glanzend, leuch- 
tend, etwas dunkler als junge Pfirsichbluten, erscheint. Diesen 
Atherleib konnen wir niemals sehen, wenn wir einen Kristall be- 
trachten, wohl aber bei der Pflanze und beim Tier, denn dieser Teil 
ist es ja, der die Ernahrung, das Wachstum und die Fortpflanzung 
bewirkt. 

Der Mensch aber hat nicht nur diese Fahigkeiten, er hat auch die 
Fahigkeit der Empfindung von Lust und Schmerz. Die hat die Pflan- 
ze nicht. Der Eingeweihte kann das durch eigene Erfahrung untersu- 
chen, weil er sich mit der Pflanze identifizieren kann. Das Tier je- 
doch hat diese Fahigkeit, denn es hat ein weiteres Glied mit dem 
Menschen gemeinsam: das ist der Astralleib. Er umfafit alles, was 
wir als Begierde, Leidenschaft und so weiter kennen. Das ist nun 
wieder durch eine Uberlegung klar, durch ein inneres Erlebnis. Fur 
den Eingeweihten aber kann es ein aufSeres Erlebnis werden. Dieses 
dritte Glied des Menschen schaut der Eingeweihte als eiformige 
Wolke, die sich in einer fortwahrenden inneren Bewegung befindet; 



es ist das eine Wolke, die den Korper umgibt, in der der physische 
Korper und der Atherleib darinstecken. Es ist so, dafi, wenn man 
physischen Leib und Atherleib absuggeriert, alles ausgefullt ist von 
einer feinen Lichtwolke mit innerer Beweglichkeit. In dieser Wolke, 
in dieser Aura sieht der Eingeweihte jede Begierde, jeden Trieb und 
so weiter als Farbe und Gestalt des Astralleibes; so sieht er zum Bei- 
spiel heftige Leidenschaft als blitzartige Strahlen aus dem Astralleib 
hervorschiefien. 

Die Tiere haben einen Astralleib, der je nach der Gattung ver- 
schiedene Grundfarben hat; der Astralleib des Lowen hat eine ande- 
re Grundfarbe als derjenige des Lammes. Und auch beim Menschen 
ist die Grundfarbe nicht stets die gleiche, und wenn man fur feinere 
Unterschiede einen Sinn hat, kann man beim Menschen das Tempe- 
rament, die Grundstimmungen in seiner Aura erkennen. Nervose 
Menschen haben eine getigerte, von Punkten durchsetzte Aura. 
Diese Punkte sind nicht ruhig, sondern leuchten immer auf und 
verschwinden wieder. So ist es immer, und deshalb kann man 
auch die Aura nicht malen. 

Aber der Mensch unterscheidet sich auch noch vom Tiere. Da 
kommen wir zu dem vierten Gliede der menschlichen Wesenheit. 
Dieses vierte Glied liegt ausgesprochen in einem Namen, der sich 
von alien iibrigen Namen unterscheidet: «Ich» kann ich nur zu mir 
selbst sagen. Es gibt in der ganzen Sprache keinen Namen, den nicht 
jeder andere auch zu dem gleichen Gegenstand sagen konnte. Nicht 
so das Ich; das kann der Mensch nur zu sich selber sagen. Das haben 
diejenigen, die eingeweiht waren, von jeher empfunden. Der hebrai- 
sche Eingeweihte nannte so den «unaussprechlichen Namen Gottes», 
des Gottes, der im Menschen wohnt, denn er ist nur in dieser Seele 
fur diese Seele auszusprechen. Er mufi aus der Seele hervortonen, sie 
mufi sich einen eigenen Namen geben; kein anderer kann ihr einen 
Namen geben. Daher die wunderbare Stimmung, die durch die Zu- 
horer ging, wenn der Name «Jahve» ausgesprochen wurde; denn 
Jahve oder Jehova bedeutet «Ich» oder «Ich bin». In dem Namen, 
den sich die Seele gibt, beginnt der Gott in der eigenen Seele zu 
sprechen. 



Diese Eigenschaft hat der Mensch vor dem Tiere voraus. Das 
Tier besitzt nicht die Fahigkeit, zu sich «Ich» zu sagen. Die Fahig- 
keit, sich selbst einen Namen zu geben, hat der Mensch allein. Man 
mufi sich einmal die ungeheure Bedeutung dieses Wortes vor die 
Seele riicken. Jean Paul erinnert sich in seiner Selbstbiographie, wie 
er als ganz kleiner Junge vor einer Scheune stand und ihm bewufit 
wurde, dafi er ein Ich sei. Er wufite, dafi er das Unsterbliche in sich 
erfahren hatte. 

Wiederum driickt sich dies fur den Seher in einer eigentumlichen 
Weise aus. Wenn er den Astralleib untersucht, ist alles in fortwah- 
render Bewegung bis auf einen einzigen kleinen Raum; der bleibt, 
wie eine etwas in die Lange gezogene eiformige blauliche Kugel, et- 
was hinter der Stirne, bei der Nasenwurzel. Sie findet sich nur beim 
Menschen. Bei dem Gebildeten ist sie nicht mehr so wahrnehmbar 
wie bei dem Ungebildeten; am deutlichsten ist sie bei den in der Kul- 
tur tiefstehenden Wilden. An dieser Stelle ist in Wahrheit nichts, ein 
leerer Raum. Wie die Mitte der Flamme, die leer ist, durch den 
Lichtkranz blau erscheint, so erscheint auch diese dunkle leere Stelle 
blau, weil das aurische Licht ringsherum strahlt. Das ist der aufiere 
Ausdruck fur das Ich. 

Diese vier Teile hat jeder Mensch. Aber es ist ein Unterschied 
zwischen einem Wilden und einem europaischen Kulturmenschen, 
zwischen diesem und einem Franz von Assisi oder einem Schiller. 
Die Veredelung der Sitten bildet auch edlere Farben in der Aura. 
Das Wachstum in der Unterscheidung von Gut und Bose zeigt sich 
auch in der verfeinerten Aura. Um kultiviert zu werden, hat das Ich 
gearbeitet am Astralleib und die Begierden veredelt. Je hoher ein 
Mensch in moralischer und intellektueller Kultur steht, desto mehr 
hat das Ich hineingearbeitet in den Astralleib. Der Seher kann sagen: 
Dies ist ein Entwickelter, dies ist ein Unentwickelter. 

Was der Mensch selbst in den Astralleib hineingearbeitet hat, das 
nennt man Manas; das ist der fiinfte Grundteil. So viel also der 
Mensch selbst in sich hineingearbeitet hat, so viel ist in ihm Manas; 
daher ist immer ein Teil seines Astralleibes Manas. Aber es ist dem 
Menschen nicht unmittelbar gegeben, auch auf seinen Atherleib 



einen Einflufi auszmiben. So wie man lernt, auf eine hohere mora- 
lische Stufe zu kommen, so kann man auch lernen, in seinen Ather- 
leib hineinzuarbeiten. Wer dies lernt, ist ein Schiiler, ein Chela. Da- 
durch wird der Mensch Herr iiber seinen Atherleib, und so viel er in 
diesen hineingearbeitet hat, so viel ist in ihm vorhanden von Budhi. 
Das ist der sechste Grundteil, der umgewandelte Atherleib. 

Einen solchen Chela konnen wir an etwas erkennen. Der ge- 
wohnliche Mensch ist nicht ahnlich seiner friiheren Verkorperung, 
weder in Gestalt noch Temperament; der Chela aber hat dieselben 
Gewohnheiten, dasselbe Temperament wie in der friiheren Verkor- 
perung. Er bleibt sich ahnlich. Er hat bewufit hineingearbeitet in 
den Leib, der Fortpflanzung und Wachstum tragt. 

Die hochste Gabe, die der Mensch auf dieser Erde erreichen 
kann, ist, da$ er in seinen physischen Leib hinunterarbeitet. Das ist 
das Allerschwerste. Auf den physischen Leib arbeiten heifit, seinen 
Atem beherrschen lernen, seinen Blutumlauf bearbeiten, die Ner- 
venarbeit verfolgen, auch den Denkprozefi regeln. Derjenige, der 
auf dieser Stufe steht, heilk in theosophischer Sprache ein Adept, 
und dieser hat dann das, was man Atma nennt, an sich ausgebildet. 
Das ist der siebente Grundteil. 

Jeder Mensch hat vier Teile ausgebildet, den funften teilweise, die 
anderen in der Anlage. Physischer Leib, Atherleib, Astralleib, Ich, 
Manas, Budhi, Atma, das sind die sieben Glieder der menschlichen 
Wesenheit. Durch sie hat der Mensch Anteil an den drei Welten: der 
physischen Welt, der astralischen Welt und der Devachan- oder 
Geisteswelt. 



ZWEITER VORTRAG 



Stuttgart, 23. August 1906 

Wenn man von den Erkenntnissen hoherer Daseinsgebiete spricht, 
von denen die Eingeweihten wissen, die aber dem gewohnlichen 
Menschen heute noch nicht zuganglich sind, dann wird gegeniiber 
diesem Besprechen iibersinnlicher Tatsachen oft ein naheliegender 
Einwand gemacht. Er heilk: Was erzahlt ihr, die ihr vorgebt, ein ho- 
heres Wissen zu besitzen, uns von hoheren Welten? Was hat das fur 
eine Bedeutung fur uns, die wir doch selbst nicht in ubersinnliche 
Welten hineinschauen konnen? 

Darauf erwidere ich mit den schonen Worten einer jungen Zeit- 
genossin, die durch ihr Schicksal in den weitesten Kreisen bekannt- 
geworden ist: Helen Keller. Sie wurde im zweiten Lebensjahre blind 
und taub. Im siebenten Jahre war dieses Menschenkind noch immer 
wie eine Art Tier. Da fand sich eine liebevolle Seele, eine geniale 
Lehrerin, und heute, im sechsundzwanzigsten Lebensjahre, gehort 
Helen Keller wohl zu den Gebildetsten ihres Volkes. Sie ist einge- 
drungen in die Wissenschaften und hat eine erstaunliche Belesen- 
heit; sie ist vertraut nicht nur mit den klassischen und modernen 
Dichtern, sondern sie kennt auch und studiert die Philosophen, 
wie Plato, Spinoza und so weiter. Und sie, der die Welt des Lichtes 
und der Tone verschlossen ist fur immer, hegt einen ergreifenden 
Lebensmut und innige Freude iiber die Schonheit und Herrlichkeit 
der Welt. Einige Satze aus ihrem Buch iiber «Optimismus» schrei- 
ben sich uns fest in die Seele. Sie sagt: Oh, es lagerte sich um mich 
herum durch Jahre Nacht und Finsternis, und es hat sich eine 
Seele gefunden, die mich gelehrt hat, und an Stelle von Nacht 
und Finsternis trat Friede und Hoffnung. - Eine andere Stelle: Ich 
habe mir durch Denken und Empfinden den Himmel erobert. - 
Eines nur konnte dieser Seele gegeben werden - nicht Gesicht 
oder Gehor, die Sinneswelt bleibt ihr verschlossen, nur durch 
Kunde anderer Menschen dringt sie zu ihr -, aber die erhabenen 
Gedanken der grofien Genien sind in ihre Seele geflossen, und durch 



die Kunde der Wissenden hat sie Anteil an einer Welt, die Sie alle 
kennen. 

Das ist die Situation dessen, der nur durch die Mitteilungen ande- 
rer von hoheren Welten hort und selbst nicht hineinschauen kann 
in diese hoheren Welten. Solch ein Vergleich lehrt die Bedeutsam- 
keit der Mitteilungen aus hoheren Welten, wenn man sie auch noch 
nicht selbst schauen kann. Aber noch etwas anderes steht vor unse- 
rer Seele. Helen Keller mufi sich sagen: Niemals werde ich die Welt 
selbst schauen. - Jeder Mensch aber kann sich sagen: Auch ich wer- 
de die hoheren Welten schauen, wenn meine Geistesaugen geoffnet 
werden. - Die geistigen Augen und Ohren der Seele sind fiir jeden 
operierbar, wenn er nur die notige Geduld und Ausdauer hat. 

Wie lange dauert es denn, bis ich einen Einblick gewinne? - so 
fragen wieder andere. Da hat der bedeutende Denker Subba Row ei- 
ne schone Antwort gegeben. Er sagt: Der eine erreicht es in siebzig 
Inkarnationen, der andere in sieben Inkarnationen, der eine in sieb- 
zig Jahren, der andere in sieben Jahren, ein anderer in sieben Mona- 
ten, in sieben Wochen, in sieben Tagen, in sieben Stunden. - Oder 
die hohere Erkenntnis kommt, wie die Bibel sagt, «wie ein Dieb in 
der Nacht». Jedes geistige Auge kann geoffnet werden, wenn der 
Mensch nur die notige Energie und Geduld hat. Darum kann jeder 
Freude und Hoffnung schopfen aus den Mitteilungen anderer, denn 
was wir horen uber die hoheren Welten, sind keine Theorien, ist 
nicht etwas, was ohne Beziehung zu unserem Leben steht. Es ist 
etwas, was uns zwei Dinge als Friichte bringt, die wir haben miissen 
im Leben, wenn wir es richtig ergreifen wollen: Kraft und Sicherheit. 
Und beides gewinnen wir im vollsten Umfange: Kraft aus den Impul- 
sen der hoheren Welten, Sicherheit, wenn wir das Woher und Wohin 
des Menschen wissen, wenn uns bewulk wird, dafi wir sichtbar ein 
Geschopf der unsichtbaren Welt sind. Aber nur der kennt recht die 
sichtbare Welt, der auch von den zwei anderen Welten wei£. 

Die drei Welten sind: 

1. die physische Welt, der Schauplatz aller Menschen 

2. die astralische oder seelische Welt 

3. die devachanische oder geistige Welt. 



Diese drei Welten sind raumlich voneinander nicht getrennt. Es um- 
geben uns die Dinge der physischen Welt, die wir mit den aufteren 
Sinnesorganen wahrnehmen; aber in demselben Raume mit uns ist 
auch die astralische Welt. Ebenso wie in der physischen Welt leben 
wir auch zugleich in den beiden anderen Welten, in der astralischen 
und in der devachanischen Welt. Uberall, wo wir sind, sind auch die 
drei Welten. Wir sehen die hoheren Welten nur noch nicht, gleich 
dem Blinden, der die physische Welt nicht sieht. Aber wenn die 
Seelensinne dem Menschen geoffnet werden, dann tritt die neue 
Welt mit den neuen Eigenschaften und den neuen Wesenheiten 
fur ihn hervor. Bekommt er neue Sinne, bekommt er auch neue 
Dinge. 

Wenn wir nun zu einer naheren Betrachtung dieser drei Welten 
schreiten, so konnen wir sagen: Die physische Welt ist nicht beson- 
ders zu charakterisieren. Jeder kennt sie, und jeder lernt die phy- 
sischen Gesetze, die darin gelten, kennen. 

Die Astralwelt lernt er kennen nach dem Tode, oder er lebt jetzt 
darin als Eingeweihter. Der Schiiler, dessen Sinne fur die Astralwelt 
geoffnet werden, ist zunachst in einer Verwirrung, denn was dort 
auftaucht, ist mit nichts in der physischen Welt recht zu verglei- 
chen. Man mufi viele Dinge ganz neu lernen. Die Astralwelt charak- 
terisiert sich durch eine Reihe von Eigenschaften. Eine verwirrende 
Eigenschaft ist vor allem fur den Schiiler, daft ihm alle Dinge ver- 
kehrt, sozusagen im Spiegelbilde erscheinen, so daft er sich gewoh- 
nen mu£, sie ganz anders anzusehen. Er mu!5 zum Beispiel lernen, 
Zahlen von riickwarts nach vorwarts zu lesen. Wir sind gewohnt, ei- 
ne Zahl so zu lesen, daft, wenn dasteht 3, 4, 5, wir 345 lesen; in der 
Astralwelt mussen wir umgekehrt, 543 lesen. Alles kehrt sich zum 
Spiegelbild um. Das ist sehr wichtig zu wissen. Das trifft auch fur 
hohere Dinge, zum Beispiel moralische Dinge zu, auch solche er- 
scheinen im Spiegelbild. Das begreifen die Leute zunachst nicht 
recht. Viele Menschen heutzutage klagen, daft sie sich umgeben se- 
hen von bosartigen schwarzen Gestalten, die sie bedrohen und beang- 
stigen und dergleichen. Das ist eine Erscheinung, die heute schon 
sehr viele Menschen befallt und uber die die meisten gar nicht Be- 



scheid wissen. In vielen Fallen verhalt es sich nun so: Es sind das die 
eigenen Triebe, Begierden und Leidenschaften, die im Menschen le- 
ben, und zwar in dem, was wir den Astralkorper nennen. Der ge- 
wohnliche Mensch sieht ja nicht seine eigenen Leidenschaften, aber 
durch besondere Vorgange in der Seele und im Gehirn kann der Fall 
eintreten, daft sie ihm sichtbar werden; nur erscheinen sie ihm dann 
wie im Spiegelbild. Wie einer, der in den Spiegel schaut und rund 
um sich die Gegenstande sieht, so erblickt er rund um sich die Spie- 
gelbilder seiner eigenen Triebe und so weiter. Alles, was aus ihm 
herausstromt, sieht er dann auf sich einstromen. Eine andere Er- 
scheinung ist, daft die Zeit und die Ereignisse nach riickwarts ge- 
hen. Zum Beispiel sehen wir im Physischen zuerst die Henne und 
dann das Ei. Im Astralischen sieht man umgekehrt erst das Ei und 
dann die Henne, welche das Ei gelegt hat. Im Astralen bewegt sich 
die Zeit zuriick; erst sieht man die Wirkung und dann die Ursache. 
Daher der prophetische Blick; niemand konnte kunftige Ereignisse 
voraussehen ohne dieses Ruckwartsgehen von Zeitereignissen. 

Es ist nicht wertlos, diese Eigentiimlichkeiten der Astralwelt 
kennenzulernen. Viele Mythen und Sagen aller Volker haben sich 
mit wunderbarer Weisheit damit beschaftigt, zum Beispiel die Sage 
vom Herkules auf dem Scheidewege. Es wird gesagt, daft er sich 
einst hingestellt fuhlte vor zwei weibliche Gestalten, die eine schon 
und verlockend; sie versprach ihm Lust, Gliick und Seligkeit, die 
zweite einfach und ernst, von Miihsal, schwerer Arbeit und Entsa- 
gung sprechend. Die beiden Gestalten sind das Laster und die Tu- 
gend. Diese Sage sagt uns richtig, wie im Astralen des Herkules eige- 
ne zwei Naturen vor ihn treten, die eine, die ihn zum Bosen, die an- 
dere Natur, die ihn zum Guten drangt. Und diese erscheinen im 
Spiegelbilde als zwei Frauengestalten mit entgegengesetzten Eigen- 
schaften: das Laster schon, iippig, bestrickend, die Tugend haftlich 
und abstoftend. Ein jedes Bild erscheint im Astralen umgekehrt. 

Die Gelehrten schreiben solche Sagen dem Volksgeist zu. Dies 
ist nicht wahr. Auch nicht zufallig sind diese Sagen entstanden. Die 
groften Eingeweihten haben sie nach ihrer Weisheit geformt und 
den Menschen mitgeteilt. Alle Sagen, Mythen, alle Religionen, alle 



Volksdichtungen dienen zur Losung der Weltratsel und beruhen auf 
Eingebungen der Eingeweihten. 

Die Erkenntnisse der hoheren Welten bringen uns Impulse und 
Krafte zum Leben, und durch sie wird eine Begriindung der Moral 
erlangt. Schopenhauer sagt: «Moral predigen ist leicht, Moral begriin- 
den schwer.» Ohne eine wirkliche Begriindung jedoch wird man 
sich die Moral nie wirklich zu eigen machen. 

Viele Menschen sagen: Was sollen uns die Erkenntnisse hoherer 
Welten, wenn wir nur gute Menschen werden und moralische Prin- 
zipien haben! - Aber auf die Dauer werden keine Moralpredigten ei- 
ne Wirkung haben, wohl aber wird die Erkenntnis der Wahrheit die 
richtige Moral begriinden. Der Moralprediger gleicht dem Men- 
schen, der dem Ofen seine Pflichten vom Heizen und Warmen vor- 
predigt, ihm aber keine Kohlen gibt. Will man Moral begriinden, 
mufi man der Seele «Heizmaterial» geben, und das geschieht nur 
durch die Erkenntnis der Wahrheit. 

Es gibt einen Satz im Okkultismus, der jetzt bekannt werden 
kann: Jede Luge ist in der Astralwelt ein Mord! - Das ist ein sehr be- 
deutungsvoller Satz, dessen Wichtigkeit nur der einsieht, der Er- 
kenntnis der hoheren Welten hat. Wie leichthin sprechen die Men- 
schen: Ach, das ist ja nur ein Gedanke, ein Gefiihl, das bleibt in der 
Seele; eine Ohrfeige darf ich nicht geben, aber ein schlechter Gedan- 
ke, der schadet nichts. - Es gibt kein unwahreres Sprichwort als: Ge- 
danken sind zollfrei, - denn jeder Gedanke, jedes Gefiihl ist eine 
Wirklichkeit, und wenn ich denke, einer sei ein schlechter Mensch 
oder ich Hebe ihn nicht, so ist das fur den, der in die Astralwelt hin- 
einschauen kann, wie ein Pfeil, wie ein Blitz, der sich wie eine Flin- 
tenkugel gegen den Astralleib des anderen bewegt und ihn schadigt. 
Jedes Gefiihl, jeder Gedanke ist eine Wesenheit, eine Form in der 
Astralwelt, und fur den, der Einblick hat in diese Welt, ist es oft viel 
schlimmer, mit anzusehen, wenn einer einen schlechten Gedanken 
iiber seinen Mitmenschen hat, als wenn er ihn physisch schadigt. 
Macht man diese Wahrheit bekannt, so heifk das Moral begriinden, 
nicht predigen. Sagt man iiber einen Menschen die Wahrheit, so bil- 
det sich eine Gedankenform, die der Seher nach Form und Farbe er- 



kennen kann und die das Leben des Nachsten verstarkt. Der Gedan- 
ke, der eine Wahrheit enthalt, geht auf die Wesenheit hin, auf die er 
sich bezieht, und fordert und belebt sie. Wenn ich also eine Wahr- 
heit denke iiber meinen Mitmenschen, so starke ich sein Leben; sage 
ich eine Luge iiber ihn, so strome ich eine feindliche Kraft auf ihn, 
die zerstorend, ja to tend wirkt. Daher ist jede Luge ein Mord. Jede 
Wahrheit bildet ein lebenforderndes Element, jede Liige ein leben- 
hemmendes Element. Wer das weiE, der wird sich mehr in acht 
nehmen in bezug auf Wahrheit und Liige als jener, dem man nur 
predigt, man solle nur immer hiibsch die Wahrheit sagen. 

Die Astralwelt ist in der Hauptsache aus Formen und Farben zu- 
sammengesetzt. Solche gibt es auch in der physischen Welt; wir sind 
aber gewohnt, auf dem physischen Plan die Farben immer mit ei- 
nem Gegenstand verbunden zu sehen. In der astralen Welt schwebt 
diese Farbe wie ein Flammenbild frei in der Luft. Es gibt eine Er- 
scheinung der physischen Welt, die an diese schwebenden Farben 
erinnert, das ist der Regenbogen. Aber die astralischen Farbenbilder 
sind frei im Raum beweglich, sie vibrieren wie eine Flut von Farben, 
ein Farbenmeer in immer wechselnden, verschiedenartigen Linien 
und Formen. 

Allmahlich aber kommt der Schiiler dazu, eine gewisse Ahnlich- 
keit zwischen der physischen und astralen Welt zu erkennen. Zuerst 
erscheint ihm diese Glut, dieses Farbenmeer sozusagen als herrenlos, 
es haftet nicht an Gegenstanden. Dann aber treten die Farben- 
flocken zusammen und heften sich, zwar nicht an Gegenstande, 
aber an Wesenheiten. Wahrend vorher nur eine schwebende Form 
gesehen wurde, offenbaren sich jetzt durch diese Farben geistige 
Wesenheiten, die man Gotter, Devas, nennt. Es sprechen sich darin 
geistige Wesenheiten aus. Eine Welt von Wesenheiten, die durch 
Farben zu uns spricht, ist die Astralwelt. 

Die Astralwelt ist die Welt der Farben; hoher noch steht die de- 
vachanische, die geistige Welt. Wenn der Schiiler die geistige Welt 
kennenlernt, bemerkt er das an einem ganz bestimmten Vorgang; er 
lernt verstehen ein tiefes Wort indischer Weisheit, Tat tvam asi, das 
heifk: Das bist du! - Dariiber ist viel geschrieben worden. Die wahre 



Bedeutung lernt der Schiiler erst kennen, wenn er von der astralischen 
in die Devachanwelt eintritt. Da sieht er in einem Moment seine 
physische Gestalt aufierhalb seiner selbst und sagt: Das bist du. - 
Wahrend er friiher zu sich gesprochen hat: Das bin ich, - sieht er 
jetzt seine physische Gestalt aufierhalb seiner selbst und sagt: Das 
bist du. - In diesem Moment ist der Mensch in der Devachanwelt. 
Da tritt fur ihn zu der Welt der Farben klar und deutlich noch eine 
andere Welt hinzu: die Welt der Tone, die in einem gewissen Sinne 
schon da war, aber nicht diese Bedeutung hatte. Die Devachanwelt 
ist die tonende Welt. Dieses Tonen bezeichnete Pythagoras als Spha- 
renmusik. Tonend hort man die Weltenkorper ihre Bahnen ziehen. 
Man vernimmt die Weltenharmonie, alles lebt in Tonen. Goethe lafit 
als Eingeweihter die Sonne tonen, er zeigt das Geheimnis des Deva- 
chan. Als Faust im Himmel, in der geistigen Welt ist, umgeben von 
Devas, da tont die Sonne, da tonen die Spharen: 

Die Sonne tont nach alter Weise 
In Bruderspharen Wettgesang, 
Und ihre vorgeschriebne Reise 
Vollendet sie mit Donnergang. 

Er meint den Geist der Sonne, der wirklich tont, wenn man in der 
Devachanwelt weilt. Daft Goethe dies meint, konnen wir daraus er- 
sehen, daft er bei dem Bilde bleibt. Im zweiten Teil von «Faust», als 
Faust wieder in diese Welt entruckt wird, heifit es: 

Tonend wird fur Geistesohren 
Schon der neue Tag geboren. 
Felsentore knarren rasselnd, 
Phobus' Rader rollen prasselnd, 
Welch Getose bringt das Licht! 
Es drommetet, es posaunet, 
Auge blinzt und Ohr erstaunet, 
Unerhdrtes hort sich nicht. 

Man hort die devachanische und sieht die astralische Welt. Beim 
Eintritt in die devachanische Welt bleibt fur den Schiiler die Astral- 



welt voll bestehen, sie verandert sich aber fur ihn. Wenn man zuerst 
die Devachanwelt betritt, bietet sie einem einen merkwiirdigen An- 
blick: Man sieht in der Devachanwelt jedes Ding im Negativ, wie 
auf der photographischen Platte. Wo ein physischer Gegenstand ist, 
sieht man nichts; was physisch hell ist, ist dort schwarz, und umge- 
kehrt. Man sieht alles in den Komplementarfarben: statt Blau Gelb, 
statt Rot Griin. In der ersten Region des Devachan sind die Urbil- 
der der physischen Welt, insofern diese nicht mit Leben begabt ist, 
also die Urbilder der Mineralien und ferner die der Pflanzen, Tiere 
und Menschen, insofern es sich um ihre physischen Formen han- 
delt. Es ist die Region, die das Grundgeriiste des Geisterlandes bil- 
det. Es kann verglichen werden mit dem festen Land unserer physi- 
schen Erde; daher heifit sie die «Kontinentalmasse» des Devachan. 
Ein Mensch, der vor einem Eingeweihten steht, erscheint dort, wo 
er physisch den Raum ausfullt, dunkel, aber ringsherum von einer 
Strahlenhulle umgeben. 

Wenn die Sinne feiner werden, treten die Urbilder des Lebens 
hinzu, und alles, was Leben ist, flutet wie das Wasser auf der Erde 
dahin. Hier kann man ein Mineral nicht sehen, weil es kein pulsie- 
rendes Leben hat, wohl aber die Pflanze, das Tier und den Men- 
schen. Wie das Blut im Korper, so flielk alles Leben im Devachan. 
Man nennt diese zweite Abteilung die «Meere» des Devachan. 

In der dritten Abteilung, dem «Luftkreis», flutet alles dahin, was 
an Gefiihlen und Empfindungen, an Lust und Schmerz im Phy- 
sischen lebt. 

Die physischen Gebilde sind gleichsam die feste kontinentale 
Grundlage im Devachan. Alles, was Leben in sich hat, ist Meer. Al- 
les, was Lust und Leid bedeutet, ist in dem Luftkreis des Devachan 
enthalten. Der Inhalt all dessen, was auf Erden gelitten und genossen 
wird, stellt sich hier dar, also alles Tierische und Menschliche. Eine 
Schlacht zum Beispiel erscheint dem Eingeweihten auf dem De- 
vachanplan wie feurige, zuckende Blitze, wie gewaltiger Donner, 
man konnte sagen, wie ein heftiges Gewitter. Aber es sind nicht die 
physischen Wirkungen der Schlacht, sondern die Leidenschaf- 
ten der feindlichen Heere, die sich da gegeniiberstehen und die 



dem Eingeweihten wie schwere Wolken mit Donner und Blitz 
erscheinen. 

Die vierte Abteilung des Devachan geht hinaus iiber all das, was 
auch ohne den Menschen schon vorhanden ware. Sie enthalt alles 
das, was an originellen Gedanken im Menschen lebt, durch die er 
Neues in die Welt bringt und auf die Welt wirkt, gleichgiiltig, ob es 
die Gedanken eines Gelehrten oder Ungelehrten, eines Dichters 
oder eines Bauern sind. Es brauchen also keine grofien Erfindungen 
zu sein, diese Gedanken konnen auch dem Alltag angehoren. 

Nach diesen vier Partien steht man an der Grenze der geistigen 
Welt. Wie uns nachts der Himmel wie eine Hohlkugel, umgrenzt 
von einem Sternenkranz, erscheint, so ist es mit dieser Grenze des 
Devachan. Aber das ist eine bedeutungsvolle Grenze, sie heilk «Aka- 
sha-Chronik». Alles, was der Mensch je getan und gewirkt hat, 
wenn es auch nicht von Geschichtsbuchern gemeldet wird, es bleibt 
in jenem unverganglichen Geschichtsbuch an der Grenze des Deva- 
chan, das man die Akasha-Chronik nennt, eingeschrieben. Alles, 
was je von bewulken Wesen in der Welt bewirkt wurde, ist dort zu 
erfahren. Will der Seher zum Beispiel etwas wissen iiber Casar, dann 
nimmt er irgendeine Kleinigkeit aus der Geschichte als Anhalt, um 
einen festen Punkt zu haben, auf den er sich konzentrieren kann. 
Das tut er geistig; dann zeigen sich um ihn herum Bilder von all 
dem, was Casar tat, was um ihn herum geschehen ist, wie er seine 
Legionen gelenkt, seine Schlachten geschlagen, seine Siege erfochten 
hat. Aber in merkwiirdiger Weise tritt das auf; der Seher sieht nicht 
nur eine abstrakte Schrift, sondern wie in Schattenrissen, in Bildern 
zieht alles voriiber. Es spielt sich nicht das ab, was sich im Raume 
zugetragen hat, sondern etwas ganz anderes. Wenn Casar zum Bei- 
spiel seine Siege erfochten hat, hat er gedacht; alles, was um ihn her- 
um vorging, lebte auch in seinen Gedanken, jede Armbewegung lebt 
ja auch in den Gedanken. Die Absichten, also das, was Casar sich 
vorgestellt und gedacht hat, als er seine Legionen lenkte, und auch 
deren Vorstellungen, das zeigt die Akasha-Chronik. Sie ist ein treues 
Abbild alles dessen, was vorgegangen ist; was bewulke Wesen uber- 
haupt erlebt haben, das wird da verzeichnet. Der Eingeweihte kann 



so die ganze menschliche Vergangenheit ablesen. Aber er mul? es 
erst lernen. Diese Akasha-Bilder fuhren eine verwirrende Sprache, 
weil Akasha etwas Lebendiges ist. Aber man darf das Akasha-Bild 
Casars nicht verwechseln mit der Individualitat Casars. Die kann 
schon wieder verkorpert sein. Das Verwechseln passiert namentlich 
dann leicht, wenn man durch aufiere Mittel Zugang gewinnt zu den 
Akasha-Bildern. So spielen sie oft eine Rolle in spiritistischen Sit- 
zungen. Der Spiritist glaubt einen verstorbenen Menschen zu sehen, 
es ist aber nur dessen Akasha-Bild. Ein Akasha-Bild von Goethe 
zum Beispiel kann auftreten, wie er im Jahre 1796 gewirkt hat; der 
Unkundige verwechselt es mit der Individualitat Goethes. Das ist 
um so verwirrender, als dieses Bild lebt, auf Fragen Antwort gibt, 
und zwar nicht nur solche, die schon damals gegeben wurden, son- 
dern ganz neue, die nicht ausgesprochen wurden. Es sind nicht Wie- 
derholungen, sondern Antworten, so wie sie Goethe damals gege- 
ben haben konnte. Es ist durchaus moglich, dafi dieses Akasha-Bild 
Goethes sogar ein Gedicht macht im Stil und Sinn des damaligen 
Goethe. Die Akasha-Bilder sind eben richtig lebendige Gebilde. 
So wunderbar sind diese Tatsachen, aber es sind Tatsachen. 



DRITTER VORTRAG 



Stuttgart, 24. August 1906 

Wie ist der Aufenthalt des Menschen zwischen dem Tode und einer 
neuen Geburt? 

Der Tod wird nicht mit Unrecht der alter e B ruder des Schlafes 
genannt, denn zwischen Schlaf und Tod besteht eine gewisse Ver- 
wandtschaft. Aber ebenso besteht wieder ein grofier, gewaltiger 
Unterschied zwischen beiden. 

Betrachten wir einmal, was mit dem Menschen vorgeht vom Mo- 
ment des Einschlafens bis zum Moment des Erwachens. Diese Zeit 
stellt sich dar als eine Art Bewufttlosigkeitszustand. Nur sparliche, 
manchmal verworrene, manchmal klarere Erinnerungen an ein 
Traumbewufitsein tauchen auf. Um den Schlaf recht zu verstehen, 
miissen wir uns erinnern an die einzelnen Teile der menschlichen 
Wesenheit. Wir sahen, dalS der Mensch aus sieben Gliedern besteht, 
von denen vier ganz entwickelt sind, das fiinfte nur zum Teil, und 
dalS vom sechsten und siebenten nur Keime und Anlagen vorhanden 
sind: 

1 . der physische Leib, den wir mit unseren Sinnen wahrnehmen 

2. der Atherleib, der fein leuchtend, durchlassig den ersten 
durchdringt 

3. der Astralleib 

4. der Ich-Leib oder Bewufitseinsleib. 

In dem Ich-Leib ist enthalten: 

5. das Geistselbst oder Manas, zum Teil entwickelt, zum Teil 
keimhaft 

6. der Lebensgeist oder Budhi 

7. der Geistesmensch oder Atma, 

die beiden letzteren aber nur im Keime. 

Ein wacher Mensch hat die vier untersten Leiber in dem Raume, 
den er einnimmt. Der Atherleib ragt an alien Seiten ein wenig aus 



dem physischen Leibe heraus. Der Astralleib ragt etwa zweieinhalb 
Kopflangen iiber den physischen Leib heraus, umgibt ihn wie eine 
Wolke und verliert sich nach unten hin. Wenn ein Mensch ein- 
schlaft, dann bleibt im Bette liegen der physische Leib und der 
Atherleib; sie bleiben miteinander so verbunden wie am Tage. Dage- 
gen tritt eine Lockerung ein fur den Astralkorper; es findet gleich- 
sam ein Herausheben des Astralleibes und des Ich-Leibes aus dem 
physischen Leibe statt. Da nun alle Empfindungen, Vorstellungen 
und so weiter im Astralkorper bewirkt werden, dieser aber jetzt au- 
fterhalb des physischen Leibes ist, deshalb ist der Mensch im Schlafe 
bewulklos; denn in diesem Leben braucht der Mensch, um bewufk 
zu werden, das physische Gehirn als Instrument. Ohne dieses kann 
der Mensch sich nicht bewufk werden. 

Was macht nun der losgeloste Astralkorper wahrend der Nacht? 
Der Hellseher kann beobachten, wie sich der Astralleib in der 
Nacht am Schlafer beschaftigt; er hat seine bestimmte Aufgabe. 
Nicht schwebt er, wie es oft von Theosophen gelehrt wird, tatenlos, 
trage, als ein untatiges Gebilde iiber dem Menschen, sondern er ist 
fortwahrend am physischen Leibe tatig. Und was tut er? Der physi- 
sche Leib wird wahrend des Tages ermiidet, abgenutzt, und diese 
Abniitzung, die Ermiidung, macht der Astralleib wahrend der 
Nacht wieder gut. Der Astralleib bessert den physischen Leib nachts 
wieder aus und ersetzt die verbrauchten Krafte. Daher die Notwen- 
digkeit des Schlafes und daher auch das Erquickende, Erfrischende 
und Heilende des Schlafes. Wie es sich mit den Traumen verhalt, 
davon werden wir spater noch sprechen. 

Wenn nun der Mensch stirbt, ist es anders. Dann trennen sich 
nicht bloft der Astralleib und der Ich-Leib von dem physischen Kor- 
per, sondern auch der Atherleib. Diese drei Korper heben sich her- 
aus und bleiben nach dem Tode des physischen Korpers noch eine 
Zeitlang zusammen. Die Erscheinung des Todes geht so vor sich, 
daft sich im Moment des Todes der Zusammenhang, der zwischen 
dem Ather- und Astralleib einerseits und dem physischen Leib an- 
derseits besteht, namentlich im Herzen lost. Eine Art Aufleuchten 
find et statt im Herzen, und dann hebt sich iiber den Kopf heraus 



Atherleib, Astralleib und Ich. Im Augenblick des Todes tritt aber 
fur den Menschen etwas Merkwiirdiges ein: Fur eine kurze Spanne 
Zeit erinnert sich der Mensch aller seiner Erlebnisse im eben ver- 
flossenen Leben. Wie ein grofies Tableau steht in einem einzigen 
Augenblick sein ganzes Leben vor seiner Seele. Etwas ahnliches 
geschieht bei Lebzeiten dem Menschen nur in sehr seltenen Fallen, 
und zwar dann, wenn er in Todesgefahr schwebt oder einen grofien 
Schreck bekommt; zum Beispiel ein Ertrinkender, ein Absturzender 
sieht im Moment der Todesnahe sein Leben vor seiner Seele stehen. 

Eine andere ahnliche Erscheinung ist das eigentumliche, prik- 
kelnde Gefiihl, wenn ein Glied eingeschlafen ist. Woher kommt 
das? Das kommt durch eine Lockerung des Atherleibes. Wenn ein 
Glied, zum Beispiel ein Finger, einschlaft, dann sieht der Hellseher 
neben dem Finger einen Fingerling herausragen; das ist der Ather- 
leib, der sich an dieser Stelle gelockert hat und herausragt. Darin 
liegt auch die grofie Gefahr des Hypnotisierens, weil hierbei das Ge- 
hirn demselben Vorgang unterliegt wie der eingeschlafene Finger. 
Auf beiden Seiten des Kopfes sieht der Hellseher, wie zwei Lappen 
oder Sacke, den gelockerten Atherleib heraushangen. Wird nun das 
Hypnotisieren haufig wiederholt, so entsteht die Neigung des 
Atherleibes, sich zu lockern, die grofie Gefahren mit sich bringen 
kann. Die Betreffenden werden meist unfrei, traumerisch, haben 
Schwindelanfalle und so weiter. Eine solche Lockerung des ganzen 
Atherkorpers findet statt in der Todesgefahr. Das hangt so zusam- 
men: Der Atherkorper ist der Trager des Gedachtnisses; je feiner der 
Atherkorper, desto ausgebildeter, desto besser ist das Gedachtnis. 
Steckt nun der Atherkorper in dem physischen Korper fest, wie dies 
beim gewohnlichen Menschen der Fall ist, dann konnen seine Vi- 
brationen nicht geniigend auf das Gehirn wirken und dem Men- 
schen zum Bewufksein kommen, weil der physische Leib mit seinen 
groberen Schwingungen sie gleichsam zudeckt. In Todesgefahr aber, 
wo sich der Atherleib lockert, ist er mit seinen Erinnerungen vom 
Gehirn entlastet. Das ganze verflossene Leben steht einen Augen- 
blick vor der Seele des Sterbenden. Im Moment also, wo der Ather- 
leib sich lockert, tritt alles hervor, was jemals in den Atherleib hin- 



eingeschrieben worden ist. Daher auch die Erinnerung an das ver- 
flossene Leben unmittelbar nach dem Tode. Es dauert dann einige 
Zeit, bis sich der Atherleib vom Astralleib und Ich trennt. 

Beim gewohnlichen Menschen lost sich der Atherleib nach und 
nach im Weltenather auf. Beim ungebildeten, noch tiefstehenden 
Menschen geht diese Auflosung des Atherleibes langsam vor sich, 
beim Gebildeten rasch, beim Chela oder Schuler wieder langsam 
und immer langsamer, je hoher der Mensch steigt, und endlich 
kommt ein Stadium in der Entwickelung, wo er sich uberhaupt 
nicht mehr auflost. 

Nun haben wir beim gewohnlichen Menschen schon zwei Leich- 
name, den des physischen Korpers und den des Atherleibes; es 
bleiben iibrig Astralleib und Ich. 

Wir miissen uns nun vergegenwartigen, da$ das ganze Bewufit- 
sein des Menschen im irdischen Leben von seinen Sinnen abhangt. 
Wir werden uns eine Vorstellung machen konnen, wie anders der 
Bewulkseinszustand jetzt sein mui Denken wir uns nach und nach 
alle Sinne dahinschwinden: Finsternis tritt ein nach Verlust der Au- 
gen, Tonlosigkeit nach Verlust der Ohren, weder Kalte noch Warme 
gibt es nach Verlust des entsprechenden Sinnes. Was bleibt nun von 
dem, was die Seele belebt, was das Tagesbewufksein erfiillt, was wir 
dem Korper verdanken von fruh bis spat, nun, wo alle physischen 
Organe fehlen? Der seelische Inhalt; und gerade, wenn wir uns das 
klarmachen, werden wir begreifen, wie der Lebenszustand ist nach 
dem Tode, wenn der Mensch diese beiden Leichname abgelegt hat. 

Man nennt diesen Zustand Kamaloka, das heilk Begierdenort. 
Aber das ist kein Ort irgendwo draufien, nein, wo wir sind, ist auch 
Kamaloka, und fortwahrend umschweben uns und leben um uns die 
Geister der Verstorbenen. Aber dem physischen Menschen entgeht 
deren Anwesenheit. Wie empfindet nun ein Toter? Ein einfacher 
Fall wird uns das klarmachen: Ein Mensch ilk mit Begierde und 
wirklichem GenufL Der Hellseher sieht bei ihm im oberen Teil sei- 
nes Astralleibes die Befriedigung des Genusses als eine braunlich- 
rote Gedankenform. Nun stirbt dieser Mensch; was ihm erhalten 
bleibt, ist die Begierde und Genuftfahigkeit. An dem Physischen haf- 



tet nur das Physische, das Material des Genusses; wir mussen einen 
Gaumen und so weiter haben, urn essen zu konnen. Der GenuE und 
die Begierde aber sind etwas Seelisches; daher bleiben Genuftfahig- 
keit und Begierde auch nach dem Tode. Nur hat der Mensch dann 
keine Moglichkeit mehr, die Begierde zu befriedigen, denn die Orga- 
ne zur Befriedigung fehlen. So ist es mit alien Gemissen und Wiin- 
schen: Es hat einer Begierde nach schonen Farbenzusammenstellun- 
gen - es fehlen die Augen; nach harmonischer Musik - es fehlen 
die Ohren. 

Wie kommt das der Seele nach dem Tode zum Bewufksein? Wie 
ein Wiisten wanderer, von brennendem Durst gepeinigt, umherirrt 
und eine Quelle sucht, um den Durst zu loschen, so leidet die Seele 
brennenden Durst, weil sie keine Organe, keine Werkzeuge zur Be- 
friedigung mehr hat. Sie mu£ alles entbehren, daher ist «brennender 
Durst» eine sehr treffende Bezeichnung, und gerade darin driickt 
sich der Zustand von Kamaloka aus. Es ist das nicht eine Qualerei 
von auften, sondern die Qual der Unerfullbarkeit der noch vorhan- 
denen Genufifahigkeit. 

Warum mufi die Seele diese Qual leiden? Damit der Mensch sich 
nach und nach diese sinnlichen Begierden und Wunsche abgewohnt, 
damit die Seele sich loslose von der Erde, sich lautere und reinige. 
Wenn es so weit ist, dann ist die Kamaloka-Zeit zu Ende, dann steigt 
der Mensch auf zum Devachan. 

Wie durchlebt nun die Seele das Leben im Kamaloka? Der 
Mensch durchlebt im Kamaloka noch einmal sein ganzes Leben, 
aber er durchlebt es riickwarts. Er durchlauft die ganze Lebenszeit 
von der Todesstunde bis zur Geburt riickwarts, Tag fur Tag mit al- 
ien Erlebnissen, Geschehnissen und Taten. Und was ist der Sinn da- 
von? Es hat den Sinn, dafi er sozusagen bei jedem Ereignis Halt 
macht, um sich das Hangen am Physisch-Materiellen abzugewoh- 
nen. Er durchlebt nochmals alle Geniisse, aber so, daft er sie entbeh- 
ren mufi, dafi er sie nicht befriedigen kann. Dadurch gewohnt er 
sich heraus aus dem physischen Leben. Und wenn er so sein Leben 
durchlebt hat bis zur Geburt, dann kann er, mit den biblischen 
Worten, eingehen in das «Reich der Himmel», wie Christus sagt: 



«So ihr nicht werdet wie die Kindlein, konnt ihr nicht kommen in 
die Reiche der Himmel.» Alle Evangelienworte sind sehr tief, und 
man lernt ihre Tiefe kennen, wenn man nach und nach in die gott- 
liche Weisheit eindringt. 

Einzelne Momente miissen wir noch herausheben aus diesem 
Kamaloka-Leben, die besonders wichtig und lehrreich sind. 

Zu den verschiedenen Gefuhlen, die dem Menschen im Leben 
anhaften, gehort besonders das eigentliche Daseinsgefuhl, das Le- 
bensgefuhl, die Freude am Leben uberhaupt, am Drinnenstecken im 
physischen Korper. Darum ist es eine Hauptentbehrung, keinen 
physischen Korper mehr zu haben. Wir werden nun dadurch das 
furchtbare Schicksal und die entsetzlichen Qualen jener Ungliick- 
lichen verstehen, welche durch Selbstmord aus dem Leben scheiden. 
Beim naturlichen Tod ist die Trennung der drei Korper verhaltnis- 
mafiig eine leichte. Selbst bei Schlagflufi oder sonst einer schnellen 
naturlichen Todesart ist in Wirklichkeit schon langst die Trennung 
dieser hoheren Glieder voneinander vorbereitet worden; sie trennen 
sich leicht, und die Entbehrung des physischen Leibes ist dann nur 
eine sehr geringe. Aber bei einer so gewaltsamen plotzlichen Tren- 
nung vom Korper wie bei einem Selbstmorder, wo noch alles ge- 
sund ist und noch fest zusammenhalt, da tritt unmittelbar nach dem 
Tode eine starke Entbehrung des physischen Korpers auf, die 
furchtbare Leiden verursacht. Es ist ein furchtbares Schicksal. Der 
Selbstmorder fuhlt sich wie ausgehohlt und beginnt nun ein grausi- 
ges Suchen nach dem so plotzlich entzogenen physischen Korper. 
Nichts lafit sich damit vergleichen. 

Es wird nun mancher sagen: Der Lebensiiberdriissige hangt ja gar 
nicht mehr am Leben, sonst hatte er es sich nicht genommen. - Das 
ist eine Tauschung, denn gerade der Selbstmorder hangt zu sehr am 
Leben; weil es ihm aber die Befriedigung gewohnter Genusse nicht 
mehr bietet, weil es ihm vielleicht durch veranderte Verhaltnisse 
manches versagt, darum geht er in den Tod, und darum ist ihm nun 
die Entbehrung des physischen Korpers unsagbar grofi. 

Aber nicht fur alle ist das Kamaloka-Leben so schwer. Wer weni- 
ger an materiellen Geniissen hing, fur den ist naturlich auch das Ab- 



gewohnen, die Entbehrung keine so schwere. Aber auch er mufi 
ganz heraus aus seinem physischen Leben, denn das Kamaloka- 
Leben hat noch einen anderen Sinn. 

Der Mensch vollbringt wahrend seines Lebens nicht nur solche 
Dinge, welche Genufi bereiten, sondern er lebt hier zusammen mit 
anderen Menschen und Geschopfen; bewulk oder unbewufit, ab- 
sichtlich oder unabsichtlich verursacht er Menschen und Tieren 
Freude und Leid, Lust und Schmerz. Auch das trifft man wieder 
beim Durchlaufen der Kamaloka-Zeit. Man kommt zuriick an die 
Stelle, den Ort und Moment, wo man den anderen Wesen Schmerz 
bereitete. Damals machte man den Schmerz anderen fiihlbar, nun- 
mehr mufi man dieselben Schmerzen in der eigenen Seele erleiden. 
All die Qualen, die ich je einem anderen Wesen bereitet habe, mull 
ich nun in der eigenen Seele durchmachen. Ich stecke gleichsam in 
dem Menschen, in dem Tiere drinnen und lerne kennen, was das an- 
dere Wesen durch mich gelitten hat, und nun mufi ich alle diese 
Qualen und Schmerzen selbst erleiden. Dem kann man nicht entge- 
hen. Das ist aber nicht etwa die Wirkung von Karma, sondern nur 
das Loslosen vom Irdischen. Ganz besonders furchterlich ist da- 
durch das Kamaloka des Vivisektors. Der Theosoph darf nicht Kri- 
tik iiben an dem, was die Welterscheinungen bieten, wohl aber 
kann er begreifen, wie der moderne Mensch zu solchen Dingen 
kommen konnte. Im Mittelalter wiirde kein Mensch daran gedacht 
haben, und in alter Zeit wiirde es jeder Arzt fur den grofken Unsinn 
gehalten haben, das Leben zu zerstoren, um das Leben kennenzuler- 
nen, denn wahr ist es, da£ noch im Mittelalter ein grower Teil der 
Menschen hellsehend war und die Arzte den Menschen durchschauen 
konnten und sahen, was in ihm beschadigt war und was ihm fehlte. 
So zum Beispiel Paracelsus; er durchschaute den physischen Leib. 
Aber die Zeit der materiellen Kultur mulke kommen, wo das Hell- 
sehen verlorenging. Namentlich bei den heutigen Arzten und Na- 
turforschern sehen wir dies, und die Vivisektion war eine Folge da- 
von. Somit ist sie zu begreifen, aber niemals zu entschuldigen oder 
zu rechtfertigen. Unfehlbar treten die Folgen eines solchen Qualen 
verursachenden Lebens ein: Der Vivisektor mufi nach dem Tode 



selbst genau alle die Qualen durchmachen, die er den Tieren zuge- 
fiigt hat, seine Seele steckt gleichsam drinnen in jedem Schmerz, den 
er bereitet hat. Seine Absichtslosigkeit, das Vorschieben der Wissen- 
schaft, «der gute Zweck», sind keine Entschuldigungen. Das Gesetz 
des geistigen Lebens ist unbeugsam. 

Wie lange bleibt nun der Mensch in Kamaloka? Ein Drittel seiner 
Lebenszeit. Wurde der Mensch fiinfiindsiebzig Jahre alt, so dauert 
der Aufenthalt in Kamaloka etwa fiinfundzwanzig Jahre. 

Was geschieht dann? Die Astralkorper der Menschen sind sehr 
verschieden in Farbe und Form. Der Astralkorper eines niedrigste- 
henden Menschen ist durchdrungen von alien moglichen Gebilden, 
von niederen Trieben; er hat eine rotlich-graue Grundfarbe mit rot- 
lich-grauen Ausstrahlungen und unterscheidet sich in der Form 
nicht von gewissen Tieren. Ganz anders ist es bei einem Gebildeten 
oder gar bei einem Idealisten wie Schiller, oder bei einem Heiligen 
wie Franz von Assisi; sie versagten sich manches, veredelten ihre 
Triebe und so weiter. Je mehr aber der Mensch von seinem Ich aus 
an sich arbeitet, desto mehr Strahlungen gehen aus von der blauli- 
chen Kugel, dem Ich-Zentrum; diese Strahlungen bedeuten Krafte, 
durch die der Mensch den Astralkorper in seine Gewalt bekommt. 
Daher kann man sagen: Der Mensch hat zwei Astralleiber, einen 
Teil, der mit den tierischen Begierden geblieben ist, und einen ande- 
ren Teil, den der Mensch selbst hineingearbeitet hat. 

Wenn der Mensch seine Kamaloka-Zeit durchgemacht hat, dann 
ist er reif, den veredelten Teil seines Astralkorpers herauszuheben 
aus dem niederen. Dieser niedere Teil bleibt zuriick, und was er aus 
sich gemacht hat, das zieht er heraus. Beim Wilden und wenig kulti- 
vierten Menschen bleibt ein grower Teil als niederer Astralleib zu- 
riick, beim Gebildeten weniger. Wenn zum Beispiel ein Franz von 
Assisi stirbt, bleibt sehr wenig zuriick, und ein machtiger, hoher 
Astralleib wird herausgezogen, denn er hat viel an sich gearbeitet. 
Das, was zuriickbleibt, ist der dritte Leichnam des Menschen: die 
niederen Triebe und Instinkte, die der Mensch noch nicht veredelt 
hat. Dieser Leichnam schwebt fortan iiberall im Astralraum umher, 
und mancher schadliche Einflufi geht von ihm aus. 



Das ist auch ein Zweites, was in spiritistischen Sitzungen erschei- 
nen kann. Dieser Astralleichnam bleibt namlich oft lange Zeit erhal- 
ten und kann sich mittels eines Mediums kundgeben, und oft glau- 
ben die Leute dann, es sei der Verstorbene selbst; es ist aber nur sein 
Astralleichnam. Wie in einer Hiilse enthalt er dessen niedere Triebe 
und Gewohnheiten; er kann auf Befragen auch Antwort geben, er 
kann Auskunft erteilen und kann ebenso verniinftig reden und sein, 
wie der niedere Mensch verniinftig war. Viele Verwechslungen 
kommen dadurch vor. Ein eklatantes Beispiel bietet die Broschure 
des Spiritisten Langsdorff, in der er behauptet, eine Zusammenkunft 
mit H.P.B. gehabt zu haben. Auf Langsdorff wirkt namlich die Idee 
der Wiederverkorperung wie das rote Tuch auf den Stier; er mochte 
alles in Bewegung setzen, um diese Lehre zu widerlegen. Er hafit 
H. P. B., weil sie diese Lehre gelehrt und verbreitet hat. Nun berich- 
tet er in dieser Broschure, da$ er H. P. B. zitierte und dafi sie ihm 
sagte, da$ nicht nur die Reinkarnationslehre falsch sei, sondern 
auch, wie sehr sie es bedaure, dieselbe gelehrt zu haben. Das kann al- 
les richtig sein, nur da$ Langsdorff nicht H. P. B., sondern deren nie- 
deren Astralleichnam zitiert und befragt hat. Und dafi dieser niedere 
Astralleichnam von H.P.B. derartig antwortete, ist jetzt ganz be- 
greiflich, wenn man wei£, da& sie in der ersten Zeit ihrer Entwicke- 
lung in der «Isis Unveiled » wirklich die Wiederverkorperungslehre 
verwarf und bekampfte. Sie selbst stieg in ihrer Erkenntnis, aber ihr 
Irrtum blieb mit der astralen Hiille zuruck. 

Dieser dritte Leichnam, die Astralhiille, lost sich nach und nach 
auf, und es ist wichtig, dafi er ganz aufgelost ist, wenn der Mensch 
wiederum zu einer neuen Verkorperung zuruckkommt. In den al- 
lermeisten Fallen tritt das auch zu. Aber es gibt Ausnahmen, wo ein 
Mensch sich schnell wiederverkorpert, ehe sein astraler Leichnam 
zerronnen ist. Das gibt dann fur diesen Menschen schwierige Lagen, 
wenn er bei seiner Wiederverkorperung seinen eigenen Astralleich- 
nam noch vorfindet, der alles das noch enthalt, was in seinem vorigen 
Leben noch unvollkommen war. 



VIERTER VORTRAG 



Stuttgart, 25. August 1906 

Wir haben gesehen, wie der Mensch im Tode erst den physischen, 
dann den atherischen und schlieftlich den niederen Astralleib als 
Leichname zurucklafit. Was bleibt nun dem Menschen nach dem 
Abstreifen dieser drei Leiber? Das Erinnerungsbild, das nach dem 
Tode vor die Seele tritt, verschwindet in dem Augenblicke, wo der 
Atherleib sich heraushebt aus dem Astralleib; da sinkt es sozusagen 
ins Unbewufite, es verschwindet als unmittelbar seelischer Ein- 
druck. Aber etwas Wichtiges bleibt davon zuriick: das Bild schwin- 
det, aber die Frucht bleibt. Wie eine Art Kraftextrakt bleibt das 
ganze Ertragnis des letztvergangenen Lebens in dem hdheren 
Astralleib und ruht darin. 

Der Mensch hat aber schon sehr oft diesen Prozefi durchge- 
macht. Bei jedem Tode nach seinen verschiedenen Inkarnationen 
trat das Erinnerungsbild vor seine Seele und hinterHefi diesen soge- 
nannten Kraftextrakt. So hat ein Leben nach dem andern ein Bild 
hinzugefiigt. Ein Mensch, der sich zum erstenmal verkorperte, hatte 
nach dem Tode das erste Erinnerungsbild, nach der zweiten Inkar- 
nation das zweite Bild und dieses schon reicher als das erste und so 
fort. In diesen zusammengelegten Bildern haben wir eine Art von 
neuem Element des Menschen. Vor dem ersten Tode bestand der 
Mensch aus den vier Korpern; stirbt er zum ersten Male, so nimmt 
er das erste Bild mit sich. Nach seiner Wiederverkorperung hat er 
nicht nur die vier Wesensglieder, sondern auch noch dieses Ertragnis 
des fruheren Lebens. Das ist der Kausaikorper. Es besteht nunmehr 
der Mensch aus fiinf Korpern: dem physischen, atherischen, dem 
Astralkorper, Ich und Kausaikorper. Wenn dieser Kausaikorper ein- 
mal da ist, dann bleibt er; aber er hat sich aus den Ertragnissen der 
Leben erst zusammengesetzt. Nun begreift man den Unterschied 
zwischen den einzelnen Menschen. Diejenigen, die oft gelebt haben, 
also schon viele Inkarnationen durchgemacht haben, die haben ih- 
rem Lebensbuche viele Blatter beigefiigt, sind hochentwickelt und 



haben einen reichen Kausalleib; die anderen sind erst durch wenige 
Leben hindurchgeschritten, haben daher weniger Friichte gesammelt 
und besitzen deswegen einen weniger entwickelten Kausalkorper. 

Welchen Sinn hat dieses wiederholte Erscheinen des Menschen 
auf der Erde? Waren die Inkarnationen ohne Zusammenhang, dann 
ware dies freilich sinnlos. So ist es aber nicht. Bedenken wir die ver- 
schiedenen Lebensverhaltnisse, die ein Mensch durchmacht, der ein 
paar Jahrhunderte nach Christi Geburt lebte und der sich heute 
wieder inkarniert. Heute ist des Menschen Lebenszeit vom sechsten 
bis vierzehnten Jahre schon ausgefullt mit dem Erwerben von 
Kenntnissen: Lesen, Schreiben und so weiter. Der heutige Mensch 
hat ganz andere Gelegenheiten, seine Personlichkeit zu kultivieren 
und heranzubilden. Es sind die Inkarnationen so geordnet, dafi der 
Mensch erst dann wiedererscheint, wenn er in neue Verhaltnisse 
hineinkommt, ganz andere Gelegenheiten und Entwickelungsmog- 
lichkeiten vorfindet, und das ist immer schon nach einigen Jahrhun- 
derten der Fall. Wie stark entwickelt sich die Erde in jeder Hinsicht! 
Vor wenigen tausend Jahren war die Gegend hier mit Urwaldern be- 
deckt, in denen wilde Tiere hausten. Die Menschen lebten in Hoh- 
len, bekleideten sich mit Tierfellen und verstanden nur in primitiver 
Weise, Feuer zu machen und Werkzeuge herzustellen. Wie anders ist 
es heute! So verandert sich in verhaltnismafiig kurzer Zeit das Ant- 
litz der Erde. Ein Mensch, der zur Zeit der alten Germanen lebte, 
hatte ein ganz anderes Bild von der Welt als derjenige, der heute hier 
lesen und schreiben lernt. Mit der veranderten Erde lernt er ganz 
Neues und eignet es sich an. 

Wie lange dauert es nun, bis der Mensch in einer neuen Verkor- 
perung erscheint? Von welchen Faktoren hangt das ab? Die Ant- 
wort ergibt sich aus der folgenden Betrachtung. Wir miissen sehen, 
was mit der Veranderung der Erde zusammenhangt. 

Im Laufe der Zeiten haben immer gewisse Wesenheiten als heili- 
ge Symbole eine besondere Verehrung genossen. So zum Beispiel 
verehrte man in Persien bis 3000 Jahre vor Christi Geburt die Zwil- 
linge. Von 3000 bis 800 vor Christi verehrte man in Agypten den 
heiligen Stier Apis und zugleich in Vorderasien den Mithrasstier. 



Von ungefahr 800 vor Christi an tritt ein anderes Tier in den Vor- 
dergrund, der Widder oder das Lamm, und damit entstand die Sage 
von Jason, der das Goldene Vlies vom heiligen Widder aus Asien, 
von jenseits des Meeres, heruberholte. Das geht noch weiter. Das 
Lamm wurde so heilig verehrt, dafi Christus sich als das «Lamm 
Gottes» bezeichnete, und das erste christliche Symbol war nicht das 
Kreuz, an dem der Erloser hing, sondern das Kreuz mit dem Lamm. 

Das alles bedeutet drei aufeinanderfolgende Kulturzustande, und 
das hangt zusammen mit bedeutungsvollen Vorgangen am Himmel. 
Der Gang der Sonne geht am Himmel entlang einer gewissen Zone, 
dem Tierkreis, und das Merkwiirdige ist, dafi die Sonne, die beim 
Anbruch des Fruhlings in einem bestimmten Punkt des Tierkreises 
aufgeht, innerhalb einer bestimmten Epoche immer weiterriickt, so 
daft sie in einem Zeitraum von 2160 Jahren von einem Sternbild in 
ein anderes riickt. So ging die Sonne im Jahre 3000 vor Christi im 
Friihling auf im Sternbild des Stiers, noch friiher im Sternbild der 
Zwillinge und ungefahr 800 Jahre vor Christi im Sternbild des 
Widders. 

Dieser Punkt riickt also jedes Jahr ein Stiickchen weiter, nach 
2160 Jahren tritt er in das nachste Sternbild ein, und die Volker 
wahlten als Symbol ihrer Verehrung das Zeichen am Himmel, in 
dem die Sonne im Friihling aufgeht, und brachten ihm ihre Vereh- 
rung dar. Wiirden wir heute noch die gewaltigen Gefiihle und erha- 
benen Stimmungen verstehen, welche die Alten damit verbanden, 
als sie dies en Augenblick des Eintrittes der Sonne in ein neues Stern- 
bild erlebten, dann wiirden wir auch die Bedeutung des Momentes 
verstanden haben, als die Sonne in das Sternbild der Fische eintrat. 
Aber das kann unsere materialistische Zeit nicht. 

Was sah denn der damalige Mensch in diesem Vorgange? Die 
Alten sahen darin die Naturkraft verkorpert. Im Winter lag sie im 
Schlaf gebunden, und im Friihling wurde sie von der Sonne wieder 
hervorgerufen. Das Sternbild nun, in dem im Friihling die Sonne er- 
schien, das der Sonne neue Kraft gab, das wurde als etwas Vereh- 
rungswiirdiges empfunden. Das Sternbild symbolisiert also die auf- 
erweckende Kraft. Die Alten wulken, daft mit einem solchen Vor- 



rucken der Sonne etwas ganz Wichtiges verbunden ist, denn die 
Sonnenstrahlen fallen dann unter ganz anderen Verhaltnissen ein. 
Und wirklich bedeutet ein solcher Zeitraum von 2160 Jahren eben 
den Eintritt ganz anderer Verhaltnisse auf der Erde. Diese Zeitperio- 
de bringt nun der Mensch im Devachan zu, urn vom Tode zu einer 
neuen Geburt zu kommen. Der Okkultismus hat diese 2160 Jahre 
von jeher als einen Zeitraum anerkannt, in dem die Zustande auf Er- 
den sich derart andern, dafi der Mensch wiedererscheinen kann, um 
etwas Neues zu erleben. 

2160 Jahre vergehen also zwischen zwei Verkorperungen. Hier- 
bei ist aber in Betracht zu ziehen, dafi in dieser Zeit von 2160 Jahren 
der Mensch eigentlich zweimal erscheint, so dafi mithin schon tau- 
send Jahre durchschnittlich den eigentlichen Zeitraum bilden, der 
zwischen zwei Verkorperungen liegt. Das geschieht darum, weil in 
der Regel beim Menschen eine Verkorperung mannlich und eine 
weiblich ist. Es ist unrichtig, dafi alle sieben Mai eine mannliche und 
eine weibliche Inkarnation sich abwechseln. Die Erfahrungen einer 
Seele sind sehr verschieden, ob sie mannlich oder weiblich inkar- 
niert war; das ist ja begreiflich. Daher erscheint sie im Zeitraum von 
2160 Jahren einmal mannlich und einmal weiblich. Dann hat der 
Mensch alle Erfahrungen gemacht, die er in den gegebenen vorlie- 
genden Verhaltnissen machen kann. Da hatte er die Gelegenheit und 
Moglichkeit, seinem Lebensbuche ein neues Blatt hinzuzufiigen. 
Solche radikale Veranderungen der Erde und der irdischen Verhalt- 
nisse sind eine Lehrzeit fur die Seele. Das ist der Sinn des Wieder- 
erscheinens, der Reinkarnation. 

Die Frucht des Erinnerungsbildes, der Kausalleib und der gerei- 
nigte Astralleib bleiben beim Menschen, er verliert sie fortan nie 
wieder. Bei seinem Eintritt in das Devachan nimmt er den Kausal- 
leib und einen Teil seines Astralleibes mit, und zwar den gereinig- 
ten, denn das, was er sich erarbeitet hat, bleibt ihm im Devachan 
und immer. Nun macht er seine Devachanzeit durch. Der Wilde hat 
naturlich erst wenig an seinem Astralleibe gearbeitet und nur ein 
Flammchen nimmt er mit ins Devachan, seine Erinnerungsbilder ge- 
horen ihm mehr unbewulk an. Ein Franz von Assisi hat sich dage- 



gen einen vollkommen schon gegliederten Astralleib errungen und 
lebt mit diesem im Devachan. Wenn der Mensch den niederen 
Astralleib abgestreift hat, sieht er in gewisser Weise sich selbst wie 
aufier sich stehend vor sich. Das ist der Moment, wo er ins Deva- 
chan eintritt. 

Das Devachan hat gleichsam vier Abteilungen, die wir nennen 
konnen: 

1. die Kontinente 

2. Fliisse und Meere 

3. die Luft, den Atherraum 

4. die Region der geistigen Urbilder. 

In dem ersten Teil, den Kontinenten, sieht man alles in einem ne- 
gativen Bilde, gleichsam wie auf einer photografischen Platte. Was 
hier auf Erden je physisch gewesen ist und noch ist, alles, was je auf 
dieser Erde an physischen Mineralien, Pflanzen und Tieren war 
und noch ist, erscheint als negative Gestalten. Und wenn man sich 
unter diesen negativen Gestalten selbst negativ sieht, dann ist man 
im Devachan. Was hat das fur einen Sinn, dafi man sich so selbst 
sieht? 

Man sieht sich nicht nur einmal, sondern nach und nach so, wie 
man in friiheren Leben ausgeschaut hat, und das hat einen tiefen 
Sinn. Goethe sagt: Das Auge wird von dem Licht fur das Licht gebil- 
det. - Er meint damit, das Licht sei der Schopfer des Auges, und das 
ist richtig. Das begreifen wir, wenn wir sehen, wie aus Mangel an 
Licht das Auge riickgebildet wird. Gewisse Tiere zum Beispiel wan- 
derten einst in Kentucky in Hohlen ein. Sie brauchten kein Sehver- 
mogen mehr, denn die Hohlen waren finster. Nach und nach verlo- 
ren sie das Augenlicht, die Augen verkummerten. Der Saftezuflufi 
wandte sich einem anderen Organ zu, das sie jetzt notiger gebrauch- 
ten. Weshalb haben sie das Augenlicht verloren? Weil ihre Welt oh- 
ne Licht war. Die Abwesenheit des Lichtes hat das Sehvermogen ge- 
nommen. Ware also kein Licht, so ware kein Auge. In dem Licht 
selbst sind die schopferischen Krafte fur das Auge, geradeso wie in 
der Tonwelt die schopferischen Krafte fur das Ohr sind. Kurz, der 



ganze Leib, alle Organe wurden von den schopferischen Kraften des 
Universums gebildet. 

Was hat das Gehirn aufgebaut? Gabe es nichts nachzudenken, 
gabe es auch kein Gehirn. Es gibt gewaltige Naturgesetze; ein Kepler, 
Galilei richteten den Verstand auf diese Gesetze. Wer schuf das 
Verstandesorgan? Die Weisheit in der Natur! 

Mit einer gewissen Vollkommenheit der Organe betritt der 
Mensch die irdische Welt. Aber es sind ja inzwischen neue Verhalt- 
nisse eingetreten; die verarbeite ich nun mit dem Geiste. Alles aber, 
was ich erlebe, ist schopferisch. Die Augen, die ich schon habe, der 
Verstand, den ich schon habe, sind von den vorigen Inkarnationen 
gebildet. Komme ich nach dem Tode ins Devachan, so finde ich, wie 
gesagt, das Bild des Leibes, wie er im letzten Leben war, und habe 
noch in mir die Frucht des Erinnerungsbildes an das letzte Leben. 
Ich kann nun vergleichen, wie ich mich in verschiedenen Leben ent- 
wickelte, wie ich war, ehe ich die Erfahrungen des letzten Lebens 
hatte, und was aus mir werden kann, wenn ich die Erfahrungen des 
letzten Lebens hinzufuge. Danach gestalte ich mir nun im Bilde ei- 
nen neuen Leib, der eine Stufe hoher steht als mein voriger Korper. 

Auf der ersten Stufe im Devachan korrigiert also der Mensch das 
friihere Lebensbild: Er bereitet sich aus den Friichten des vorigen 
Lebens selbst das Bild seines Korpers fur die nachste Inkarnation. 

Auf der zweiten Devachanstufe pulsiert das Leben als Wirklich- 
keit gleichsam in Flussen und Stromen. Wahrend des irdischen Da- 
seins hat der Mensch das Leben in sich, es konnte nicht wahrgenom- 
men werden; jetzt sieht er es dahinfluten, und er benutzt es, um die 
Form, die er auf der ersten Stufe gemacht hat, zu beleben. 

Auf der dritten Devachanstufe hat der Mensch um sich her alles, 
was fruher in ihm war an Leidenschaften, Gefuhlen und Affekten; 
wie Wolken, Donner und Blitze tritt es ihm hier entgegen. Das alles 
sieht er nun gleichsam objektiv, er lernt es kennen und beachten wie 
das Physische auf der Erde und sammelt seine Erfahrungen in bezug 
auf das seelische Leben. Durch dieses Sehen der Bilder des seelischen 
Lebens kann man sich die seelischen Eigentumlichkeiten einverlei- 
ben, man kann den auf der ersten Stufe gebildeten Korper beseelen. 



Das ist der Sinn des Devachans. Der Mensch mufi im Devachan 
eine Stufe weiterkommen; so bereitet er sich selbst das Bild seines 
Korpers £ur die nachste Inkarnation. Das ist eine der Aufgaben, die 
der Mensch im Devachan hat. 

Aber der Mensch hat noch viele Aufgaben im Devachan. Er ist 
keineswegs nur mit sich selbst beschaftigt. Er tut das alles auch nicht 
ohne Bewufitsein. Der Mensch lebt bewufit im Devachan, und 
falsch ist die Behauptung des Gegenteils in theosophischen Biichern. 
Wie geht das aber zu? 

Wenn der Mensch schlaft, ist der Astralleib aus dem physischen 
und Atherleib herausgetreten, und dann hat der Mensch kein Be- 
wulksein, aber nur so lange, als der Astralleib seine gewohnliche Ar- 
beit verrichten mufi: namlich den abgearbeiteten und ermudeten 
physischen Korper auszubessern und zu harmonisieren; so lange ist 
der Mensch ohne Bewulksein. Wenn der Mensch aber gestorben ist, 
hat der Astralleib diese Tatigkeit nicht mehr auszuiiben, und in 
demselben Mafie, in dem er befreit wird von der Tatigkeit am physi- 
schen Korper, erwacht in ihm das Bewulksein. Sein Bewulksein 
wurde ja wahrend des Lebens am Tage verdunkelt und eingedammt 
durch die physische Macht des Korpers, und nachts muEte er arbei- 
ten an diesem physischen Korper. Wenn nun nach dem Tode die 
Krafte frei werden, dann treten am Astralleib sogleich ganz be- 
stimmte Organe hervor. Diese Organe sind die sieben Lotusblumen, 
Chakrams. So entsteht an der Nasenwurzel, zwischen den Augen- 
brauen die zweiblattrige Lotusblume. Hellsehende Kiinstler haben 
das gewulk und ihren Kunstwerken das Symbol dafur gegeben: 
Michelangelo bildete seinen «Moses» mit zwei Hornern. Die anderen 
Lotusblumen sind in folgender Weise verteilt: 

die sechzehnblattrige Lotusblume in der Nahe des Kehlkopfes, 
die zwolfblattrige Lotusblume in der Nahe des Herzens, 
die acht- oder zehnblattrige Lotusblume in der Nahe der Magen- 
grube, 

eine sechs- und eine vierblattrige sind weiter unten. 



Diese astralen Organe sind beim gewohnlichen heutigen Men- 
schen kaum angedeutet zu sehen, aber wenn er hellsehend wird, 
oder bei Medien im Trancezustand, treten sie scharf hervor in 
lebhaften, leuchtenden Farben und bewegen sich. 

In dem Augenblick, wo die Lotusblumen sich bewegen, nimmt 
der Mensch in der Astralwelt wahr. Der Unterschied zwischen phy- 
sischen und astralen Organen besteht darin, dafi die physischen Sin- 
nesorgane des Menschen passiv sind; sie lassen alles von aufien auf 
sich einwirken. Auge, Ohr und so weiter sind zunachst im Zustande 
der Ruhe, sie miissen warten, bis ihnen etwas geboten wird, Licht, 
Tone und so weiter. Die geistigen Organe sind im Gegensatz dazu 
aktiv, sie umfassen klammerartig den Gegenstand. Diese Tatigkeit 
kann aber erst dann erwachen, wenn die Krafte des Astralleibes 
nicht anderweitig gebraucht werden; dann aber stromen sie in die 
Lotusblumen ein. Auch in Kamaloka, solange die niederen Teile des 
Astralleibes noch mit dem Menschen verbunden sind, findet immer 
noch eine Triibung statt. Wenn aber der astrale Leichnam abgesto- 
fien ist und nur das dauernd Erworbene zuriickbleibt, also an der 
Pforte von Devachan, dann sind diese astralen Sinnesorgane zu vol- 
ler Tatigkeit erwacht, und im Devachan lebt der Mensch in hohem 
Mafie bewufit mit diesen Sinnesorganen. Es ist nicht richtig, wenn 
in theosophischen Buchern gesagt wird, dafi der Mensch im Deva- 
chan schlaft, und es ist auch nicht richtig, da£ er nur mit sich selbst 
beschaftigt ist oder daft er die auf Erden angesponnenen Verhaltnis- 
se nicht fortgesetzt findet; eine echte, auf Geistesgemeinschaft ge- 
griindete Freundschaft setzt sich vielmehr mit grofierer Intensitat 
dort fort. Die Innigkeit der Freundschaft fiihrt der geistigen Ge- 
meinschaft im Devachan Nahrung zu, bereichert es mit neuen For- 
men. Das ist es gerade, was der Seele im Devachan Nahrung gibt. 
Auch das Verhaltnis des Menschen zur Natur, ein edler, asthetischer 
Naturgenufi, ist Nahrung fur das Leben der Seele im Devachan. 

Davon lebt, wie gesagt, der Mensch dort. Die Freundschaftsver- 
haltnisse sind gleichsam die Einrichtungsstucke, mit denen er sich 
umgibt. Die physischen Verhaltnisse durchkreuzen auf Erden diese 
Beziehungen oft genug. Im Devachan wird die Art und Weise, wie 



zwei Freunde beisammen sind, nur durch die Intensitat der Freund- 
schaft bestimmt. Also solche Verhaltnisse auf Erden anzukntipfen 
bedeutet, Erlebnisse zufiihren fiir das Leben im Devachan. So stellen 
sich die physischen Lebensverhaltnisse als wirkliche Erlebnisse im 
Devachan dar. 



FUNFTER VORTRAG 



Stuttgart, 26, August 1906 

Wir haben uns gestern ein wenig bekanntgemacht mit dem Wesen 
von Devachan; nun liegt die Frage nahe: Wie kommt die eigentliche 
Seligkeit des Devachan zustande? - Die Tatigkeit im Devachan 
besteht hauptsachlich im Schopferischen, und es ist schwer, eine 
Vorstellung von dieser Seligkeit zu geben. Aber vielleicht wird der 
Vergleich mit etwas Irdischem sie uns naherbringen. 

Es gibt auf der Erde eine Empfindung, die sich am besten studie- 
ren lalk, wenn man ein Wesen bei einer Tatigkeit beobachtet, die 
mit dem Hervorbringen eines anderen Wesens zu tun hat, zum Bei- 
spiel ein Huhn, das ein Ei ausbriitet. Es ist das ein grotesker, aber 
sehr passender Vergleich. Fur die sinnliche Empfindung des Huhns 
ist das Briiten eine Seligkeit, ein ungeheures Wohlgefuhl. Das kann 
man nun auf das Geistige ubertragen und so sich das Devachan 
ausmalen. 

In der ersten Region, dem Kontinentalgebiet des Geisterlandes, 
wo alles Physische im Negativ, aber wie ein riesiges Tableau vor 
dem Menschen sich ausbreitet, wird er veranlalk, das Bild seines 
neuen Korpers hervorzubringen. Er tut das in ungehemmter Tatig- 
keit und empfindet dabei die Seligkeit des Hervorbringens. 

In der zweiten Region flutet das allgemeine Leben, das im physi- 
schen Leben an die Menschen-, Tier- und Pflanzenformen gebun- 
den, in jeder Wesenheit abgegrenzt ist, wie die Meereswasser dahin. 
Man sieht es dahinfluten, das allgemeine Leben, nicht nur aufierlich, 
sondern auch innerlich. Aufierlich dadurch, daft es rotlich-lilafarben 
flutet von Pflanzenform zu Pflanzenform, von Tierform zu Tier- 
form, als in der Einheit des Lebens begriffen. Im Devachan lebt das 
Leben. Alle Formen des geistigen Lebens, zum Beispiel das der 
christlichen Gemeinschaften, sieht man dort als gemeinsam fluten- 
des Leben. Auch den ersten Grundsatz des Theosophen, das all-eine 
Leben zu suchen, kann man dort recht ausiiben; dort sieht man das 
alien gemeinsame, das eine Leben fluten. 



In der dritten Region sieht man alles praktisch verwirklicht, was 
hier seelisch zwischen Mensch und Mensch spielt. Wenn zwei Men- 
schen sich lieben, sieht man dort die Liebe als ein Wesen selbst, das 
in der Liebe den Korper hat. Wenn man dies alles sich ausmalt, dann 
bekommt man ein Bild von der Seligkeit des Devachan. Wer davon 
etwas kennt, wird wenig Worte machen, weil das Geistige nicht zu 
schildern ist mit der physischen Sprache. 

Man darf aber nicht glauben, daft der Mensch untatig oder nur 
mit sich selbst beschaftigt sei im Devachan. Der Mensch hat noch 
anderes dort zu arbeiten. 

Das Antlitz der Erde verandert sich fortwahrend mitsamt der 
ganzen Fauna und Flora. Wie anders war es zum Beispiel im Norden 
von Sibirien zu der Zeit, als das Mammut, das man jetzt in Eisfel- 
dern wie lebendig vereist wiederfindet, noch dort lebte! Wie anders 
hier, wo einst Urwalder den Boden bedeckten, wo wilde Tiere der 
herften Zone hausten, kurz, eine Tropenwelt sich vorfand! Wer 
macht das? Wer andert den Zustand der Erde? Wie steht es mit der 
Seele, dem Geist der Tiere? Wie steht es mit der Seele der Pflanzen? 

Wenn wir den physischen Plan betrachten, sagen wir mit Recht: 
Der Mensch hat hier sein Ich, hier seinen Wohnort; er ist das her- 
vorragendste Geschopf unter den Wesen, die hier leben. Ganz an- 
ders ist es auf dem Astralplan. Sobald der Eingeweihte den Astral- 
plan betritt, lernt er eine ganze Reihe von neuen Wesenheiten ken- 
nen, die hier auf dem physischen Plane gar nicht vorhanden sind. Es 
ist in dieser Hinsicht gleich, ob es sich um einen eingeweihten Men- 
schen oder um einen Toten handelt; der Eingeweihte kann schon 
wahrend einer Verkorperung auf dem Astralplan arbeiten. Er sieht 
dort zum Beispiel die Gattungs- oder Gruppenseelen der Tiere; mit 
denen hat er dort so Umgang wie hier mit den Menschen; er sieht sie 
wie seinesgleichen. Die Tiere haben auf dem physischen Plan nur 
den physischen, Ather- und Astralleib; das Ich haben sie nicht auf 
dem physischen, sondern auf dem Astralplan. So wie Ihre zehn Fin- 
ger eine gemeinsame Seele haben, so haben alle Tiere einer Gattung 
eine gemeinsame Seele auf dem Astralplan. Das Ich der Tiergattung 
Lowe, Hund, Ameisen und so weiter ist dort vorhanden als eine 



Wesenheit. Es ist gleichsam, als schwebte das Ich im Astralraum und 
hielte an Seilen die verschiedenen Tiere wie Marionetten. Auch fur 
die Pflanzen gibt es solche Gruppenseelen; sie haben ihr Ich aber im 
Devachan. Da reichen die «Seile» gewissermaften noch hoher hin- 
auf. Und alle Mineralien aus gemeinsamen Stoffen, wie Gold, Dia- 
manten, Steine und so weiter, haben eine gemeinsame Gruppenseele 
in der oberen Partie des Devachan. 

So unterscheiden sich die Wesenheiten in ihrer Stufenfolge: 

Mensch Tier Pflanze Mineral 

Oberes Devachan - - Ich - ... 

. Lime der 

/» Akasha- 

Unteres Devachan - - Ich Astralleib Chromk 

Astralplan - Ich Astralleib Atherleib 

Physische Welt Ich - - - 

Astralleib Astralleib - - 
Atherleib Atherleib Atherleib - 
physischer physischer physischer physischer 
Leib Leib Leib Leib 



Wenn nun der Mensch gestorben ist, dann ist sein Ich auf dem 
Astralplan mit den Ichs - dieser ungewohnliche Plural kann nicht 
umgangen werden - der Tiere zusammen, und er kann dort eine Ar- 
beit verrichten wie die Ichs der Tiere. Diese Arbeit besteht darin, 
dafi er die Tierwelt nach und nach verandert. Im unteren Devachan 
findet er die Ichs der Pflanzen als seine Genossen; da kann er die 
Pflanzenwelt verandern. Auf diese Weise wirkt er selbst mit an der 
Umgestaltung der Erde. 

Mithin ist es der Mensch selbst, der die grofien Veranderungen 
der Erde vollbringt; er arbeitet selbst an dem Antlitz der Erde. Den 
so ganz veranderten Schauplatz bei seiner neuen Inkarnation hat der 
Mensch selbst bewirkt. Aber diese Arbeit verrichtet er unter der Lei- 
tung und Fuhrung hoherer Wesen. Es ist also durchaus wahr, wenn 
wir im Hinblick auf die Tier- und Pflanzenwelt, die sich fortwah- 



Copyright Rudolf Steiner Nachlass-Verwaltung Buch: 9 5 



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rend verandert, sagen: Das ist das Werk der Verstorbenen. Die Toten 
arbeiten an der Umgestaltung der Fauna und Flora, ja selbst an der 
Umwandelung der physischen Formen der festen Erde. Erdenarbeit 
ist Totenarbeit. Auch in den Naturkraften haben wir die Handlun- 
gen der entkorperten Menschen zu sehen. Und wie gewaltig arbeiten 
diese Naturkrafte die Erde um! 

Alle Tatigkeit, alles Arbeiten hat einmal vor Zeiten einen Anfang 
genommen. Da gab es noch keine Pyramiden, da gab es auch noch 
keine Werkzeuge. Alles war da, wie die Gotter, oder wie die Mate- 
rialisten sagen, die Naturkrafte es gegeben hatten, und der Mensch 
war in das hineingesetzt. Jetzt ist rund um uns her die Erde durch 
aufiere Menschenarbeit umgestaltet; und was hier nicht erreicht wer- 
den kann, was der Mensch hier nicht tun kann, das tut er in der Zeit 
zwischen Tod und neuer Geburt. Somit hangt unsere eigene Entwik- 
kelung zusammen mit der Veranderung der ganzen Erde. Der Bau 
und die Evolution der Erde ist die Arbeit des Menschen auf den 
hoheren Planen, und je hoher sich der Mensch selbst entwickelt, um 
so rascher und vollkommener schreitet die Umgestaltung der physi- 
schen Erde und der Fauna und Flora vorwarts. Je hoher er entwickelt 
ist, desto langer hat er zu arbeiten in den hoheren Partien des Deva- 
chan. Der Wilde hat noch wenig Einblick darin. In vielen Sagen und 
Marchen hat der scheinbar kindliche, in Wirklichkeit aber von hohen 
Kraften inspirierte Menschengeist diese Tatsachen zum Ausdruck 
gebracht. 

Wie arbeiten nun die Krafte, um den Menschen zu einer neuen 
Inkarnation zu bringen? Ungefahr tausend Jahre gehen dahin zwi- 
schen Tod und neuer Inkarnation, wie wir sahen; in dieser Zeit reift 
die Seele aus, um den Weg zu einer neuen Geburt wieder anzutre- 
ten. Fur den Seher ist es aufierordentlich interessant, die astralische 
Welt zu durchforschen. Er kann zum Beispiel fliegende, in Auflo- 
sung begriffene Astralleichname beobachten. Der Astralleichnam ei- 
nes hochentwickelten Menschen, der an seinen niederen Trieben ge- 
arbeitet hat, lost sich rasch auf; aber langsam geht die Auflosung vor 
sich bei niedrigstehenden Menschen, die ihren Neigungen und Lei- 
denschaften freien Lauf gelassen haben. Da kann es sogar vorkom- 



men, dafi der alte zuriickgelassene Astralleichnam sich noch nicht 
aufgelost hat, wenn der urspriingliche Trager zu einer neuen Geburt 
schreitet. Und das ist dann ein schweres Schicksal. Es kann auch 
sein, daft ein Mensch durch besondere Umstande bald wiederkehrt 
und seinen alten Astralleichnam noch vorfindet; dieser hat dann ei- 
ne starke Anziehung zu ihm und schliipft mit hinein in den neuen 
Astralleib. Der Mensch bildet sich also wohl einen neuen Astralleib, 
aber sein alter verbindet sich damit, beide schleppt er dann mit sich 
durchs Leben. Der alte Astralleib tritt dann in bosen Traumen oder 
Visionen vor ihn als sein zweites Ich und umgaukelt, qualt und pei- 
nigt ihn. Das ist der unberechtigte, falsche «Hiiter der Schwelle». 
Dieser alte Astralleichnam tritt leicht aus dem Menschen heraus, 
weil er nicht fest mit den anderen Wesensgliedern verbunden ist, 
und erscheint dann als ein Doppelganger. 

Au£er diesen Gestalten sieht der Seher noch eine ganz besonders 
merkwurdige Art von Gebilden; es sind glockenformige Gebilde, 
die mit riesiger Schnelligkeit den Astralraum durchfliegen und 
durchschiefien. Das sind die noch nicht verkorperten, aber nach 
Verkorperung hinstrebenden Menschenkeime. Die Zeit und der Ort 
sind eigentlich ziemlich bedeutungslos fur diese zur Verkorperung 
hinstrebenden Menschenkeime, weil sie sich so leicht bewegen kon- 
nen. Sie sind mannigfaltig gefarbt und umgeben von einer Farben- 
atmosphare, an einer Stelle sind sie rot, an der anderen blau, mitten 
drinnen funkelt ein gelbleuchtender Strahl. Es sind dies also die eben 
aus dem Devachan in den Astralraum hineinkommenden Men- 
schenkeime. Was ist da geschehen? Der Mensch hatte den hoheren 
Astralleib und die Friichte der verschiedenen Leben als Kausalleib 
mit sich ins Devachan genommen, und nun sammelt er eine neue 
«Astralmaterie» um sich herum. Es ist das gleichsam, wie wenn her- 
umgestreute Eisenspane sich ordnen nach den Kraften eines Ma- 
gnets. Je nach den innewohnenden Kraften sammelt der Mensch die 
Astralmaterie um sich herum; bei einem guten Vorleben sammelt er 
anderes Material als bei einem schlechten. Das glockenformige Ge- 
bilde nun ist der fruhere Kausalleib, die Krafte des friiheren Astral- 
leibes und der neue Astralleib. Der Keim soli nun nicht mehr den al- 



ten Astralleib finden, sondern er soil sich einen neuen Astralleib bil- 
den aus der undifferenzierten Astralmaterie, so dafi dieser Vorgang 
von dem Menschen selbst abhangig ist: Je nach den Kraften des ver- 
gangenen Lebens ist die Form und Farbe des neuen Astralleibes. Das 
ist eine Tatsache, die man wohl beachten mufi. Warum schiefien die- 
se Menschenkeime mit solch rasender Schnelligkeit dahin? Weil das 
Elternpaar gesucht werden mu!5, das nach Charakter und Famihen- 
verhaltnissen zu dem Menschenkeime pafk. Die Schnelligkeit er- 
moglicht es, dafi das Elternpaar gefunden wird. Der Menschenkeim 
kann in diesem Moment hier, im nachsten schon in Amerika sein. 

In dem, was weiter geschieht, ist der Mensch auf Hilfe angewie- 
sen. Hohere Wesenheiten, die Lipikas, leiten den Menschenkeim 
hin zu dem entsprechenden Elternpaar, die Maharajas formen den 
Atherleib in Gemafiheit der Astralform und dessen, was die Eltern 
an aufierem physischem Korper beitragen. Bei dem Befruchtungsakt 
kann der Seher in der Leidenschaft, die sich dabei von seiten der El- 
tern entwickelt, auch Astralmaterie entdecken. Dadurch wird die 
Leidenschaftlichkeit des Kindes je nach der Intensitat dieser Leiden- 
schaft bestimmt. Dann schiefk die Athermaterie an von Nord, Slid, 
Ost und West, aus der Hohe und von der Tiefe. 

Nicht immer kann ein Elternpaar gefunden werden, das ganz ge- 
nau zu dem Menschenkeim pafk; es kann immer nur das am besten 
passende herausgesucht werden. Und ebensowenig kann ein physi- 
scher Leib gebaut werden, der ganz genau zu dem Atherleib des Men- 
schenkeimes palk. Eine vollige Harmonie kann es nie geben. Daher 
riihren die Zwiespalte im Menschen zwischen Seele und Korper. 

Unmittelbar vor der Verkorperung tritt ein sehr wichtiges Ereig- 
nis ein, das demjenigen im Moment des Todes parallel ist. Wie un- 
mittelbar nach dem Tode die Riickerinnerung an das vergangene Le- 
ben gleich einem Tableau vor die Seele tritt, so ist unmittelbar vor 
der Einkorperung eine Art Vorgesicht auf das kommende Leben 
vorhanden. Man sieht nicht alle Einzelheiten, aber in grofien Um- 
rissen alle Verhaltnisse im kommenden Leben vor sich. Dieser Mo- 
ment ist von ungeheurer Bedeutung. Es kommt vor, da$ Menschen, 
die in friiheren Leben viel gelitten haben und sehr Schweres durchge- 



macht haben, beim Anblick der neuen Verhaltnisse und Schicksale 
einen Schock bekommen und die Seele zuriickhalten vor der ganzen 
Einkorperung, so daft nur ein Teil der Seele in den Korper eingeht. 
Die Folge des Schocks bei einem solchen Vorgesicht ist die Geburt 
eines Idioten oder Epileptikers. 

In dem Moment der Verkorperung, gleich nach der Befruchtung, 
verdunkelt sich der gelbglanzende Faden im Kausalleib und ver- 
schwindet. Nur bei dem Eingeweihten bleibt er in alien Stadien. 

Nun darf man sich nicht vorstellen, dafi die hoheren Wesensglie- 
der von Anfang an in vollster Weise mit dem Embryo verbunden 
sind. Was seine Tatigkeit zunachst entfaltet, ist der Kausalkorper, 
denn dieser arbeitet schon bei der allerersten Entstehung des physi- 
schen Leibes. 

Der Atherleib fangt erst in der siebenten Woche an, 
am Embryo zu arbeiten, der Astralleib erst im siebenten Monat. 
Vorher arbeitet am Kinde der Atherleib und der Astralleib der Mut- 
ter. Es ist nun sehr wichtig fur die Erziehung der ersten Jahre beim 
Kinde, diese Korper weiterzuentwickeln. Diesem sollte bei der Er- 
ziehung des Kindes viel mehr Rechnung getragen werden, als es ge- 
schieht. Es sollte die Zeit beobachtet werden, wo der Atherleib und 
der Astralleib des Kindes anfangen mitzuarbeiten. 

Die Entwickelung geht nach der Geburt in verschiedenster Wei- 
se stufenformig weiter, und besonders wichtig fur die Erziehung ist 
dann die Zeit vom siebenten bis zum vierzehnten Lebens jahre. Wir 
werden dann morgen weiter sehen, wie die Theosophie sich zu den 
Erziehungsfragen stellt, die ja ein wichtiges Kapitel in der Mensch- 
heitsentwickelung darstellen. 



SECHSTER VORTRAG 



Stuttgart, 27. August 1906 

Bei der Theosophie handelt es sich um eine im eminentesten Sinne 
praktische Auffassung des Lebens. Das Licht, das sie auf die Erzie- 
hungsfrage wirft, wird der Menschheit tiefen Nutzen bringen, lange 
bevor es sich um Hellsehen handelt; man kann sich schon iiberzeu- 
gen, dafi in der Theosophie Wahrheit ist fur das Leben, lange bevor 
man herantritt an das unmittelbare Schauen. 

Nach der Geburt tritt der Mensch hinein in ein neues Leben, und 
seine verschiedenen Leiber entwickeln sich in ganz verschiedener 
Art und Zeit. Der Erzieher sollte darauf Riicksicht nehmen. Ganz 
anders ist es vom ersten bis zum siebenten Jahre, ganz anders in den 
zweiten sieben Jahren, vom siebenten bis zum funfzehnten oder 
sechzehnten Jahre, bei den Knaben spater, bei den Madchen friiher. 
Wieder anders ist die Entwickelung nach dem funfzehnten Jahre 
oder, sagen wir, nach der Geschlechtsreife. Man lernt die Entwicke- 
lung des Menschen erst dann richtig verstehen, wenn man die ver- 
schiedenartige Entwickelung seiner Wesensglieder betrachtet. 

Von der Geburt bis zum siebenten Jahre kommt fur Eltern und 
Erzieher eigentlich nur der physische Leib des Kindes in Betracht. 
Durch die Geburt ist der physische Leib fur seine Umgebung frei ge- 
worden. Vor der Geburt bildet derselbe einen Bestandteil des Orga- 
nismus der Mutter. Die ganze Zeit wahrend der Keimung geht das 
Leben der Mutter und dasjenige des menschlichen Keimes ineinan- 
der. Der physische Leib der Mutter umhiillt den physischen Leib 
des Kindes; das bedeutet, dafi er noch unzuganglich ist fur die physi- 
sche Aufienwelt. Erst nach der Geburt andert sich dies. Er kann erst 
Eindriicke von anderen Wesen der physischen Welt bekommen, 
wenn er geboren ist. Damit ist aber noch nicht der Ather- und 
Astralleib fur die Auftenwelt zuganglich. Auf den Ather- und Astral - 
leib kann man zwischen dem ersten und siebenten Jahre von der 
Aufienwelt her deshalb noch nicht einwirken, weil beide noch mit 
der Ausbildung des eigenen physischen Leibes zu tun haben. Alle ih- 



re Tatigkeit richtet sich nach dem Innern des physischen Leibes; sie 
arbeiten an dessen Ausbau. Ungefahr gegen das siebente Lebensjahr 
fangt der Atherleib an, frei zu werden fur aufiere Eindriicke. Dann 
erst kann man auf den Atherleib einwirken. Zwischen dem sieben- 
ten und dem vierzehnten Jahre sollte man dagegen noch nicht auf 
den Astralleib wirken, denn man schadigt ihn dadurch, dafi man 
ihm die Moglichkeit entzieht, nach innen zu wirken. Es ist am be- 
sten, wenn man in den ersten sieben Jahren den Ather- und Astral- 
leib ganz unbehelligt lafk, wenn man damit rechnet, daft sich in 
diesen Jahren alles von selbst ergibt. 

Wie wirkt man in den ersten sieben Jahren am besten auf den 
Menschen ein? Indem man die Sinnesorgane ausbildet. Alles, was 
von aufien auf sie einwirkt, ist bedeutsam. Alles, was der Mensch in 
den ersten sieben Jahren sieht und hort, wirkt auf ihn ein durch die 
Sinnesorgane. Aber nicht durch einen Lehrstoff oder mundliche Be- 
lehrung wirkt man auf die Sinnesorgane ein, sondern durch das Bei- 
spiel, das Vorbild. Man muft dem Kinde etwas fiir seine Sinne bie- 
ten; das ist wichtiger als alles andere in den ersten sieben Jahren. Das 
Kind sieht, wie sich die Menschen benehmen in seiner Umgebung, 
es sieht es mit seinen Augen. Aristoteles sagt mit Recht: Der Mensch 
ist das nachahmendste der lebenden Wesen. - Vorzugsweise ist das 
in den ersten sieben Jahren der Fall. Nie wieder ist der Mensch so 
sehr der Nachahmung zuganglich wie in diesen ersten sieben Jahren. 
Darum eben mufi man in dieser Zeit auf die Sinnestatigkeit einwir- 
ken, muft sie herauszulocken suchen und zur eigenen Tatigkeit anre- 
gen. Daher ist es auch so verfehlt, wenn man in der friihen Jugend 
dem Kinde eine sogenannte «schone» Puppe gibt; dabei konnen die 
inneren Krafte nicht zur Arbeit kommen. Ein natiirlich entwickel- 
tes Kind weist sie ohnehin zuriick und halt sich lieber an ein Stuck 
Holz und dergleichen, das die Phantasie und Imagination zu eigener 
innerer Tatigkeit anregt. 

Auf den Ather- und Astralkorper braucht man keine besondere 
Lehrmethode anzuwenden, aber ungeheuer wichtig ist es, dafi die 
hoheren Einfliisse, die von der physischen Umgebung ohne bewulS- 
te Einwirkung auf sie iibergehen, giinstig sind. Sehr wichtig ist es, 



dafi der Mensch in diesem Lebensalter gerade von edlen, hochherzi- 
gen und gemiitvollen Menschen mit guten Gedankenformen umge- 
ben ist. Diese pragen sich den im Innern arbeitenden Wesensglie- 
dern ein. Das Vorbild also, auch in Gefiihlen und Gedanken, ist das 
wichtigste Erziehungsmittel. Nicht was man sagt, sondern wie man 
ist, wirkt in den ersten sieben Jahren auf das Kind ein. Wegen der 
ungemeinen Subtilitat dieser Wesensglieder mufi sich die Umgebung 
des Kindes aller unreinen, unmoralischen Gedanken und Gefiihle 
enthalten. 

In der Zeit vom siebenten bis vierzehnten, fiinfzehnten und sech- 
zehnten Jahre, also bis zur Geschlechtsreife, wird der Atherleib ge- 
radeso herausgeboren, wie bei der Geburt der physische Leib fur die 
Umgebung zuganglich wird. Da mull man also auf den Atherleib 
wirken. Der Atherleib ist der Trager des Gedachtnisses, der bleiben- 
den Gewohnheiten, des Temperamentes, der Neigungen und der 
bleib enden Begierden. Daher mu£ man, wenn dieser frei wird, vor 
allem seine Sorgfalt darauf wenden, diese Eigenschaften zu ent- 
wickeln; man mulS auf Gewohnheiten wirken, auf das Gedachtnis, 
iiberhaupt auf alles das, was dem Menschen einen dauernden Grund- 
stock des Charakters geben soli. Er wird wie ein Irrlicht, wenn nicht 
in dieser Zeit dafiir gesorgt wird, dafi gewisse Gewohnheiten wie ein 
roter Faden seinen Charakter durchziehen, damit er feststehen kann 
gegen die Stiirme des Lebens. Und jetzt mufi man auf das Gedacht- 
nis wirken; spater, nach dieser Zeit, wird das, was als Gedachtnis- 
stoff aufgenommen werden soil, schwer eingehen. Insbesondere 
wird auch der Sinn fur Kunst in dieser Zeit erwachen, namentlich 
fur eine solche Kunst, die sehr viel zu tun hat mit den Schwingun- 
gen des Atherleibes, namlich fur Musik. Sind hierfiir Talente vor- 
handen, so mufi man in diesen Jahren dafiir Sorge tragen, sie zur 
Entfaltung zu bringen. In dieser Zeit wirkt das Gleichnis; wenn man 
versucht, jetzt auch schon das Urteil auszubilden, so tut man un- 
recht. Unsere Zeit siindigt darin aufierordentlich viel. Man soil dafiir 
Sorge tragen, dafi das Kind moglichst viel durch Gleichnis se lernt; 
das Gedachtnis mufi Inhalt bekommen, die Vergleichungskraft mufi 
an sinnlichen Vorstellungen geiibt werden. Es mussen ihm Beispiele 



grower Menschen aus der Weltgeschichte vorgefiihrt werden; aber 
man darf nicht sagen, das ist gut oder das ist schlecht, denn das wur- 
de auf die Urteilskraft wirken. Man kann gar nicht gemig solche Bil- 
der, die auf den Atherleib wirken, oder Vergleiche mit dem Grofien 
auf der Welt dem Kinde vorhalten. Dabei ist es von groltem Nutzen, 
wenn man viel mit Sinnbildern arbeitet. Das ist die Zeit, wo die sin- 
nigen Marchen und Erzahlungen, die das Menschenleben in Bildern 
darstellen, machtig wirken. Dadurch macht man den Atherleib be- 
weglich, schmiegsam und gibt ihm dauernde Eindnicke. Wie mufke 
Goethe seiner Mutter dankbar sein, dafi sie ihm in dieser Zeit so viele 
Marchen erzahlte! 

Also, je spater man dazu kommt, das Urteil im Kinde hervorzu- 
rufen, desto besser ist es. Das Kind aber fragt «Warum?». Diese Fra- 
gen nach dem Wie und Warum sollen nicht mit abstrakten Erkla- 
rungen, sondern mit Beispielen, mit Sinnbildern beantwortet wer- 
den. Und wie unendlich wichtig ist es, die richtigen Sinnbilder zu 
finden! Wenn das Kind fragt nach Leben und Tod, nach den Ver- 
wandlungen des Menschen, so kann man ihm das Beispiel von der 
Raupe und Puppe vorfiihren; man macht ihm klar, wie gleichsam 
aus der Puppe heraus der Schmetterling aufersteht zu einem neuen 
Leben. Uberall in der Natur findet man solche Gleichnisse fur die 
hochsten Fragen. Ganz besonders aber wichtig ist in dieser Zeit fur 
das Kind die Autoritat. Nur darf es keine erzwungene Autoritat 
sein, sondern in ganz naturlicher Weise mufi der Lehrer Autoritat 
erlangen, damit das Kind glaubt, bevor sich ein Wissen entwickeln 
darf. Daher fordert die theosophische Padagogik nicht blofi intellek- 
tuelles Wissen, padagogische Grundsatze und Einsichten bei dem 
Erzieher, sondern sie fordert, dafi man solche Menschen dazu wahlt, 
die durch ihre natiirlichen Anlagen versprechen, eine Autoritat zu 
werden. Scheint dies eine Harte ? Aber wie sollte man sie nicht hin- 
einbringen, da die Zukunft der Menschheit davon abhangt! Gerade 
das ist eine Perspektive fur eine grofie Kulturaufgabe der Theo- 
sophie. 

Wenn dann der Mensch die dritten sieben Jahre antritt, die Zeit 
der Geschlechtsreife, wird der Astralleib frei, und an ihm hangt das 



Urteil, die Kritik, hangen die unmittelbaren Beziehungen zu den 
iibrigen Menschen. So wie die Gefiihle von Mensch zu Mensch er- 
wachen, so erwachen auch die Gefiihle fiir die iibrige Umwelt; da ist 
der Mensch reif, anzufangen zu begreifen. Die Personlichkeit wird 
mit dem Astralleib freigelegt; da mufi man das eigene Urteil aus dem 
Menschen herauslocken. Heutzutage wird er viel zu friih zur Kritik 
herausgefordert. Siebzehnjahrige Kritiker sind haufig, und wie viele 
schreiben und urteilen ganz und gar Unreifes fiir die Menschheit! 
Man mufi zweiundzwanzig bis vierundzwanzig Jahre alt sein, ehe 
man selbst urteilen kann; das andere ist absolut unmoglich. Vom 
vierzehnten bis zum vierundzwanzigsten Jahre ist die Zeit, wo der 
Mensch am besten von der Welt lernen wird, wo alles fiir ihn Lehre 
wird, was ihn umgibt. So wachst er heran zur volligen Lebensreife. 

Das sind die grofien Grundsatze der Erziehung. Unzahlige Ein- 
zelheiten ergeben sich daraus. Die Theosophische Gesellschaft wird 
ein Buch herausgeben fiir Lehrer und Mutter, worin gezeigt wird, 
wie vom ersten bis siebenten Lebensjahre das Vorbild, vom sieben- 
ten bis vierzehnten Lebensjahre die Autoritat und vom vierzehnten 
bis vierundzwanzigsten Lebensjahre das selbstandige Urteil am 
Menschen arbeiten mufi, 

Das sollte ein Beispiel dafiir sein, wie die Theosophie ihre Kultur- 
aufgabe zu erfiillen sucht, wie sie auf Schritt und Tritt einzugreif en 
vermag in die wirklichen praktischen Aufgaben des Lebens. 

Ein anderes Beispiel fiir praktische Theosophie gibt die Betrach- 
tung des grofien Gesetzes von Karma. Es ist das ein Gesetz, das dem 
Menschen das Leben eigentlich erst verstandlich macht. Das Karma- 
gesetz ist nicht blofS ein theoretisches Gesetz oder etwas, was blo& 
unsere Wifibegierde befriedigt. Nein, auf Schritt und Tritt ist es fiir 
das Leben etwas, was Kraft zum Handeln und Sicherheit gibt, was 
alles Unverstandliche verstandlich macht. 

Zunachst antwortet das Karmagesetz auf eine grofte Lebensfrage: 
Wodurch kommt iiberhaupt unser Schicksal zustande? Warum ob- 
walten schon bei der Geburt der Kinder so verschiedene Verhaltnis- 
se? Man sieht zum Beispiel, wie ein Kind in Reichtum geboren wird, 
vielleicht auch mit grofien Talenten, von sorgsamster Liebe umge- 



ben ist. Und man sieht ein anderes Kind, geboren in Elend und Ar- 
mut, vielleicht mit geringen Talenten oder Fahigkeiten, so dafi es da- 
zu pradestiniert scheint, es zu nichts zu bringen; oder auch mit gro- 
j($en Fahigkeiten, die aber vielleicht nicht ausgebildet werden kon- 
nen. Das sind Ratselfragen des praktischen Lebens, und auf diese 
gibt nur die Theosophie eine Antwort. Diese Fragen muE der 
Mensch beantwortet haben, wenn er mit Kraft und Hoffnung im 
Leben dastehen soil. Und wie antwortet das Karmagesetz auf diese 
Fragen? 

Wir haben gesehen, dafi der Mensch wiederholte Leben auf der 
Erde durchlebt. Das Kind wird nicht zum ersten Male auf dieser Er- 
de geboren, es war schon oft da. Alles nun in der Welt draufien steht 
im Zusammenhang von Ursache und Wirkung; das erkennt jeder 
an. Das gro£e Ursachengesetz herrscht also in der Natur, und dieses 
Gesetz, auf das Geistige, auf die geistige Welt iibertragen, das ist das 
Karmagesetz. 

Wie wirkt das Gesetz nun in der Aufienwelt? Wenn wir eine Ku- 
gel nehmen, sie erhitzen und dann auf eine Holzplatte legen, so 
brennt sie ein Loch in das Holz hinein. Erhitzen wir eine andere Ku- 
gel, werfen sie erst ins Wasser und legen sie dann auf das Brett, dann 
brennt sie kein Loch in das Holz. Die Tatsache, dafi ich die Kugel 
ins Wasser werfe, ist bedeutsam fur das, was die Kugel nachher be- 
wirkt. Die Kugel hat gleichsam ein Erlebnis, und es ist verschieden, 
was sie vor diesem Erlebnis und nachher tut. So hangt die Wirkung 
ab von der Ursache. Das ist ein Beispiel aus der leblosen Natur, und 
so ist es in der ganzen Welt. Tiere, die sehend in finstere Hohlen ein- 
wandern, verlieren die Sehkraft. Wenn das Tier in einer spateren 
Generation dariiber nachdenken konnte: Warum habe ich keine 
Augen? - so miifite es sich sagen: Die Einwanderung meiner Vorfah- 
ren in diese Hohlen ist die Ursache meines Schicksals. - So ist das 
Erlebnis von vorher das Schicksal fur spater. So hangen die Dinge 
zusammen nach Ursache und Wirkung. Je weiter wir nun hinauf- 
riicken zum Menschen, desto individueller wird die ganze Sache. 
Das Tier hat eine Gattungsseele, und das Schicksal einer Gruppe 
von Tieren kniipft sich an an die Gruppenseele. Der Mensch dahin- 



gegen hat ein Ich fur sich. Dieses Einzel-Ich erleidet ein ahnliches 
Schicksal wie die Gruppenseele der Tiere. Wie die ganze Gattung 
von Tieren sich verwandelt, so verwandelt sich das einzelne Ich von 
einem Leben zum andern. Ursache und Wirkung pflanzen sich fort 
von einem Leben zum andern. Was ich heute erlebe, hat seine Ursa- 
che im friiheren Leben, und was ich heute tue, bildet mein Schicksal 
fiir das nachste Leben. In diesem Leben liegt nicht die Ursache zu 
der verschiedenartigen Geburt; nichts ist jetzt verschuldet. Die 
Ursache liegt in dem friiheren Leben. Der Mensch hat sich sein 
heutiges Schicksal selbst in dem vorigen Leben zubereitet. 

Nun kann man sagen: Aber muft das nicht gerade den Menschen 
niederdriicken und ihm jede Hoffnung nehmen? - Und doch ist das 
Karmagesetz das trostreichste Gesetz fiir das Leben. Denn so wahr 
es ist, daft nichts ohne Ursache ist, ebenso wahr ist es auch, daft 
nichts ohne Wirkung bleibt. Werde ich auch in Not und Elend ge- 
boren, habe ich auch geringe Fahigkeiten: Was ich tue, mufi seine 
Wirkung haben, und was ich mir zueigne durch Fleift und Morali- 
tat, das wird seine sichere Wirkung haben in folgenden Lebenslau- 
fen. Kann es mich niederdriicken, daft ich mein Schicksal selbst ver- 
dient habe, so kann es mich erheben, daft ich mir mein Schicksal fiir 
die Zukunft selbst zimmern kann. - Wer dieses Gesetz in sein Den- 
ken und Fiihlen aufnimmt, wird sehen, welche Kraft und Sicherheit 
im Leben er gewinnt. Es ist nicht so wichtig, daft man das Gesetz im 
einzelnen durchschaut; das kommt erst auf den hoheren Stufen der 
hellseherischen Erkenntnis. Viel wichtiger ist, daft man im Sinne 
dieses Gesetzes die Welt betrachtet und danach lebt. Tut man dies 
mit Ernst durch Jahre hindurch, dann wird sich dieses Gesetz ganz 
von selbst dem Gefiihl mitteilen. Es bewahrheitet sich durch 
Anwendung. 

Nun kann jemand einwenden: Da wiirden wir ja zu reinen Fata- 
listen! Alles, was uns trifft, haben wir uns selbst zubereitet, aber wir 
konnen ja nichts daran andern; also ist es das beste, wenn man nichts 
tut. Wenn ich faul bin, ist das eben mein Karma. - Oder man sagt 
vielleicht: Es gibt ein Karmagesetz, das sagt, daft wir giinstige Wir- 
kungen fiir unser spateres Leben erzielen konnen. Da werde ich im 



spateren Leben anfangen, recht brav zu sein; jetzt will ich erst ein- 
mal geniefien. Ich habe ja Zeit, ich komme ja spater wieder auf die 
Erde; da fange ich dann an. - Ein anderer sagt: Ich helfe jetzt keinem 
Menschen mehr, denn wenn er arm und elend ist und ich helfe ihm, 
dann greife ich ja in sein Karma ein. Er hat verdient, was er leidet; 
er mufi selbst dafiir sorgen, dafi sein Karma ein anderes wird. 

Alle diese Dinge sind die grobsten Mifiverstandnisse. Das Karma- 
gesetz sagt: Alles, was ich im Leben an guten Taten getan habe, wird 
seine Wirkung haben, ebenso alles Schlechte, so dafi das wie eine Art 
Konto gibt im Lebensbuche mit einer Soil- und einer Habenseite. In 
jedem Moment kann man Bilanz machen. Mache ich nun den Ab- 
schlufi und ziehe die Bilanz, so ergibt das mein Schicksal. - Das 
scheint zunachst etwas Starres, Unbewegliches; das ist aber nicht der 
Fall. Der richtige Vergleich mit dem Kontobuch ergibt folgendes: 
Jedes neue Geschaft verandert die Bilanz, und jede neue Tat veran- 
dert das Schicksal. Der Kaufmann kann doch nicht sagen: Durch je- 
des neue Geschaft store ich meine Bilanz, ich kann also nichts tun. - 
Ebensowenig wie der Kaufmann durch sein Kontobuch gehindert 
ist, ein neues Geschaft zu machen, ebensowenig ist der Mensch ge- 
hindert, ein neues Faktum in sein Lebensbuch einzutragen. Und 
wenn der Kaufmann in Kalamitat ist und zu seinem Freund sagt: 
Du, gib mir tausend Mark, damit ich mich aus der schwierigen Lage 
herausreifie -, und der Freund erwidern wurde: Damit greife ich ja 
in dein Kontobuch ein -, so ware diese Antwort ein Unsinn. Ebenso 
ware es ein Unsinn, wenn ich nicht helfen wollte, um nicht mit dem 
Karmagesetz in Konflikt zu kommen. Nichts hindert den Men- 
schen, der fest an das Karmagesetz glaubt, allem Elend, aller Not ab- 
zuhelfen. Im Gegenteil, wenn man nicht daran glauben wurde, 
mufite man bezweifeln, ob die Hilfe iiberhaupt wirksam wird; so 
aber weift ich gewifi, dafi die Hilfe richtig wirkt. Darin liegt die trost- 
reiche, tatkraftige Seite des Karmagesetzes. Man darf nicht so sehr 
nach der vergangenen Seite des Karmagesetzes sehen als nach der zu- 
kiinftigen. Man sieht wohl zuriick auf das Geschehene und tragt das 
Karma, aber vor alien Dingen ruhrt man seine Hande, weil man eine 
Grundlage legen mufi fur die Zukunft. 



Von christlichen Geistlichen wird oft der Einwand erhoben: 
Eure Theosophie ist kein Christentum, denn sie schreibt alles der 
Selbsterlosung zu. Ihr sagt, der Mensch muS ganz allein sein Karma 
auswirken. Wenn der Mensch selbst sein Karma auswirken kann, 
dann bleibt kein Platz fur Christus Jesus, der doch fur die ganze 
Menschheit litt. Der Theosoph sagt, ich brauche niemand. - Das ist 
ein Mifiverstandnis auf beiden Seiten. Man bedenkt nicht, dafi der 
freie Wille nicht beschrankt wird durch das Karmagesetz. Diese Ein- 
sicht mufi der Theosoph haben, da£ er nicht allein auf Selbsthilfe 
und Selbstentwickelung baut, wenn er an Karma glaubt, Er mufi 
wissen, dafi der andere ihm helfen kann; und dann werden wir die 
echte Vereinigung des Karmagesetzes mit der zentralen Tatsache des 
Christentums leicht finden. Sie ist immer vorhanden gewesen, diese 
Ubereinstimmung; die christliche Geheimlehre kennt das Karma- 
gesetz. 

Stellen wir uns zwei Menschen vor, der eine ist durch sein Karma 
im Elend, der andere hilft ihm, weil er die Macht hat zu helfen; jener 
hat sein Karma verbessert. Wird dadurch das Gesetz aus der Welt 
geschafft? Im Gegenteil, es bestatigt sich; gerade durch das Gesetz 
von Karma kann ja die Hilfe wirken. 

Wenn einer machtiger ist, so kann er zweien helfen oder dreien 
oder vieren, wenn sie es brauchen; und ist einer noch machtiger, so 
kann er Hunderten oder Tausenden helfen und ihr Karma im giin- 
stigen Sinne beeinflussen. Und ist einer so machtig, wie das Chri- 
stentum sich den Christus Jesus vorstellt, so hilft er in einer Zeit, wo 
die ganze Menschheit Hilfe braucht, der ganzen Menschheit. Und 
das Karmagesetz wird dadurch nicht unwirksam, sondern im Ge- 
genteil: Die Tat des Christus Jesus auf Erden wird gerade dadurch 
wirksam, dafi man auf Karma bauen kann. 

Der Erloser weifS, dafi durch Karma das Erlosungswerk auch 
wirklich alien zuganglich wird. Ja, diese Tat geschah gerade im 
Bauen auf das Karmagesetz, als eine Ursache fur die zukunftige herr- 
liche Wirkung, als eine Saat fur die spatere Ernte, als eine Hilfe fur 
den, der die Segnungen der Erlosung auf sich wirken lalk. Die Tat 
des Christus Jesus ist iiberhaupt nur denkbar durch das Existieren 



des Karmagesetzes; gerade das Testament des Christus Jesus ist die 
Karma- und Reinkarnationslehre. Darin heifk es nicht: Jeder mufi 
die Folgen seiner Tat tragen -, sondern: Die Folgen der Tat miissen 
getragen werden, gleichviel von wem. - Wenn der Theosoph be- 
hauptet, er verstehe die einmalige Tat des Christus Jesus fur die gan- 
ze Menschheit nicht, so versteht er eben Karma nicht. Ebenso der 
Priester, der da behauptet, Karma store die Erlosung. Warum das 
Christentum gerade dieses Gesetz und auch den Reinkarnations- 
gedanken bisher weniger betont hat, liegt in der Entwickelung 
der Menschheit begriindet und wird spater noch naher behandelt 
werden. 

Die Welt besteht nicht aus einzelnen Ichs, von denen jedes fur 
sich abgeschlossen dasteht, sondern es herrscht die grofie Einheit, 
die grofie Verbriiderung in der Welt. Und wie hier im physischen 
Leben ein Bruder, ein Freund fur den andern einspringen kann, so 
im weit tieferen Sinne auch in der geistigen Welt. 



SIEBENTER VORTRAG 



Stuttgart, 28. August 1906 

Heute mochte ich sprechen uber die Wirkungen des Karmagesetzes 
durch die einzelnen Menschenleben hindurch. Zuvor aber lassen Sie 
mich bemerken, dafi natiirlich eine jede solche Auseinandersetzung 
liickenhaft sein mufi, da keine Spekulationen, keine ausgedachten 
Falle vorgebracht werden, sondern, wie es im Okkultismus eigent- 
lich immer sein soil, nur Tatsachen, nur Dinge, uber die Erfahrun- 
gen vorliegen. Es wird also nur gesagt, dieses oder jenes tritt ein, 
wenn man wirklich einen Menschen beobachtet hat, der in einem 
solchen Falle war. Einzig und allein aus der Erfahrung heraus wird 
liber die karmischen Zusammenhange gesprochen werden. 

Wir haben schon gestern die Tatsache beruhrt, wie am meisten 
fur den Menschen die brennende Lebensfrage wichtig ist: Wodurch 
kommt iiberhaupt unser Schicksal zustande, wodurch die verschie- 
denen Verhaltnisse und Anlagen bei der Geburt? 

Wenn wir diese karmischen Zusammenhange verstehen wollen, 
dann miissen wir wiederum Rucksicht nehmen auf das, was wir sag- 
ten uber die Zusammensetzung des Menschen aus seinen verschiede- 
nen Leibern: dem physischen Leib, dem Atherleib und dem Astral- 
leib, und darinnen der Ich-Leib, in dem ja der iibrige, der hohere 
Teil des Menschen eingeschlossen ist. Bei den karmischen Zusam- 
menhangen wird uns vorzugsweise die Frage beschaftigen, wie die 
Ursachen mit Wirkungen in diesen verschiedenen Leibern zusam- 
menhangen. 

Betrachten wir zunachst einmal den physischen Leib, soweit er 
fur das Karmagesetz in Betracht kommt. Alle unsere Tatigkeiten ge- 
schehen in der physischen Welt; wir miissen am selben Orte mit 
einem Menschen sein - natiirlich nicht wortlich genommen -, um 
ihm Freude oder Schmerz zufugen zu konnen. Unser Tun hangt ab 
von den Bewegungen unseres physischen Korpers und allem, was 
iiberhaupt von ihm bedingt wird. Mit unseren Taten in diesem phy- 
sischen Leben hangt unser aufieres Schicksal im spateren Leben zu- 



sammen. Das aufiere Schicksal ist gleichsam die Umgebung, die Ver- 
haltnisse, in die wir hineingeboren werden. Wer schlechte Taten 
verrichtet hat, bereitet sich eine schlechte Umgebung, und umge- 
kehrt. Das ist das erste wichtige karmische Gesetz: Die Taten in 
einem vorhergehenden Leben bedingen das aufiere Schicksal. 

Ein zweites Grundgesetz ergibt sich aus folgendem. Wir wollen 
einmal einen Blick auf die Entwickelung eines Menschen werfen. Im 
Laufe des Lebens nimmt der Mensch sehr viele Vorstellungen, Be- 
griffe, Empfindungen und Erfahrungen auf; er lernt aufterordentlich 
viel. Dadurch gehen grofie Veranderungen im Menschen vor sich. 
Denken Sie nur einmal ein paar Jahre zuriick, ehe Sie von Theoso- 
phie wuiken; wie viele neue Vorstellungen haben Sie seitdem ge- 
wonnen, wie hat sich das Leben danach verandert! All dieses hat den 
Astralleib verandert, denn der Astralleib, weil er der diinnste und 
feinste ist, macht am schnellsten die Veranderungen durch. 

Viel weniger verandert sich der Mensch nach Temperament, 
Charakter und Neigungen. Ein jahzorniges Kind zum Beispiel an- 
dert sich nur sehr langsam. Temperament, Charakter und Neigun- 
gen erhalten sich oft das ganze Leben hindurch. Rasch geht im Le- 
ben die Veranderung der Erfahrungen und Vorstellungen vor sich, 
langsam die Veranderung von Temperament, Charakter und Nei- 
gungen. Sie sind sehr zah, sie andern sich wohl auch etwas, aber nur 
aufierordentlich langsam. Sie stehen zu dem, was man lernt, im sel- 
ben Verhaltnis etwa wie der kleine Zeiger der Uhr zum groften. Das 
kommt daher, dafi alles dies am Atherleibe hangt, und der verandert 
sich nur langsam, weil er aus einer viel weniger verwandlungsfahi- 
gen Materie besteht als der Astralleib. Am langsamsten aber veran- 
dert sich der physische Leib. Er ist etwas, was sozusagen einmal ver- 
anlagt ist und so ziemlich mit denselben Dispositionen das ganze Le- 
ben hindurch bleibt. Wir werden spater sehen, wie der Einzuwei- 
hende auch seinen physischen Leib andern und wie er auf seinen 
Atherleib wirken kann. Jetzt miissen wir erst einmal betrachten, 
wie sich diese Dinge iiber das Leben hinaus erstrecken. 

Die Vorstellungen, Empfindungen und so weiter eines langen 
Lebens, die den Astralleib umandern, werden erst im nachsten Leben 



eine eingreifende Veranderung im Atherleib hervorrufen. Will man 
daher dafiir sorgen, dafi man im nachsten Leben mit guten Neigungen 
und Gewohnheiten geboren wird, so mu£ man versuchen, in seinem 
jetzigen Leben dies moglichst in seinem Astralleib vorzubereiten. 
Wenn sich also jemand bemiiht, viele gute Taten zu tun, so wird er 
mit Neigungen zu guten Taten geboren. Das wird eine Eigenschaft 
des Atherleibes. Wenn jemand zum Beispiel mit gutem Gedachtnis 
geboren werden will, so mu£ er hier moglichst viel Erinnerungsiibun- 
gen machen, mufi ofters Riickblicke nehmen auf die einzelnen Jahre 
seines Lebens und auf das Gesamtleben. Dadurch bildet er im Astral- 
leib etwas aus, was im nachsten Leben eine Eigenschaft des Atherlei- 
bes wird: eine gute Gedachtnisanlage. Ein Mensch, der in seinem 
Leben nur so durch die Welt rast, der wird im nachsten Leben so 
geboren, dafi er wenig haften kann an einzelnen Dingen der Umge- 
bung. Wer dagegen viel intim zusammenlebt mit einer bestimmten 
Umgebung, wird mit einer besonderen Vorliebe fur alles, was eine 
solche Umgebung gebildet hat, geboren werden. 

Nun kann man auch die verschiedenen Temperamente so richtig 
auf das Vorleben zuruckfuhren, denn die Temperamente sind ja 
Eigenschaften des Atherleibes. 

Der Choleriker hat einen starken Willen, er ist mutig, kuhn, ta- 
tendurstig und hat den Drang, viel zu tun. Von weltgeschichtlichen 
Personlichkeiten waren es zum Beispiel Alexander der Grofie, Han- 
nibal, Cdsar, Napoleon; das waren Choleriker. Es zeigt sich diese 
Charakteranlage schon beim Kinde. Ein solches Kind will eine 
fiihrende Rolle spielen bei seinen Spielkameraden. 

Der Melancholiker beschaftigt sich viel mit sich selbst; dadurch 
kommt er leicht dazu, sich abzusondern. Er denkt viel nach, haupt- 
sachlich dariiber, wie die Umgebung auf ihn wirkt. Er zieht sich 
gern zuriick, ist leicht mifitrauisch. Das zeigt sich wiederum schon 
beim Kinde: Es zeigt nicht gern seine Spielsachen, hat Angst, es wiir- 
de ihm etwas genommen und mochte zu allem gern ein Schliissel- 
chen haben. 

Der Phlegmatiker hat fur nichts recht Interesse, er vertraumt 
viel, ist untatig, faul und sucht den Sinnengenufi. 



Der Sanguiniker dagegen hat leicht erregbares Interesse fur alles, 
es halt aber nicht an, es verfliegt leicht und rasch, er wechselt viel 
und oft seine Liebhabereien. 

Das sind die vier Grundcharakterziige, die ein Mensch haben 
kann. Gewohnlich hat der Mensch eine Mischung von alien vier 
Temperamenten; man kann aber immer mehr oder weniger einen 
Grundton finden. Diese vier Temperamente driicken sich im Ather- 
leib aus. Es gibt also vier verschiedene Hauptarten von Atherlei- 
bern. Diese haben wiederum verschiedene Stromungen und Bewe- 
gungen, die sich in einer bestimmten Grundfarbe im Astralleib aus- 
driicken. Das ist nicht etwa vom Astralleib abhangig, es zeigt sich 
nur darin. 

Das melancholische Temperament wird karmisch besonders 
dann hervorgerufen, wenn ein Mensch im vorhergehenden Leben 
gezwungen war, im kleinsten, engsten Kreise zu leben, viel fur sich 
allein zu sein, immer nur sich mit sich selbst zu beschaftigen, so daft 
er kein Interesse fur anderes in sich wecken konnte. Wer dagegen 
viel kennengelernt hat, wer mit vielen Dingen zusammengekom- 
men ist und sie nicht bloft angeschaut hat, mit dem das vorige Leben 
hart umgegangen ist, der wird ein Choleriker. Wenn man ein ange- 
nehmes Leben ohne viele Kampfe und Muhsale hatte oder auch 
wenn man viel gesehen hat, an vielem vorbeigekommen ist, es aber 
nur angesehen hat, so wird man ein Phlegmatiker oder Sanguiniker. 
Alles, was im Astralleib in diesem Leben geschieht, geht karmisch 
im nachsten Leben im Grundwesen auf den nachstdichteren Leib, 
den Atherleib iiber. 

Daraus kann man ersehen, wie man arbeiten kann fur sein nach- 
stes Leben, und in den okkulten Schulen wird bewufit in dieser 
Richtung an dem Menschen gearbeitet. Zwar war das fruher noch 
mehr der Fall als heute. Das hangt mit den zyklischen Veranderun- 
gen der Entwickelung zusammen. Vor etwa funftausend Jahren hat- 
te der Geheimlehrer eine ganz andere Aufgabe. Damals hatte er fur 
die Menschen mehr als Gruppen zu sorgen; die Menschen waren 
noch nicht so weit, dafi jeder fur sich zu sorgen hatte. Man arbeitete 
bewufit daran, daft ganze Kategorien und Gruppen von Menschen 



im nachsten Leben harmonisch zusammenstimmten. Die Menschen 
werden aber immer individueller, immer selbstandiger, so dafi der 
Geheimlehrer heute nicht mehr einen Menschen als Mittel zum 
Zweck benutzen kann, sondern jeden einzelnen als Zweck behan- 
deln mufi, jeden einzelnen so weit bringen mufi, als es fur diesen 
moglich ist. In den altesten Kulturen, zum Beispiel in Indien, wurde 
die ganze Bevolkerung in vier Kasten geteilt und so an ihnen gear- 
beitet, dafi die Menschen im nachsten Leben in eine bestimmte 
Kaste hineinpaiken. Die Ausbildung der Menschen war systematisch 
darauf eingerichtet, fiir Jahrtausende hinaus zu sorgen, fiir Jahrtau- 
sende das Weltbild umzumodeln, und gerade das gab den okkulten 
Fiihrern die grofte Macht. 

Wie wirkt der Mensch nun auf seinen Atherleib ein im Hinblick 
auf das nachste Leben? Alles, was der Mensch an seinem Atherleib 
ausbildet, entwickelt sich, wenn auch sehr langsam, und die Erzie- 
hung kann dafiir sorgen, ganz bestimmte Gewohnheiten heranzu- 
ziehen. Das, was im Atherleib im einen Leben vorgeht, kommt im 
nachsten Leben im physischen Leibe zum Dasein. Alle Neigungen 
und Gewohnheiten des jetzigen Atherleibes geben im nachsten Le- 
ben die Disposition zu Gesundheit oder Krankheit. Gute Neigun- 
gen, gute Gewohnheiten geben die Disposition zur Gesundheit; 
\ible Neigungen, iible Gewohnheiten erscheinen im nachsten Leben 
als Disposition zu bestimmten Krankheiten. Der Vorsatz, der feste 
Wille, sich eine schlechte Gewohnheit abzugewohnen, wirkt schon 
in den tiefergelegenen Leib hinunter und gibt so die Disposition zur 
Gesundheit. Besonders gut ist beobachtet worden, wie die Disposi- 
tion zu Infektionskrankheiten im physischen Leibe auftritt. Nicht, 
ob man eine Krankheit bekommt - das hangt ja von den Taten ab -, 
sondern ob man dazu disponiert ist, ob man ihr mehr oder weniger 
ausgesetzt ist, hangt von den Neigungen des vorhergehenden Lebens 
ab. Infektionskrankheiten fiihren merkwiirdigerweise zuriick auf 
einen besonders ausgebildeten egoistischen Erwerbssinn im vorigen 
Leben. 

Wenn man sich informieren will liber Gesundheit und Krank- 
heit, so muE man bedenken, wie viele Dinge da zusammenwirken. 



Krankheiten brauchen nicht blofi ein Einzelkarma zu sein, es gibt 
auch ein Volkskarma in bezug auf Krankheiten. 

Ein interessanter Fall, wie eigentiimlich die Dinge im geistigen 
Leben zusammenhangen, ist die Einwanderung der Hunnen und der 
Mongolenstamme, die sich von Asien her nach dem Westen ergos- 
sen. Diese Volkerschaften, die Mongolen, waren Nachziigler der At- 
lantier. Wahrend die Inder und Germanen und andere sich weiter 
auf warts entwickelten, waren die Mongolen die auf einer gewissen 
Stufe stehengebliebenen Briider. Geradeso wie sich auf der Ent- 
wickelungsbahn des Menschen die Tiere abgegliedert haben, so glie- 
dern sich auch niedrigere Volker und Rassen ab. Diese Volkerschaf- 
ten, die Mongolen, waren zuriickgebliebene Atlantier, die sich phy- 
sisch hinunterentwickelten. Im Astralleib solcher zuriickgebliebe- 
ner Menschen sieht man reichliche astralische Verwesungsstoffe. 
Die Mongolen stiefien auf die Germanen und auf die andern mittel- 
europaischen Volker, die von Furcht und Schrecken ergriffen wur- 
den. Furcht und Schrecken sind aber Eigenschaften des Astralleibes; 
in ihnen gedeihen vorziiglich solche astrale Verwesungsstoffe. So 
wurden die europaischen Astralleiber infiziert, und diese Infektion 
kam dann in den spateren Generationen im physischen Leibe her- 
aus, aber nicht fur das Individuum, sondern fur ganze Volkerschaf- 
ten. Das war der Aussatz, die Miselsucht, die schreckliche Krank- 
heit, die im Mittelalter solche Verheerungen anrichtete. Diese 
Krankheit war die physische Folge des Einflusses auf den Astralleib. 

Die philologische Forschung konnen Sie hier nicht zu Rate Zie- 
hen, weil sie von diesen astralischen Einfliissen nichts weift. Aber 
schon in den Namen konnen Sie Hinweise finden fur die Abstam- 
mung von der alten atlantischen Rasse: Attila, der Hunnenfuhrer, 
heilk in der nordischen Sprache Atli, das heifit einer, der von den 
Atlantiern abstammt. 

So haben Volkskrankheiten ihre Begriindungen. Im Altertum 
wufke man noch um solche Dinge, und die Bibel driickte sie durch 
eine Wahrheit aus, die eben oft mifiverstanden wird: «Der da heimsu- 
chet der Vater Missetat bis in das dritte und vierte Glied»; denn 
damit sind nicht die aufeinanderfolgenden individuellen Inkarnatio- 



nen gemeint, sondern die Generationen, diese Art von Volkskarma. 
Das ist wortlich zu nehmen, wie uberhaupt viele soldier Ausspriiche 
wortlicher zu nehmen sind, als man glaubt. 

Man muS erst die religiosen Urkunden zu lesen verstehen lernen. 
Da gibt es vier Stufen. Der naive Mensch in alten Zeiten trat ihnen 
so gegeniiber, dafi er sie wortlich nahm. Das war dann, als die Men- 
schen gescheit wurden, immer weniger und weniger der Fall. Die 
klug gewordenen Liberalen, die Freigeister, legten die Urkunden je- 
der nach seiner Art aus, und so kam es, daft vieles nicht ausgelegt, 
sondern untergelegt wurde. Dann gibt es noch eine Stufe, die Sym- 
boliker. Das sind diejenigen, die alles symbolisch auslegen, sowohl 
die alten Mythen und Sagen wie auch das Leben des Christus Jesus. 
Natiirlich hangt das alles von der Klugheit des einzelnen ab, denn 
man kann kluge und weniger kluge Bilder formen. Aber es gibt 
noch eine vierte Stufe, das ist der Geheimwissende, der nun wieder 
alles wortlich verstehen kann, weil er durch seine geistige Erkennt- 
nis die Zusammenhange durchschaut. 

Aus dem Gesagten ersehen Sie, wie im physischen Leben das her- 
auskommt, was im geistigen Leben, in Gefuhlen und Gewohnheiten 
friiher vorhanden war. Man kann daraus einen wichtigen prakti- 
schen Grundsatz ableiten: Sorgt man in giinstiger Weise fur die Ge- 
wohnheiten der Menschen, so verbessert man nicht nur in den nach- 
sten Generationen das sittliche, sondern auch das gesundheitliche 
Leben eines Volkes, und umgekehrt. Das ist dann Volkskarma. 

Heutzutage ist eine Krankheit viel verbreitet, die man vor hun- 
dert Jahren kaum gekannt hat; nicht als ob man sie nicht erkannt 
hatte, aber sie war wirklich nicht verbreitet: Das ist die Nervositat. 
Diese eigentiimliche Krankheitsform ist die Folge der materialisti- 
schen Weltanschauung des 18. Jahrhunderts. Ohne das Vorausgehen 
dieser materiellen Denkgewohnheiten ware sie nie zustande gekom- 
men. Der Geheimlehrer weift, da£, wenn der Materialismus noch 
Jahrzehnte fortdauern wurde, er eine verheerende Wirkung auf die 
Volksgesundheit haben wiirde. Wurde diesen materiellen Denkge- 
wohnheiten nicht gesteuert, so wurden spater die Menschen nicht 
nur gewohnlich nervos sein, sondern die Kinder wurden zitternd ge- 



boren werden und nicht nur die Umgebung empfinden, sondern an 
jeder Umgebung eine Schmerzempfindung haben. Vor allem wiir- 
den die Geisteskrankheiten sich ungeheuer rasch verbreiten: Irr- 
sinnsepidemien wiirden in den nachsten Jahrzehnten auftreten. Das 
war auch die Gefahr, welcher die Menschheit zusteuerte: epidemi- 
sche Geisteskrankheiten. Und dieses Weltbild der Zukunft war die 
wahre Ursache, weshalb sich die okkulten Fiihrer der Menschheit, 
die Meister der Weisheit, in die Notwendigkeit versetzt sahen, etwas 
von der spirituellen Weisheit in die allgemeine Menschheit einflie- 
fien zu lassen. Nur eine solche spirituelle Weltanschauung kann den 
kommenden Generationen wieder eine gute Gesundheitsanlage ge- 
ben. Sie sehen, die Theosophie ist eine tiefe, aus dem Bediirfnis der 
Menschheit heraus geschopfte Bewegung. 

Vor einem Jahrhundert noch war ein «nervoser» Mensch einer, 
der starke Nerven hatte, Nerven wie Stricke. Schon aus der Um- 
wandlung des Wortsinns kann man ersehen, wie da etwas ganz 
Neues in die Welt gekommen ist. 

Wie steht nun das Karmagesetz zur physischen Vererbung? Die 
physische Vererbung spielt eine grofie Rolle. Wir wissen, dafi sich 
im Sohn gewisse Eigenschaften des Vaters und der Voreltern wieder- 
finden; zum Beispiel gab es in der Familie Bach innerhalb zweihun- 
dertfiinfzig Jahren achtundzwanzig bedeutende Musiker. Bernoulli 
war ein bedeutender Mathematiker, und acht bedeutende Mathema- 
tiker folgten in seiner Familie. Das ist alles Vererbung - sagt man; 
aber das ist nur zum Teil wahr. Um zum Beispiel ein bedeutender 
Musiker zu werden, dazu gehort nicht blofi, dafi man in der Seele 
die musikalischen Anlagen ausgebildet hat, sondern man mufi auch 
physisch ein entsprechend gutes Ohr haben. Was nun rein physisch 
ist in der Musikerfamilie, die feinen Gehororgane, das vererbt sich 
von den Eltern auf das Kind. 

In einer Familie, in der viel Musik gepflegt wird, gibt es also gute, 
fur die Musik ausgebildete Ohren. Wenn sich nun eine Seele mit 
stark ausgebildeten Anlagen fur Musik verkorpert, da ist es ver- 
standlich, dafi sie nicht in eine Familie hineingeboren wird, wo gar 
keine Musik getrieben wird - da mtifite sie ja verkummern -, son- 



dern da hinein, wo geeignete physische Organe vorhanden sind. Es 
stimmt das ausgezeichnet mit dem Karmagesetz zusammen. 

Ebenso kann es mit dem moralischen Mut sein. Findet eine Anla- 
ge dazu nicht das geeignete Blut, so verkommt sie. Sie sehen, man 
mufi also vorsichtig sein in der Wahl seiner Eltern! Nicht das Kind 
sieht den Eltern ahnlich, sondern es wird da geboren, wo ihm die 
Eltern am meisten ahnlich sind. 

Nun wird gefragt: Wird dadurch nicht die Mutterliebe beein- 
trachtigt? - Das ist durchaus nicht der Fall. Gerade weil die tiefste 
Sympathie schon vor der Geburt besteht, geht dieses Kind zu der 
Mutter hin, so dafS die Liebe ihrem Ursprung nach eigentlich noch 
weiter zuriickverlegt wird; sie setzt sich nach der Geburt nur fort. 
Das Kind hat die Mutter schon geliebt vor der Geburt; kein Wun- 
der, daft nachher die Mutter diese Liebe erwidert. So wird die Mut- 
terliebe nicht etwa hinweggeleugnet, sondern erst ihren richtigen 
Ursachen nach erklart. 

Davon dann morgen mehr. 



ACHTER VORTRAG 



Stuttgart, 29. August 1906 

Wir fahren weiter fort in der Behandlung karmischer Einzelfragen 
gegeniiber dem menschlichen Leben. 

Eine weitere Frage ist: Welche Anschauung hat die Geheimlehre 
von der Entstehung des Gewissens? - Das Gewissen zeigt sich dem 
Menschen unserer Kulturstufe als eine Art innerer Stimme, die ihm 
anzeigt, was er tun oder lassen soli. Wie ist eine solche innere Stimme 
entstanden? 

Es ist von Interesse, zu erforschen, ob es denn iiberhaupt in der 
geschichtlichen Entwickelung der Menschheit immer so etwas gege- 
ben hat wie das, was man heute Gewissen nennt. Da finden wir, daft 
es in sehr friihen Volkszustanden kein Wort fur diesen Begriff gege- 
ben hat. In der griechischen Literatur taucht es erst verhaltnismaftig 
sehr spat auf, so daft die alteren Griechen das Wort noch nicht in 
ihrer Sprache hatten. Und ebenso haben andere Volker in den Anfan- 
gen ihrer Kultur kein Wort dafiir gehabt. Daraus konnen wir schlie- 
ften, daft in einem mehr oder weniger bewuftten Zustand dieses Ge- 
wissen erst nach und nach bekanntgeworden ist. So ist es auch. Das 
Gewissen ist erst entstanden, es hat sich herausgebildet und sogar 
erst ziemlich spat in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit. 
Wir werden spater sehen, was unsere Vorfahren anstelle des Gewis- 
sens hatten. 

Wie bildete sich nach und nach das Gewissen? Ein Beispiel: Dar- 
win traf einmal auf seinen Reisen mit einem Menschenfresser zu- 
sammen und versuchte unter anderm ihm klarzumachen, daft es 
doch nicht gut sei, einen andern Menschen aufzufressen. Der Wilde 
aber sagte: Um zu entscheiden, ob es gut oder schlecht sei, einen 
Menschen zu fressen, musse man ihn doch erst gefressen haben! - 
Der Wilde hatte Gut und Bose noch nicht nach moralischen Begrif- 
fen beurteilt, sondern nach der von ihm empfundenen Annehmlich- 
keit. Er war ein zuriickgebliebener Mensch aus einem alten, alten 
Kulturzustand, in dem wir alle einmal waren. Wie kam ein Mensch 



nun zu der Unterscheidung von Gut und Bose? Dadurch, zum Bei- 
spiel, daft er die Menschenfresserei so lange betrieb, bis er selbst ein- 
mal in die Lage kam, gefressen zu werden. In diesem Moment mach- 
te er die Erfahrung, daft ihn dasselbe treffen konnte. Er merkte also 
durch die Erfahrung, daft da etwas nicht ganz in Ordnung sei, und 
die Frucht dieser Erfahrung blieb ihm im Kamaloka und Devachan. 
Bei der nachsten Inkarnation brachte er ein ganz dunkles Gefiihl 
mit, daft sein Tun nicht stimme, nach weiteren Inkarnationen wur- 
de dies Gefiihl bestimmter, er achtete auf die Empfindungen ande- 
rer, und es bildete sich so nach und nach ein gewisses Zuriickhalten 
aus. Nach verschiedenen weiteren Inkarnationen hatte sich dies 
dunkle Gefiihl verdichtet und der Gedanke herausgebildet: Das darf 
man nicht tun. - Ebenso hat ein Wilder im Anfang der Kultur alles 
ohne Unterschied gegessen; da bekam er Magenschmerzen, und 
nach und nach machte er die Erfahrung, daft er manches essen konn- 
te und manches nicht. So verdichtete sich allmahlich die Erfahrung 
und wurde zur Stimme des Gewissens. 

Was ist also das Gewissen? Das Ergebnis von Erfahrungen durch 
die verschiedenen Inkarnationen. Im Grunde ist alles Wissen, das 
hochste wie das niedrigste, uberhaupt das Ergebnis von Erfah- 
rungen; es ist auf dem Wege des Probierens, der Erfahrung ent- 
standen. 

Eine interessante Tatsache gehort hierher: Erst seit Aristoteles 
gibt es eine Wissenschaft der Logik, der Lehre vom Denken. Daraus 
raufi man schliefien, dafi das richtige Denken auch erst entstanden 
ist. Und so ist es auch. Das Denken mulke sich erst entwickeln, und 
das richtige Denken, die Logik, ist erst im Laufe der Zeit aufgrund 
der Beobachtung entstanden, dafS falsches Denken zu Dingen fiihrt, 
die von Ubel sind. Das Wissen ist etwas, was sich die Menschen in 
vielen Inkarnationen erworben haben. Nach langem Probieren ge- 
langte die Menschheit zu einem Schatz des Wissens. Da sieht man 
die Wichtigkeit des Karmagesetzes; wir haben hier auch etwas, was 
sich als bleibende Angewohnung und Neigung aus der Erfahrung 
heraus bildet. Solch eine Neigung wie das Gewissen haftet auch am 
Atherleib: Indem der Astralleib sich soundso oft iiberzeugt hat, 



dafi dieses oder jenes nicht geht, bildet sich diese Neigung im Ather- 
leib als eine bleibende Eigenschaft aus. 

Ein anderer interessanter karmischer Zusammenhang zeigt sich 
bei einem gewohnheitsmafiig egoistischen Verhalten oder bei einem 
liebevollen sympathischen Mitleben mit anderen. Es gibt verhartete 
Gewohnheitsegoisten - nicht blofi in bezug auf den Erwerbssinn - 
und es gibt altruistisch liebevoll Mitfuhlende. Beides hangt am Ather- 
leib und kommt im nachsten Leben im physischen Leib zum Aus- 
druck. Personen, die in einem Leben gewohnheitsmafiig egoistisch 
handeln, altern friih im nachsten Leben, schrumpfen friih zusammen; 
das lange Jung- und Frischbleiben dagegen riihrt von einem liebevol- 
len, hingebungsvollen vorhergehenden Leben her. Somit kann man 
auch den physischen Leib bewufk vorbereiten fur das nachste Leben. 

Nun wird Ihnen eine Frage auf der Seele liegen, wenn Sie sich er- 
innern, was ich gestern gesagt habe: Wie ist es denn mit den Dingen, 
die der physische Korper sich selbst erringt? Seine Taten werden 
sein kiinftiges Schicksal; aber die Krankheiten, die er in diesem 
Leben durchgemacht hat, was wird daraus? 

Die Antwort auf diese Frage, so seltsam sie klingen mag, ist keine 
Spekulation, keine Theorie, sie basiert auf Erfahrungen der Geheim- 
wissenschaft und lehrt die Mission der Krankheit. Fabre d 'Olivet, 
der Erforscher der Anfangskapitel der Genesis, hat einmal ein sehr 
schones Bild gebraucht. Er vergleicht das, was als Schicksal sich her- 
ausbildet, mit einem Naturvorgang; er sagt: Die wertvolle Perle ent- 
steht durch eine Krankheit; sie ist ein Exsudat der Perlmuschel, so 
dafi das Leben in diesem Fall erkranken mufi, um etwas Wertvolles 
hervorzubringen. - So wie aus einer Erkrankung der Muschel die 
Perle sich bildet, so kommen die Krankheiten des physischen Kor- 
pers in einem Leben im nachsten Leben als asthetische Schdnheit 
wieder zum Vorschein. Entweder wird der eigene Korper durch die 
Krankheit, die er durchgemacht hat, im nachsten Leben schon an 
aufSerer Gestalt, oder es wird eine Infektionskrankheit, die er mit 
seiner Umgebung getragen hat, belohnt durch die Schonheit seiner 
Umgebung. Schonheit entwickelt sich also karmisch aus Leiden, 
Schmerzen, Entbehrungen und Krankheiten. Das ist ein frappieren- 



der Zusammenhang, aber er besteht tatsachlich. Sogar der Schon- 
heitssinn wird auf diese Weise herausgebildet. Kein Schones ist in 
der Welt ohne Leiden und Schmerzen und Krankheiten. Ganz Ahn- 
liches tritt uns in der Entwickelungsgeschichte der Menschheit im 
allgemeinen entgegen. Sie werden daraus ersehen, wie wunderbar 
eigentlich die karmischen Zusammenhange im Leben sind und wie 
die Fragen nach dem Bosen, nach Krankheit und Schmerz gar nicht 
zu beantworten sind, ohne die grofien inneren Zusammenhange der 
Menschheitsentwickelung zu kennen. 

Die Evolutionslinie geht zuriick in ganz alte, alte Zeiten. Da wa- 
ren noch ganz andere Verhaltnisse, die Erde war eine ganz andere. 
Die hoheren Tiere waren noch nicht vorhanden. Es gab eine Zeit, 
wo iiberhaupt noch keine Fische, Amphibien, V6gel, Saugetiere be- 
standen, nur Tiere, die niedriger sind als die Fische. Der Mensch war 
da, jedoch in ganz anderer Gestalt. Sein physischer Leib war noch 
sehr unvollkommen; hoher war der geistige Leib. Er war noch in ei- 
nem weichen, atherischen Leib, und die Seele arbeitete selbst von au- 
fien an diesem physischen Leib. Der Mensch hatte noch alle anderen 
Wesen in sich. Nachher entwickelte sich der Mensch hoher hinauf 
und lieft die Fischform zuriick, die er in sich hatte. Das waren mach- 
tige, phantastisch aussehende Geschopfe, unahnlich unseren heuti- 
gen Fischen. Wieder entwickelte sich der Mensch hoher hinauf und 
sonderte die Vogel aus sich heraus. Dann gingen die Reptilien und 
Amphibien aus dem Menschen heraus, groteske Wesen wie die Sau- 
rier, Fischeidechsen, die eigentlich nur Nachziigler der fruher zu- 
riickgebliebenen, noch menschenunahnlicheren Wesen waren. Dann 
noch spater setzte der Mensch die Saugetiere heraus. Zuletzt stiefi er 
die Affen ab und ging selbst hoher hinauf. 

Der Mensch war also von Anfang an Mensch, nicht Affe, und 
sonderte das ganze Tierreich aus sich heraus, um selbst vollkomme- 
ner zu werden; gleichsam wie wenn man aus einer mit Farbe ge- 
mischten Fliissigkeit die Farbstoffe nach und nach heraussondert 
und das klare Wasser zuriickbehalt. Alte Naturforscher, wie Paracel- 
sus und Oken, haben dies in schoner Weise ausgesprochen: Wenn 
der Mensch hinaussieht auf die Tierwelt, raufi er sich sagen: Das 



habe ich selbst in mir getragen und abgesondert aus meinem 
Wesen. 

So hatte der Mensch in sich, was er spater aufier sich hatte. Und 
so hat der Mensch auch heute noch etwas in sich, was er spater au- 
Eer sich haben wird, namlich sein Karma, die beiden Posten Gut 
und Bose. So wahr es ist, daft der Mensch das Tiergeschlecbt aus sich 
herausgesetzt hat, ebenso wahr ist es, daft er das Bose und das Gute 
in die Welt hinaussetzen wird. Das Gute wird eine von Natur gute 
Menschenrasse ergeben, das Bose eine abgesonderte bose Menschen- 
rasse. Das steht auch in der Apokalypse; das darf nur nicht miftver- 
standen werden. Nun mufi man aber auch unterscheiden zwischen 
Seelenentwickelung und Rassenentwickelung. Eine Seele kann in- 
karniert sein in einer Rasse, die herunterkommt; aber wenn diese 
Seele sich nicht selbst bose macht, braucht sie sich nicht wieder in 
einer zuriicksinkenden Rasse zu inkarnieren; sie verkorpert sich 
wieder in einer hohersteigenden Rasse. Fur die heruntersteigenden 
Rassen stromen von anderen Seiten Seelen genug zur Inkarnation 
herbei. 

Aber was innen ist, mufi nach auften, und der Mensch wird im- 
mer hoher steigen, wenn sein Karma sich ausgewirkt hat. Damit 
hangt etwas aufterordentlich Interessantes zusammen. Im Hinblick 
auf diese Entwickelung der Menschheit sind namlich schon vor 
Jahrhunderten Geheimorden gegriindet worden, die sich die denk- 
bar hochsten Aufgaben gestellt haben. Ein solcher Orden ist der Ma- 
nichaerorden. Die Wissenschaft weift nichts Rechtes iiber ihn. Man 
meint, die Manichaer flatten die Lehre aufgestellt, daft es von Natur 
aus ein Gutes und ein Boses gabe, die miteinander im Kampfe liegen; 
das sei so von der Schopfung her bestimmt gewesen. Das ist ein zum 
Unsinn verzerrter Schimmer der wirklichen Aufgabe dieses Ordens. 
Die einzelnen Glieder dieses Ordens werden in ganz besonderer 
Weise fur ihre grofte Aufgabe erzogen. Dieser Orden weift, daft es 
Menschen geben wird, die im Karma kein Boses mehr haben wer- 
den, und daft es auch eine von Natur aus bose Rasse geben wird, bei 
der alles Bose noch in hoherem Grade vorhanden sein wird als bei 
den wildesten Tieren, denn sie werden Boses tun bewuftt, raffiniert, 



mit einem hochausgebildeten Verstande. Der Manichaerorden be- 
lehrt nun jetzt schon seine Mitglieder in solcher Weise, dafi sie das 
Bose nicht nur bekampfen, sondern fahig werden, es zum Guten 
umzuwandeln in spateren Inkarnationen. Das ungeheuer Schwierige 
dieser Aufgabe liegt darin, dafi in jenen bosen Menschenrassen nicht 
etwa wie bei einem bosen Kinde neben dem Bosen noch Gutes ist, 
das sich durch Beispiel und Lehre hoher entwickeln lafit. Jene von 
Natur aus ganz Bosen radikal umzugestalten, das lernt das Mitglied 
des Manichaerordens heute schon. Und dieses dann umgeschmolze- 
ne Bose wird nach gelungener Arbeit ein ganz besonders Gutes. Ein 
Zustand der Heiligkeit wird der allgemeine sittliche Zustand auf Er- 
den sein, und die Kraft der Umwandlung wird den Zustand der Hei- 
ligkeit bewirken. Aber das kann nicht anders erzielt werden, als 
wenn erst dieses Bose sich bildet; und in der Kraft nun, die ange- 
wandt werden mufi, um dieses Bose zu uberwinden, entwickelt sich 
die Kraft zur hochsten Heiligkeit. Der Acker mufi gediingt werden 
mit dem ekelerregenden Diinger, der Diinger mu£ zuerst gleichsam 
in den Acker hineinwachsen als Ferment. So braucht die Mensch- 
heit den Diinger des Bosen, um den Zustand der hochsten Heiligkeit 
zu erreichen. Das ist die Mission des Bosen. Stark wird der Mensch, 
wenn er seine Muskeln anstrengen mufi; ebenso mufi das Gute, 
wenn es sich zur Heiligkeit steigern soli, erst das ihm entgegenge- 
setzte Bose uberwinden. Das Bose hat die Aufgabe, die Menschheit 
hoher zu bringen. 

Solche Dinge lassen uns hineinschauen in das Geheimnis des 
Lebens. Spater dann, wenn der Mensch das Bose uberwunden hat, 
kann er darangehen, die heruntergestofienen Geschopfe, auf deren 
Kosten er sich entwickelt hat, zu erlosen. Das ist der Sinn der 
Entwickelung. 

Etwas noch Schwierigeres ist das Folgende. Ein Schneckenhaus, 
eine Muschelschale sind abgesondert aus der lebendigen Substanz 
des Tieres selbst. Was als Haus die Schnecke umgibt, war urspriing- 
lich in ihr; es ist ihr eigener Leib in verdichteter Form. Die Theoso- 
phie sagt: Wir sind eine Einheit mit allem, was uns umgibt. - Das ist 
so zu verstehen, daf5 der Mensch einst alles in sich gehabt hat. In der 



Tat ist die Erdkruste entstanden dadurch, daft der Mensch sie einst 
auskristallisiert hat; und wie die Schnecke ihr Haus, so hat der Mensch 
auch alle anderen Wesen und Reiche, Mineral-, Pflanzen- und Tier- 
reich, in sich gehabt und kann zu alien sagen: Die Substanzen waren 
in mir, ich habe die Bestandteile herauskristallisiert. - So blickt er 
nun auf etwas aufier sich selbst, und jetzt bekommt es einen greifbaren 
Sinn, wenn er, indem er sie schaut, sagt: Das alles bin ich selbst. 

Noch sub tiler ist eine zweite Idee. Stellen Sie sich jenen alten 
Menschheitszustand vor, in dem noch nichts aus dem Menschen 
herausgesondert war. Der Mensch war da und hatte auch Vorstel- 
lungen; aber er hatte sie nicht objektiv dadurch, dafi die aufieren 
Dinge einen Eindruck machten, sondern rein subjektiv. Alles kam 
aus ihm selbst heraus. Der Traum ist noch ein Erbstiick aus jener 
Zeit, wo der Mensch die ganze Welt gleichsam aus sich herausge- 
sponnen hat. Dann setzte er die Welt sich selbst entgegen. Wir ha- 
ben die Dinge selbst gemacht und schauen unsere eigenen Produkte, 
unser eigenes, festgewordenes Wesen in den anderen Geschopfen. 

Kant spricht von etwas, was der Mensch nicht erkennen konne, 
von einem «Ding an sich». Aber so etwas gibt es nicht. Es gibt keine 
Grenzen des Erkennens, denn der Mensch findet in allem, was er 
um sich herum sieht, die zuriickgelassenen Spuren seiner eigenen 
Wesenheit. 

Alles das wurde gesagt, um Ihnen zu zeigen, dafi man, wenn man 
nur eine Seite der Dinge betrachtet, niemals zu einem wirklichen 
Verstandnis kommen kann. Man mufi sich klar dariiber sein, dafi 
alles, was uns in einem gewissen Zustande erscheint, in fruheren 
Zeiten ganz anders war, und nur, wenn man die Gegenwart und 
die Vergangenheit miteinander vergleicht, kommt man da zu einem 
Verstandnis. Und so auch, wenn man nur die sinnliche Welt be- 
trachtet: Niemals wird man verstehen, warum es iiberhaupt Krank- 
heit gibt oder was die Mission des Bosen ist, wenn man sich auf die 
sinnliche Betrachtung beschrankt. Alle solchen Zusammenhange ha- 
ben einen tiefen Sinn. Diese ganze Entwickelung durch Abspaltung, 
die ich Ihnen geschildert habe, hat sich vollzogen, weil der Mensch 
ein innerliches Wesen werden sollte; er mufke das alles aus sich her- 



aussetzen, um sich selbst schauen zu konnen. So verstehen wir die 
Mission der Krankheit, die Mission des Bosen und die Mission der 
Auftenwelt. Das sind grofte Zusammenhange, wie sie die Betrach- 
tung des Karmagesetzes ergibt. 

Wir wollen nun noch einige karmische Einzelfragen behandeln, 
die haufig gestellt werden. Welches ist der karmische Zusammenhang, 
daft viele Menschen schon so jung sterben, zum Beispiel schon als 
Kinder? Falle, die der Geheimwissenschaft bekannt sind, lehren das 
Folgende. Man konnte zum Beispiel ein Kind, das friih gestorben 
ist, in Beziehung auf sein voriges Leben untersuchen, und da zeigte 
sich, daft es in seinem fruheren Leben recht gut veranlagt war und 
diese Anlagen auch gut benutzt hatte. Es war ein recht fahiges Mit- 
glied der menschlichen Gesellschaft geworden, aber es war etwas 
schwachsichtig. Durch diese schwachen Augen und das weniger ge- 
naue Ansehen-Konnen bekamen alle seine Erfahrungen einen beson- 
deren Anstrich. Es fehlte dadurch uberall an einer Kleinigkeit, um 
die es hatte besser sein konnen; der Mensch blieb immer etwas zuriick 
wegen der schwachen Augen. Er hatte ganz Aufterordentliches leisten 
konnen, wenn er gute Sehorgane gehabt hatte. Er starb und wurde 
dann ganz kurze Zeit danach wieder inkarniert mit gesunden Augen, 
lebte aber nur wenige Wochen. Dadurch aber hatten die Wesens- 
glieder erfahren, wie man gesunde Augen bekommt, und der Mensch 
hatte ein Stiickchen Leben bekommen, um zu erwerben, was ihm 
noch gefehlt hatte, gleichsam eine Korrektur des vorhergehenden 
Lebens. Der Schmerz der Eltern wird naturlich karmisch ausge- 
glichen, aber sie muftten das Werkzeug fur diese Korrektur sein. 

Was ist der karmische Zusammenhang bei totgeborenen Kin- 
dern? Dariiber laftt sich schwer sprechen. In einzelnen Fallen, die 
okkult untersucht wurden, hatte sich der Astralleib schon mit dem 
physischen Leib verbunden, zog sich dann aber wieder zuriick, so 
daft der physische Leib tot zur Welt kam. Warum aber zieht sich der 
Astralleib zuriick? Das hangt so zusammen: Gewisse Glieder der 
hoheren Menschennatur hangen mit gewissen physischen Organen 
zusammen. Kein Wesen zum Beispiel kann ohne Zellen einen 
Atherleib haben. Der Stein hat keinen Atherleib, weil er keine Gefa- 



fie oder Zellen hat wie die Pflanze. Ebenso ist der Astralleib an ein 
Nervensystem gebunden. Die Pflanze hat keinen Astralleib, eben 
weil sie kein Nervensystem hat. Sobald eine Pflanze von einem 
Astralleib durchzogen wiirde, konnte sie nicht mehr physisch wie 
eine Pflanze aussehen, sie miifite mit einem Nervensystem versehen 
sein, wie der Stein mit Zellen begabt wiirde, wenn er von einem 
Atherleib durchzogen wiirde. 

Soli nun der Ich-Leib nach und nach Platz greifen, dann mul5 in- 
nerhalb des physischen Korpers warmes rotes Blut vorhanden sein. 
Alle Tiere, die rotes Blut haben, sind in einer Zeit aus dem Men- 
schen herausgesondert worden, in der sich fur den Menschen der 
Ich-Zustand vorbereitet hat. Daraus erkennen wir, dafi die physi- 
schen Organe in Ordnung sein miissen, wenn die hoheren Leiber 
Wohnsitz in ihnen nehmen sollen. Wichtig ist nun, zu beriicksichti- 
gen, dafi der physische Korper ausgestaltet wird in seiner Form 
durch rein physische Vererbung. Nun kann die Zusammensetzung 
der Safte eine unrichtige sein, wahrend die Eltern sonst geistig und 
seelisch gut zueinander passen. Dann kommt kein ordentlicher phy- 
sischer Leib zustande; da bekommt der Menschenkeim einen physi- 
schen Leib, in dem die hoheren Leiber ihren Wohnsitz nicht errich- 
ten konnen. Zum Beispiel der Atherleib verbindet sich mit dem 
physischen Leib, nun soli sich der Astralleib des physischen Leibes 
bemachtigen. Da findet er kein geeignetes Werkzeug, kein ordentli- 
cher Organismus steht ihm zur Verfiigung, und der Astralleib mufi 
sich wieder zuriickziehen. So bleibt der physische Leib zuriick, der 
dann tot geboren wird. Mithin wird eine Totgeburt bewirkt durch 
eine physisch schlechte Saftemischung, die kein geeignetes Werk- 
zeug fur den geistig-seelischen Menschenkeim geliefert hat. Der phy- 
sische Leib gedeiht nur soweit, als hohere Wesensglieder in ihm 
wohnen konnen. Sie sehen, wie man ins einzelne gehen mufi beim 
Studium karmischer Zusammenhange. 

Wie kommen nun karmische Ausgleiche zustande? Wenn jemand 
einer anderen Person etwas zugefiigt hat, so raufi das zwischen ihnen 
karmisch wieder ausgeglichen werden. Dazu aber miissen die betref- 
fenden Personen gleichzeitig verkorpert sein. Wie geschieht das? Was 



bringt die Menschen zusammen, welche Krafte bewirken das? Die 
Technik des Karma ist folgende: Das Bose, das ich einem Menschen 
angetan habe, ist geschehen, dadurch hat er gelitten. Nun sterbe ich, 
gehe ins Kamaloka. Zunachst unmittelbar nach dem Tode mu$ ich 
es im Erinnerungstableau sehen; das schmerzt nicht. Dann lebe ich 
mein Leben zuriick. Komme ich in der Kamalokazeit wieder an den 
Punkt, da mufi ich in den ausgehaltenen Schmerz des anderen Men- 
schen nun selbst erleiden. Da kommt also der Gefuhlsinhalt hinzu; 
der pragt sich wie ein Stempel in den Astralleib ein. Ich nehme etwas 
von diesem Schmerz als Ausbeute ins Devachan mit, es bleibt davon 
eine Kraft in mir als Ergebnis dessen, was ich an dem anderen Men- 
schen erlebt habe. Ich mull in des anderen Menschen Schmerz oder 
auch Freude hineinschlupfen, die er durchleben mufite; das zieht 
gewisse Krafte in den Astralleib, so daft ich eine grofie Menge von 
Kraften mitnehme ins Devachan. 

Komme ich nun zuriick zu einer neuen Verkorperung, so ziehen 
mich diese Krafte wieder zu dem betreffenden Menschen hin, zum 
Ausgleich des Karmas. So werden alle Menschen zusammengefuhrt, 
die einmal etwas miteinander erlebt haben; sie haben wahrend der 
Kamalokazeit sich diese Krafte einverleibt. 

Selbstverstandlich konnen in einem physisch verkorperten Men- 
schen auch Kamaloka-Erlebnisse mit mehreren Menschen sein, um 
ihr Karma auszugleichen. Ein Beispiel soil uns auch das klarmachen. 
Ein in der Geheimwissenschaft bekannter Fall sagt folgendes: Ein 
Mensch wurde von funf Richtern zum Tode verurteilt. Was war da 
geschehen? Dieser eine hatte im vorigen Leben eben diese funf geto- 
tet, und die karmischen Krafte hatten diese sechs Menschen zusam- 
mengefuhrt zum karmischen Ausgleich. Daraus entsteht nun aber 
nicht etwa eine nie endende karmische Kette, sondern andere 
karmische Beziehungen andern den wekeren Verlauf. 

Sie sehen, geheimnisvoll arbeiten die geistigen Krafte, um das 
komplizierte Menschengebilde zustande zu bringen. Manche wichti- 
ge, grofie Gesichtspunkte werden uns noch klar werden, wenn wir 
in den nachsten Tagen die ganze Entwickelung der Erde und des 
Menschen betrachten werden. 



NEUNTER VORTRAG 



Stuttgart, 30. August 1906 



Wenn wir uns fragen: Wie hat der Mensch sich seit den uraltesten 
Zeiten bis heute gebildet, wie ist seit Urzeiten der Mensch entstan- 
den? - dann werden wir uns vor allem an das erinnern miissen, was 
wir iiber die Wesenheit des Menschen ausgefiihrt haben. Der 
Mensch hat sieben Glieder: das erste, der physische Leib, ist sozusa- 
gen das untergeordnetste Glied, hoher und feiner ist dann schon der 
Atherleib, noch hoher und feiner ist der Astralleib, von dem Ich- 
Leib sind erst die Anlagen vorhanden. Es ware aber falsch, daraus 
den Schlufi zu ziehen, dafi man den hochsten Leib, den der Mensch 
heute hat, auch den vollkommensten nennen konnte und dafi der 
physische Leib der unvollkommenste ware. Es ist gerade das Gegen- 
teil der Fall, der physische Leib ist das vollkommenste Glied der 
menschlichen Wesenheit. Spater einmal werden freilich die hoheren 
Glieder in viel hoherem Mafie vollkommen sein, aber heute ist in 
seiner Art der physische Leib der am hochsten entwickelte. Er ist 
mit unbeschreiblicher Weisheit aufgebaut. Ich habe Ihnen einmal als 
Beispiel den Bau des Oberschenkelknochens beschrieben. Jeder ein- 
zelne Knochen ist mit seinem kunstvoll gefugten Gebalk in seiner 
weisen Anordnung so, wie kein Ingenieur heute das Problem losen 
konnte, mit der kleinsten Masse die grofite Leistung zu erzielen. 
Und je tiefer man eindringt in den Wunderbau der menschlichen 
Gestalt, desto bewunderungswiirdiger erscheint uns der Aufbau, 
zum Beispiel der Wunderbau des Gehirns, des Herzens. Das Herz 
macht keinen Fehler, aber der menschliche Astralleib begeht viele 
Fehler. Die Triebe und Leidenschaften des Astralleibes sturmen auf 
den physischen Leib ein und uberwaltigen ihn. Wenn der Mensch 
unrichtige Nahrung zu sich nimmt, folgt er wiederum dem Astral- 
leib. Das physische Herz halt den Blutlauf in Ordnung, aber der 
Astralleib macht unaufhorlich Attacken auf das Herz, weil seine 
Triebe begehren, was dem Herzen schadet. Kaffee, Tee, Alkohol 
sind Giftstoffe fur das Herz, sie werden ihm oft taglich zugefuhrt, 



und das Herz halt dennoch stand. Es ist so dauerhaft konstruiert, 
daft es siebzig, achtzig Jahre alien Stiirmen des Astralleibes trotzt. 
In der Stufenlage der Leiber ist also der physische Leib der voll- 
kommenste bis in alle Einzelheiten hinein. 

Weniger vollkommen ist der Atherleib, noch weiter zuriick in 
seiner Entwickelung ist der Astralleib, und am wenigsten entwickelt 
ist der Ich-Leib. Woher kommt das? Das kommt daher, daft der 
physische Leib die langste Entwickelung durchgemacht hat. Er ist 
das alteste Glied der menschlichen Wesenheit. Weniger alt ist der 
Atherleib, noch jiinger ist der Astralleib, und am jungsten ist der 
Ich-Leib. 

Um diese Entwickelung der Leiber zu verstehen, mufi man wis- 
sen, dafi nicht nur der Mensch wiederholte Verkorperungen durch- 
macht, sondern dafi das Gesetz der Reinkarnation ein allgemeines 
Weltgesetz ist. Nicht nur der Mensch macht also fortwahrend Ver- 
korperungen durch, sondern alle Wesen und alle Planeten sind die- 
sem Gesetze unterworfen. Unsere ganze Erde mit allem, was darauf 
ist, hat friihere Inkarnationen durchgemacht, von denen uns zu- 
nachst drei besonders beschaftigen sollen. 

Bevor die Erde zu diesem Planeten geworden ist, war sie ein an- 
derer. Vor uralten Zeiten war unsere Erde ein Planet, den die Ge- 
heimwissenschaft Saturn nennt. Vier sich folgende Verkorperungen 
sind: Saturn, Sonne, Mond, Erde. Wie zwischen zwei menschlichen 
Verkorperungen eine Kamaloka- und Devachanzeit liegt, so liegt 
zwischen je zwei planetarischen Verkorperungen der Erde eine Zeit, 
in der dieselbe nicht sichtbar ist und kein aufieres Leben fuhrt. Diese 
Zeit zwischen den Verkorperungen unseres Planeten nannte man das 
Pralaya, und die Zeit, in der er verkorpert ist, Manvantara. Mit den 
Namen Saturn, Sonne, Mond sind aber nicht die Himmelskorper 
gemeint, die heute so genannt werden. Das, was hier Sonne genannt 
wird, ist nicht unsere heutige Sonne. Unsere heutige Sonne ist ein 
Fixstern, und im Laufe ihrer Verkorperungen hat sie sich aus der 
Substanz und Wesenheit eines Planeten zu dem Range eines Fix- 
sterns heraufgearbeitet; die alte Sonne war ein Planet. Ebenso ist das, 
was der alte Mond genannt wird, nicht der heutige Mond; es war 



die dritte Verkorperungsstufe der Erde, und so ist es auch mit 
dem Saturn, er war die erste Entwickelungsstufe der Erde. 

Auf dem Planeten Saturn war der Mensch schon vorhanden. Der 
Saturn leuchtete nicht, aber mit devachanischem Horen hatte man 
ihn horen konnen; er tonte. Nachdem er eine Zeitlang dagewesen 
war, verschwand er nach und nach, wurde eine lange Zeit unsicht- 
bar und leuchtete dann wieder hervor als Sonne. Diese machte dann 
denselben Prozefi durch und kam als Mond wieder hervor. Zuletzt 
kam in gleicher Weise die Erde. 

Man darf sich aber diese vier Planeten, Saturn, Sonne, Mond, Er- 
de, nicht als vier voneinander getrennte Planeten vorstellen; das wa- 
re ganz falsch. Es sind vier Erscheinungszustande eines und dessel- 
ben Planeten. Es sind richtige Metamorphosen des einen Planeten, 
und alle Wesen auf demselben metamorphosieren sich mit ihm. Der 
Mensch war nie auf einem anderen Planeten, aber die Erde war in 
verschiedenen Zustanden da. 

Als unsere Erde Saturn war, gab es nur die allerersten Keime zu 
unserem Menschenreich. Was heute als menschlicher Leib so kunst- 
voll aufgebaut ist, war auf dem Saturn nur Anlage, nichts weiter als 
allererste Anlage. Es gab kein Mineral, keine Pflanzen, kein Tier. 
Der Mensch ist der Erstling unserer Schopfung. Aber der Saturn- 
mensch war wesentlich anders als der heutige Mensch. Er war zum 
grofien Teil ein geistiges Wesen. Man hatte ihn noch nicht mit phy- 
sischen Augen sehen konnen. Es gab auch noch keine physischen 
Augen. Nur ein Wesen mit devachanischem Schauen hatte diesen 
Menschen wahrnehmen konnen. Dieses menschliche Gebilde war 
wie eine Art aurisches Ei und darin ein merkwtirdiges schaliges Ge- 
bilde in Form einer kleinen Birne, wie zusammengefiigte Austern- 
schalen, eine Art von Wirbeln. Der Saturn war ganz durchsetzt 
von solchen Anfangen physischer Gebilde; es waren gleichsam Aus- 
schwitzungen, die sich aus dem Geistigen verdichteten. Aus diesen 
Gebilden, die man nur als ganz leise Andeutungen des Spateren hat- 
te ansehen konnen, hat sich im Laufe der Entwickelung der physi- 
sche Leib des Menschen gebildet. Es war eine Art Urmineral, um 
das sich noch nicht ein Atherleib gebildet hatte. Darum kann man 



sagen: Der Mensch ging durch das Mineralreich hindurch. Doch 
war das nicht unser heutiges Mineralreich, so zu denken ware ganz 
unrichtig. AufSer diesem Menschenreich gab es iiberhaupt kein an- 
deres Reich auf dem Saturn. 

Wie nun der Mensch gewisse Lebensstadien durchmacht, als 
Kind, Jiingling, Jungfrau, Mann, Frau, Greis, Greisin, so macht 
auch ein Planet Lebensstadien durch. Ehe der Saturn die in ihm ab- 
gelagerten Flocken zeigte, war er ein Arupa-Devachangebilde, dann 
ein Rupa-Devachangebilde, nachher ein Astralgebilde. Hierauf ver- 
schwinden nach und nach die Flocken, und der Saturn geht diese 
Stufen wieder zuriick ins Dunkel des Pralaya. Solch eine Metamor- 
phose vom Geistigen ins Physische und wieder zuriick nennt man in 
der theosophischen Literatur eine «Runde» oder einen «Lebenszu- 
stand». Jede Runde zerfallt wieder in sieben Unterabteilungen: Aru- 
pa, Rupa, Astral, Physisch, dann wieder Astral, Rupa, Arupa; diese 
hat man mit Unrecht «Globen» genannt: Es sind Formzustande. Man 
hat es aber nicht mit sieben aufeinanderfolgenden Kugeln zu tun, es 
ist immer derselbe Planet, der sich verwandelt, und die Wesen machen 
die Verwandlungen mit durch. Der Saturn hat sieben solcher Runden 
oder Lebenszustande durchgemacht. In jeder Runde wird das Gebilde 
vervollkommnet, so dafi es erst in der siebenten Runde in seiner Art 
vollkommen ist. In jeder Runde werden sieben Verwandlungen bezie- 
hungsweise Formzustande durchgemacht, mithin hatte der Saturn 
sieben mal sieben, also neunundvierzig Metamorphosen. Das hat der 
Saturn durchgemacht, ebenso die Sonne, der Mond, und die Erde 
macht dasselbe durch, und dann folgen in der Zukunft noch drei 
andere Planeten: Jupiter, Venus und Vulkan. 

Es sind also sieben Planeten mit je sieben mal sieben Zustanden, 
also geheimwissenschaftlich geschrieben 777. In der Geheimschrift 
bedeutet die Sieben an der Einerstelle die Globen, an der Zehnerstel- 
le die Runden, an der Hunderterstelle die Planeten. Diese Zahlen 
mussen miteinander multipliziert werden. Mithin hat unser Plane- 
tensystem 7 mal 7 mal 7 oder 343 Verwandlungen durchzumachen. 

In der «Geheimlehre» von H. P. B. finden wir eine merkwiirdige 
Stelle. Die «Geheimlehre» ist zu einem grofien Teil des Inhalts von 



einer der hochsten geistigen Individualitaten inspiriert worden. 
Aber die grofien Eingeweihten haben sich immer sehr vorsichtig 
ausgedriickt, sie haben nur angedeutet. Vor alien Dingen lassen sie 
die Menschen selbst immer etwas arbeiten. So ist diese Stelle voller 
Ratsel; H. P. B. wufite das. Der Lehrer sagte nichts von aufeinander- 
folgenden Inkarnationen, er sagte nur: Lernt das Ratsel von 777 In- 
karnationen zu losen. - Er wollte, dafi man lernen sollte, dafi dies 
343 sind. In der «Geheimlehre» steht zwar die Aufgabe, aber nicht 
die Losung; die ist erst in jiingster Zeit gefunden worden. 

Der erste Keimzustand des Menschen war also auf dem in urfer- 
ner Zeit sich entwickelnden Saturn. Dieser verschwand dann ins 
Pralaya und trat aus demselben wieder hervor als Sonne, und mit ihr 
trat aus dem Dunkel des Pralaya auch der Mensch wieder hervor, 
der alte Bewohner des Weltalls. Aber mittlerweile hatte der Mensch 
die Kraft bekommen, etwas aus sich herauszusondern, wie die 
Schnecke ihr Haus. Er konnte schalenformige Gebilde herausson- 
dern als schwebende Gestalten und behielt die feineren Stoffe in sich 
zuriick, um sich hoher zu entwickeln. So bildete der Mensch das Mi- 
neralreich aus sich heraus; aber diese Mineralien waren eine Art le- 
bender Mineralien. Der Mensch entwickelte sich nun auf der Sonne 
so, dafi der Atherleib hinzutrat, wie bei den heutigen Pflanzen. Er 
machte also auf der Sonne das Pflanzenreich durch, und wir haben 
nun auf der Sonne zwei Reiche, das Mineralreich und das Pflanzen- 
reich; das letztere war der Mensch. Aber diese Pflanzenformen 
waren ganz verschieden von unseren heutigen. 

Wer in die tieferen Beziehungen eindringt, betrachtet die Pflanze 
als einen umgekehrten Menschen. Sie hat unten die Wurzel, dann 
nach oben den Stengel, Blatter, Blute, Staubgefafie und Stempel; die 
Stempel enthalten die weiblichen, die Staubgefafie die mannlichen 
Befruchtungsorgane. In naiver Unschuld streckt die Pflanze die Be- 
fruchtungsorgane der Sonne entgegen, denn die Sonne ist die Anre- 
gung der Befruchtungskraft. Die Wurzel ist in Wahrheit das Haupt 
der Pflanze, welche die Befruchtungsorgane in den Weltenraum hin- 
ausstreckt und deren Kopf von dem Innern des Erdzentrums ange- 
zogen wird. Der Mensch ist umgekehrt, er hat das Haupt oben und 



die Organe, die die Pflanze zur Sonne hinaufstreckt, unten. Das Tier 
stent in der Mitte, es hat den Leib horizontal. Wird die Pflanze halb 
gedreht, so ergibt sich die Stellung des Tieres, wird sie ganz um- 
gedreht, die des Menschen. 

Das hat die alte Geheimwissenschaft in einem uralten Symbol 
ausgedriickt, im Kreuz, und hat gesagt, wie Plato es nach den alten 
Mysterien ausdriickt: Die Weltenseele ist ans Kreuz des Weltenlei- 
bes geschlagen. - Das heilk, die Weltenseele ist in allem enthalten, 
aber sie mu!5 sich hinaufarbeiten durch diese drei Stufen hindurch; 
sie macht ihre Reise am Kreuz des Weltenleibes durch. 

Auf der Sonne war der Mensch als Pflanzenwesen, also genau 
umgekehrt wie der heutige Mensch. Er lebte ja in der Sonne, er ge- 
horte zum Leib der Sonne. Die Sonne war ein Lichtkorper, sie be- 
stand aus Lichtather; der Mensch war noch Pflanze und mit seinem 
Kopfe zum Mittelpunkt der Sonne gerichtet. Als dann spater die 
Sonne heraustrat, mufite die Menschenpflanze sich umdrehen, sie 
blieb der Sonne treu. 

In der ersten Runde ist die Sonne nur eine Wiederholung der Sa- 
turnzeit; erst bei der zweiten Runde beginnt die weitere Entwicke- 
lung des Menschen. Als die Sonne sich dann in den sieben Runden 
so weit entwickelt hatte, wie sie konnte, verschwand sie im Dunkel 
des Pralaya und kam erst wieder hervor als Mond. 

Die erste Mondenrunde war wiederum nur eine Wiederholung 
des Saturndaseins in etwas anderer Gestalt. Die zweite Mondenrun- 
de brachte auch noch nichts Neues, sie war eine Wiederholung des 
Lebens auf der Sonne. In der dritten Mondenrunde erst kam etwas 
Neues hinzu: Der Mensch bekam den Astralleib zu seinen zwei frii- 
heren Leibern. Da ist er in seiner aufieren Gestalt dem Tier von heu- 
te zu vergleichen: Er hat drei Leiber. Damals ist er angekommen auf 
der Stufe des Tierreiches. Der Mensch erhob sich zum Pflanzenreich 
durch AbstoEung des Mineralreiches, er erhebt sich nun zum Tier- 
reich durch Abstofiung des Pflanzenreichs. So stehen nun zwei 
Reiche neben ihm. Dann stofk er wieder einen kleineren Teil von 
sich ab, sondert ihn von sich aus und geht hoher hinauf. 

In dieser dritten Mondenrunde geht nun auch ein wichtiger kos- 



mischer Prozefi vor sich: Sonne und Mond trennen sich. Es entste- 
hen zwei Korper; der Mond spaltet sich von der Sonne ab. Im An- 
fang der zweiten Mondenrunde ist die Sonne noch unverandert, 
dann zeigt sich eine kleine Einschniirung unten an dem Sonnenkor- 
per, er schniirt sich ab, und in der dritten Mondenrunde sind zwei 
Korper nebeneinander. 

Die Sonne hat die edleren Teile behalten, sie schickt von au$en 
ihre Strahlen auf den Mond und gibt ihm und alien Wesen darauf 
das Notige. Das ist das Avancement der Sonne, sie ist jetzt Fixstern 
geworden, und sie beschaftigt sich nicht mehr selbst mit den drei 
Reichen, sondern gibt nur ab, was sie zu geben hat. Sie beherbergt 
hohere Wesen, die sich jetzt entwickeln konnen, nachdem die Son- 
ne die niederen Teile ausgesondert hat. In der vierten Mondenrunde 
vervollkommnet sich das alles, und in der fiinften gehen dann die 
zwei Korper wieder ineinander uber und verschwinden darauf als 
Eines im Pralaya. 

Der alte Mond hatte noch keine feste Erdkruste, auf der man her- 
umgehen konnte, wie auf den Felsen unserer Erde. Das Mineral- 
reich war damals etwa wie eine lebendige Torfmoormasse oder wie 
gekochter Spinat. Diese lebendige, innerlich wachsende Masse war 
durchsetzt von holzartigen Gebilden. Daraus erwuchs das damalige 
Pflanzenreich, Pflanzen, die eigentlich Pflanzentiere waren. Sie hat- 
ten Empfindungen und wiirden einen Druck schmerzlich empfun- 
den haben, Und der Mensch im damaligen Tierreich war nicht wie 
das heutige Tier, sondern stand zwischen Mensch und Tier. Er war 
hoherstehend als das heutige Tier und konnte in viel planvollerer 
Weise seine Triebe ausfuhren. Er stand aber niedriger als der heutige 
Mensch, denn er konnte noch nicht zu sich Ich sagen. Er hatte noch 
nicht den Ich-Leib. 

Diese drei Reiche lebten auf dem lebendigen Mondenkorper. 
Wichtig ist, dafS diese Mondmenschen nicht so geatmet haben wie 
der heutige Mensch. Sie atmeten nicht Luft, sondern Feuer ein und 
aus. Mit dem Feuereinatmen durchdrangen sie sich mit Warme; 
beim Ausatmen gaben sie die Warme wieder von sich und wurden 
kalt. Die heutige innere Blutwarme hatte der Mensch auf dem Mond 



als Atmungswarme. Viele alte hellsehende Maler symbolisierten das 
in dem feueratmenden Drachen; sie haben eben gewulk, daft es in 
uralten Zeiten solche Mondwesen gegeben hat, die Feuer atmeten. 

Nach seiner Entwickelung durch 7 mal 7 mal 7 Zustande ging der 
Mond ins Pralaya zuriick und kam dann als Erde wieder hervor. In 
der ersten Erdenrunde wiederholt sich das ganze Saturndasein, in 
der zweiten das Sonnen- und in der dritten das Mondendasein. Wah- 
rend der dritten Runde wiederholte sich auch die Abspaltung von 
Sonne und Mond. 

In der vierten Erdenrunde fangt die Erde an, sich herauszubilden. 
Nun geschieht ein hochwichtiger kosmischer Vorgang: Die Erde hat 
im Entstehen eine Begegnung mit dem Planeten Mars. Die zwei Pla- 
neten durchdringen einander, die Erde geht durch den Mars hin- 
durch. Der Mars hatte einen Stoff, den die Erde damals nicht besafi: 
das Eisen. Dieses Eisen liefl der Mars in dampfformigem Zustand in 
der Erde zuriick. Ware dies nicht geschehen, ware die Erde alleinge- 
blieben mit dem, was friiher schon vorhanden war, dann hatten es 
die Menschen wohl bis zum Tierreich, wie es damals vorhanden 
war, gebracht; sie hatten Warme atmen, aber niemals warmes Blut 
haben konnen. Hatte der Mars der Erde nicht das Eisen eingelagert, 
dann hatten die Menschen kein warmes Blut bekommen, denn im 
Blute ist Eisen enthalten. So sagt die Geheimwissenschaft: Die Erde 
verdankt bei ihrer Entwickelung dem Mars so viel, daft man sie in 
der ersten Halfte ihres Seins Mars nennt. Fur die zweite Halfte hat 
eine ebenso wichtige Bedeutung der Merkur. Die Erde trat in alter 
Zeit in Beziehung zum Merkur und bleibt bis zum Ende ihrer Ent- 
wickelung mit ihm in Verbindung. Darum spricht man in der Ge- 
heimwissenschaft nicht von Erde, sondern von Mars und Merkur. 

Auf dieses Stadium folgen in der Zukunft noch drei Stadien: Ju- 
piter, Venus, Vulkan. Diese sieben Erdstadien, wie sie die Geheim- 
wissenschaft angibt, haben sich erhalten in den Namen der Wochen- 
tage, die allerdings in der deutschen Sprache ziemlich verstummelt 
sind: 

Saturn Saturday, Samedi Samstag 
Sonne Sunday Sonntag 



Mond Monday, Lundi 

Mars Mardi, oder Ziu - Tuesday 

Merkur Mercredi, Wednesday 

Jupiter Jeudi, Tor, Donar - Thursday 

Venus Vendredi, Freya - Friday 



Montag 

Dienstag 

Mittwoch 

Donnerstag 

Freitag 



So haben Sie in den Namen der Wochentage die geheimwissen- 
schaftliche Lehre von dem Durchgang der Erde durch diese verschie- 
denen Perioden: eine wunderbare Chronik, die es dem Menschen er- 
moglicht, sich diese Wahrheiten immer wieder zu vergegenwarti- 
gen. Wir werden im Verlaufe der nachsten Tage dann immer mehr 
sehen, wie die Theosophie uns erst wieder zum Verstandnis bringt, 
was unsere Urvater einst einfach im Namen ausgedriickt haben, und 
wie das Alltaglichste mit dem Allertiefsten zusammenhangt. 



ZEHNTER VORTRAG 



Stuttgart, 31. August 1906 

Als die Erde aus dem Dunkel des Pralayazustandes auftauchte, er- 
schien sie nicht allein, sondern zunachst vereinigt mit der Sonne und 
unserem heutigen Monde. Sonne, Mond und Erde waren ein Riesen- 
korper. Das war das Anfangsstadium unseres Planeten. 

Damals bestand die Erde aus einer sehr, sehr diinnen Materie. Es 
gab keine festen Mineralien, auch kein Wasser, nur diese feine Mate- 
rie, die wir Ather nennen. Das Ganze war also ein atherischer, fei- 
ner Planet, umgeben von einer Geist-Atmosphare, wie die heutige 
Erde von einem Luftkreis. In dieser Geist-Atmosphare war alles ent- 
halten, was heute die Menschenseele bildet. Ihre Seelen, die heute in 
Ihre Korper hineingesenkt sind, waren alle droben in jener geistigen 
Atmosphare. Die Erde war eine grofte Atherkugel, viel, viel grower 
als unsere heutige Erde, umgeben von geistiger Substanz, und in die- 
ser geistigen Substanz waren enthalten die zukiinftigen Menschen- 
seelen. Unten in der diinnen Materie der Atherkugel war etwas 
Dichteres vorhanden, namlich Millionen von schalenformigen Ge- 
bilden. Das waren die wieder herauskommenden Menschenkeime 
des Saturn. Hier wiederholte sich nun, was sich in alten Zeiten auf 
dem Saturn gebildet hatte. Von einer physischen Fortpflanzung und 
Vermehrung dieser Menschenkeime konnte natiirlich nicht die Re- 
de sein; es gab damals etwas ganz anderes. Die ganze die Erde umge- 
bende Geist-Atmosphare war, wie unser Luftkreis, mehr oder weni- 
ger ein einheitliches Ganzes, nur streckten sich von dieser Geist- 
Umhullung geistige Fortsetzungen wie eine Art von Fangarmen 
herab in die Atherkugel hinein und hiillten die schaligen Gebilde 
ein, so daft Sie sich vorzustellen haben, daft sich von oben der Geist 
heruntersenkte und die einzelnen Korper umhiillte. Diese Fangarme 
bearbeiteten dieselben und bildeten eine menschliche Form. War 
das Gebilde fertig, dann zog sich der Fortsatz wieder zuriick, streck- 
te sich nach einer anderen Richtung aus und arbeitete wieder an an- 
deren Gebilden. Was hervorgebracht wurde, war also direkt von 



den geistigen Welten hervorgebracht. Ganz im Anfang war unten 
ein wirrer, durcheinanderwirbelnder Atherstoff, viel dichter als die 
einheitliche gottliche Geistessubstanz, die die Arme ausstreckte, um 
aus dem Chaos Gebilde zu schaffen. Das war die erste Epoche unse- 
rer Erde; sie wird in der Genesis der Bibel sehr schon ausgedriickt: 
«Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde, und die Erde war wiist 
und leer, und der Geist Gottes schwebte iiber den Wassern.» Der 
Ather, wie er unten war, wird geheimwissenschaftlich als «Wasser» 
bezeichnet. 

Man hatte damals die Erde nicht sehen konnen, ebensowenig die 
schaligen Gebilde; diese waren tonende Menschengebilde, und wenn 
ein solches entstand, druckte es sich in einem bestimmten Ton aus. 
Es war noch keine Individuality in den Gebilden; diese war noch 
ganz in der geistigen Atmosphare aufgelost. In diesen Gebilden 
konnte man sieben Arten von Grundtonen unterscheiden. Diese 
sieben Gruppen bildeten die ersten sieben menschlichen Wurzelras- 
sen im Keim. 

Nach Millionen von Jahren kam ein grofier kosmischer Vor- 
gang: Der ganze machtige Atherkorper schniirte sich etwas ein, 
nahm eine biskuitformige Gestalt an und blieb eine Zeitlang so. 
Endlich trennte sich von diesem gemeinsamen Gebilde ein kleiner 
Teil ab, bestehend aus Erde und Mond. Mit diesem Vorgang war fur 
die Menschheitsentwickelung etwas ganz Besonderes verbunden. 
Die Menschenkeime wurden gegliedert, sie wurden differenziert; 
durch den Austritt der Sonne konnten nun zuerst Gegenstande von 
au£en beleuchtet werden. Alles Sehen beruht darauf, dafi Licht vor- 
handen ist, dafi die Sonnenstrahlen auf die Gegenstande fallen und 
zuriickgeworfen werden. Das Licht ist der Urheber der Augen, Als 
die Sonne heraustrat, waren Korper vorhanden, die sie bescheinen 
konnte. Dadurch war die Moglichkeit gegeben, dafi sich ganz all- 
mahlich Organe herausbildeten zur Wahrnehmung der beleuchteten 
Gegenstande. Die Umgebung wurde sichtbar. Diese Zeit wird in der 
Genesis dargestellt mit den Worten: «Und Gott sprach: Es werde 
Licht! und es ward Licht. Und Gott sah das Licht, da£ es gut war, 
und Gott schied das Licht von der Finsternis.» Das ganze Erden- 



gebilde geriet nun in Drehung, und dadurch entstanden Tag und 
Nacht. Wenn man als Geheimwissenschafter die Bibel liest, kann 
man alles wieder wortlich nehmen. 

Jetzt war ein grower Teil derjenigen geistigen Wesenheiten, wel- 
che die Erde umgeben hatten, mit der Sonne fortgegangen. Sie bilde- 
ten die geistige Bevolkerung der Sonne und wirkten von der Sonne 
aus auf die Erde. Die physisch-atherischen Menschengebilde wurden 
nun ausgestattet mit einer Astralhiille. Das Ganze, Erde und Mond, 
war nun umgeben von einer astralen Atmosphare. Was vorher in 
der geistigen Atmosphare ausgebreitet war, erstreckte sich nun zu 
den einzelnen menschlichen Gebilden, die einen selbstandigen phy- 
sischen und Atherkorper ausgebildet hatten, und umgab sie. Der 
physische und der Atherkorper war nun herausgebildet. In bezug 
auf den Astralleib aber war keine Selbstandigkeit vorhanden; es gab 
noch eine gemeinsame Astralhiille fur alle Wesen. Das war der Erd- 
geist, und der streckte wiederum seine Fangarme herein und umfing 
jeden einzelnen Menschenvorfahr. Eine neue Fahigkeit trat nun auf. 
Jetzt konnte ein jedes Menschengebilde ein anderes aus seiner eigenen 
Substanz hervorgehen lassen: eine Art Fortpflanzung ohne Befruch- 
tung durch zwei Wesen. Es war also eine Befruchtung, die nicht 
geschlechtlicher Art war, sondern die von der ganzen Astralatmo- 
sphare ausgefiihrt wurde. Wenn sich ein Fangarm niederstreckte, so 
bedeutete das eine Befruchtung des Menschenwesens, das dadurch 
wieder andere entwickeln konnte. Die Menschengebilde waren glok- 
kenf ormig und hatten oben eine rohrenf ormige Off nung zur Auf nah- 
me der Fangarme; sie offneten sich der Sonne. Das war der hyper- 
boraische Urmensch; man nennt diese Periode die zweite grofie 
Wurzelrasse. Diese Menschengebilde waren vielfach gegliedert. Sie 
starben nicht; einen Tod in unserem Sinne gab es nicht. Sterben 
bedeutet das Herausziehen des Bewufitseins aus dem Korper. Damals 
aber war das Bewufitsein noch nicht differenziert, es war ein allge- 
meines Bewufitsein fur alle Menschen in der Astralhiille. Das Bewufk- 
sein des einzelnen blieb ein Teil des gemeinsamen Bewufkseins, und 
wenn es sich aus einem Gebilde zuriickzog, senkte es sich in ein 
anderes ohne Unterbrechung. Es war gleichsam, wie wenn von einer 



Wolke sich vorne ein Stuck losloste, das gleich hinten wieder durch 
ein anderes ersetzt wird. Es war nur eine Metamorphose, und 
es herrschte eine ununterbrochene Kontinuitat des Bewufttseins. 
Das Bewuiksein empfand es nur wie ein Wechseln des Kleides. Und 
das Ganze lebte in wunderbarer Schonheit, es schwebte in den 
herrlichsten Farben, in einem Lichtather, und verdichtete sich nach 
und nach. 

Neben den Menschenvorfahren gab es aber auch schon Tier- und 
Pflanzenformen, die seine Genossen sein sollten. Die Pflanzen wa- 
ren die heute zwerghaft gewordenen, niederen Gewachse. Ebenso 
waren die Tiere noch nicht in ihrer heutigen Gestalt vorhanden. Es 
waren leuchtende, den Ather durchwirbelnde Pflanzen und Tiere. 
Mannliche und weibliche Tiere gab es nicht, es war noch alles einge- 
schlechtig; nur gewisse Tiere fingen gerade an, etwas von der Zwei- 
geschlechtigkeit zu entwickeln. Ein eigentliches Mineralreich hatte 
sich noch nicht herausgebildet. Dann trat immer mehr eine Verdich- 
tung der Atherformen ein, so dafi auch das Astrale immer mehr 
hereingezogen wurde. 

Nach einer Jahrmillion sahen Erde und Mond ganz anders aus: 
Tiere und Pflanzen waren geleeartig, wie Eiweifi, wie gewisse Qual- 
len und Meerpflanzen; und in dieser verdichteten Materie mit Orga- 
nen befanden sich die Menschenvorfahren. Die Tier- und Pflanzen- 
gebilde verdichteten sich nach und nach durch die befruchtende 
Astralkraft. Dann kam eine wichtige Zeit, wo sich die befruchten- 
den Wesenheiten in der Astralatmosphare durch die damals leben- 
den Naturgebilde manifestierten, so dafi Menschen und Tiere die Be- 
fruchtungs- und Ernahrungssubstanz zugleich durch die umliegende 
Pflanzenwelt erhielten. Diese sonderte etwas ab, was mit der spate- 
ren Milch der Menschen und Tiere Ahnlichkeit hatte. Ein letzter 
Rest solcher milchabsondernder Pflanzen ist zum Beispiel der L6- 
wenzahn. So ernahrten und befruchteten sich die Menschen damals 
aus der umgebenden Natur und waren selbstlos. Auf diese Art wa- 
ren die Menschen vollstandige Vegetarier. Sie nahmen nur auf, was 
die Natur freiwillig hergab. Sie nahrten sich von milch- und honig- 
ahnlichen Saften. Es war ein wunderbarer Zustand in dieser ur- 



fernen Vergangenheit, der sich kaum mit Bildern unserer Sprache 
beschreiben lafk. 

Nun kommt ein aufierst wichtiger Moment: Es trennen sich Erde 
und Mond; der kleinere Mond trennt sich von der Erde ab. Jetzt 
sind es drei Korper: Sonne, Mond und Erde. Dadurch war fur die le- 
benden Wesen etwas aufterordentlich Wichtiges gegeben. Der Mond 
nahm einen grofien Teil derjenigen Krafte mit sich fort, welche die 
Menschen und Tiergebilde brauchten, um aus sich selbst andere We- 
sen hervorgehen zu lassen. In jedem Menschen war jetzt nur noch 
die Halfte der Befruchtungskraft, die friiher in ihm gewesen war. 
Die produktive Kraft war halbiert, und dadurch entstand nach und 
nach die Trennung in zwei Geschlechter. Jetzt mufite der Mensch 
von einem Wesen seinesgleichen befruchtet werden. Diese Zeit war 
die lemurische Zeit, die dritte Wurzelrasse. In dieser Zeit entstand 
auch eine groftere Verdichtung und Verdickung des Stoffes. Kurz 
vor der Trennung von Erde und Mond waren dichtere Einlagerun- 
gen entstanden, und nach der Trennung bildeten sich in Mensch 
und Tier knorpelartige Substanzen mit Anlagen zur Knochenver- 
dichtung. In demselben Mafie, wie sich die aufiere Erdmasse verdich- 
tete und der feste Boden, die feste Erdkruste sich heranbildete, bilde- 
te sich im Menschen und im Tier die feste Knochenmasse. Es ent- 
standen allmahlich feste mineralische Gebilde. Friiher war alles athe- 
risch gewesen, dann luftartig und fliissig; die Wesen bewegten sich 
schwebend wie im Wasser oder fliegend wie in der Luft. Jetzt bil- 
dete sich die Erde in ihren Felsen ein festes Geruste aus wie das 
Knochengeriist im Innern des Menschen. Knochen- und Felsen- 
bildung gingen miteinander parallel. Die Form der damaligen Men- 
schen ist zu vergleichen mit einer Art Fisch-Vogeltier. Der grolke 
Teil der Erde war noch wasserig, die Temperatur war noch sehr 
hoch. In diesem wafirigen Element war noch vieles aufgelost, was 
spater erst fest geworden ist, zum Beispiel auch jetzige Metalle 
und andere Stoffe. Darin bewegten sich die Menschen sozu- 
sagen in schwimmender, schwebender Bewegung. Die ungeheure 
Hitze, die damals auf der Erde herrschte, konnten sie gut ver- 
tragen; ihr Korper bestand ja noch aus einer Materie, die den 



geschilderten Verhaltnissen entsprach, so dafi sie darin leben 
konnten. 

Dem Wasser waren kleine Kontinente, inselartige Gebilde ein- 
gelagert, auf denen die Menschen umherwandelten; aber die ganze 
Erdmasse war durchsetzt von vulkanischer Tatigkeit, die mit un- 
geheurer Vehemenz fortgesetzt Teile der Erde vernichtete, so dafi 
diese fortwahrend elementaren Zerstorungen und Neubildungen 
ausgesetzt war. 

Die Menschen hatten noch keine Lungen, sie atmeten durch roh- 
renformige Kiemenorgane. Sie sehen, der damalige Mensch war 
schon ein sehr kompliziertes Gebilde: Er hatte sich ein Riickgrat ein- 
gelagert, erst knorpelartig, dann knochig, und urn sich schwebend 
und schwimmend fortbewegen zu konnen, hatte er eine Schwimm- 
blase, etwa wie die heutigen Fische. 

Bald, das heifit immerhin nach Jahrmillionen, wurde die Erde 
fester. Das Wasser trat zuriick, sonderte sich ab von den festen 
Bestandteilen, die Luft kam in ihrer Reinheit heraus, und durch den 
Einflufi der Luft bildete sich die Schwimmblase allmahlich zu Lun- 
gen um. Der Mensch erhob sich jetzt liber das wasserige Element. 
Das war ein besonders wichtiger und bedeutungsvoller Vorgang. 
Die Kiemen bildeten sich zu anderen Organen um, teilweise zu Ge- 
hororganen. Mit der Ausbildung der Lungen entstand die Fahigkeit 
des Atmens; dadurch lebt die ganze Menschheit in einem gemeinsa- 
men Element, in der Luft. Die Menschen sind von Luft umgeben. 
Jeder Mensch nimmt ein Quantum Luft auf, bildet es nach seiner 
Form um und gibt es wieder heraus. Anfangs war der Mensch erfiillt 
mit dem reinen Geiste, spater mit dem Astralen, und jetzt mit der 
Luft. Nun war der Mensch an dem Punkte angelangt, wo sich die 
Warmeatmung in Luftatmung umwandelte. Damit wurde verwer- 
tet, was der Mars gebracht hatte: Es entstand jetzt warmes Blut. Der 
Moment ist da, wo das, was friiher aufierhalb des Menschen gewesen 
war, in ihn hineindrang: Der Geist, der friiher ihn umgab, ging in 
den Menschen hinein. Und wodurch? Durch die Luft. Die Fahigkeit 
des Atmens bedeutet die Aufnahme des individuellen menschlichen 
Geistes. Das Ich des Menschen kommt in den Menschen mit der 



Atemluft hinein. Wenn wir von einem gemeinsamen Ich aller Men- 
schen sprechen, so hat dieses auch einen gemeinsamen Korper: die 
Luft. Nicht umsonst haben die Alten dieses gemeinschaftliche Ich 
Atma, das heifit Atmen, genannt. Sie wufiten genau, dafi sie es beim 
Atmen einziehen und wieder ausstofien. Wir leben in unserem ge- 
meinschaftlichen Ich, weil wir in der allgemeinen Luft leben. Natiir- 
lich darf die Schilderung dieses Vorganges wiederum nicht zu wort- 
lich genommen werden. Das Hineinsenken des individuellen Ichs in 
den Menschen wird in der theosophischen Literatur beschrieben als 
das Herabsteigen des Manas, der Manasaputras. Mit jedem Atemzu- 
ge nahm ein menschliches Wesen langsam Manas, Budhi und Atma 
mehr oder weniger im Keime auf. Die Genesis schildert diesen Mo- 
ment, und wir konnen sie dabei wortlich nehmen: «Und Gott 
hauchte Adam den Odem des Lebens ein, und er ward eine lebendi- 
ge Seele.» Das ist die Aufnahme des individuellen Geistes. 

Der Mensch hatte nun auch warmes Blut, und dadurch konnte er 
die Warme in sich bleibend machen. Damit ist aber noch etwas sehr 
Wichtiges verbunden. 

Auf dem Monde waren auch Wesen vorhanden ge wesen, die ho- 
lier standen als die damalige Menschenwelt. Das waren die Gotter, 
in der christlichen Uberlieferung Engel und Erzengel genannt. Sie 
waren einst auf der Menschenstufe, und so wie wir hoher hinaufge- 
kommen sein werden auf dem nachsten Planeten, so sind auch sie 
im Laufe der Zeiten hoher gestiegen. Sie hatten keinen physischen 
Korper mehr, waren aber noch mit der Erde verbunden. Sie brauch- 
ten nicht mehr das, was der Mensch brauchte, sie brauchten aber die 
Menschen selbst, iiber die sie regieren konnten. 

Als der Mond seine Entwickelung vollendet hatte, blieb von die- 
sen Gottern ein Teil in der Entwickelung zuriick, sie blieben sozusa- 
gen sitzen. Sie waren noch nicht so weit, wie sie eigentlich hatten 
kommen sollen. Und so gab es Wesen, die zwischen Gottern und 
Menschen standen: Halbgotter. Diese Wesen sind fur die Erde und 
die Menschheit ganz besonders wichtig geworden. Sie konnten 
nicht ganz iiber die Menschheit und deren Sphare hinauskommen, 
sie konnten sich aber auch nicht im Menschen verkorpern. Sie 



konnten sich nur in einem Teil der Menschennatur verankern, um 
mit diesem Teil ihre Entwickelung weiterzubringen und zugleich 
dem Menschen zu helfen. Sie hatten auf dem Monde Feuer geatmet. 
In dem Feuer, das nun im Menschen dauernd geworden war, im 
warmen Menschenblut, dem Ursitz der Leidenschaften und Triebe, 
verankerten sie sich und gaben ihm etwas von dem Feuer, das auf 
dem Monde ihr Element gewesen war. Das sind die Scharen des Lu- 
zifer, die luziferischen Wesenheiten. Die Bibel nennt sie die Verfuh- 
rer der Menschen. Sie verfuhrten den Menschen insofern, als sie in 
seinem Blute lebten und ihn selbstandig machten. Waren diese luzi- 
ferischen Wesenheiten nicht dagewesen, so wiirden die Menschen al- 
les von den Gottern als Geschenk bekommen haben. Sie waren wei- 
se, aber unselbstandig, abgeklart, aber unfrei geworden. Dadurch, 
dafi diese Wesenheiten sich in seinem Blute verankerten, wurde der 
Mensch nicht nur weise, sondern er bekam Feuer, Leidenschaft fur 
die Weisheit und Ideale. 

Damit aber war die Moglichkeit des Abirrens gekommen. Die 
Menschen konnen sich abwenden von dem Hohen. Der Mensch 
konnte nun wahlen zwischen Gut und Bose. Mit dieser Anlage, mit 
dieser Moglichkeit des Bosen wurde die lemurische Rasse nach und 
nach entwickelt. Diese Anlage rief grofle Umwalzungen in der Erde 
hervor. Die Erde geriet in Zuckungen und Beben, und so ging Le- 
murien zum grofien Teil durch diese Leidenschaften der Menschen 
zugrunde. 

Die Erde hatte sich wieder verandert, verdichtet. Andere Konti- 
nente waren bereits entstanden. Der wichtigste Kontinent, der sich 
mittlerweile herausgebildet hatte, war Atlantis zwischen dem heuti- 
gen Europa, Afrika und Amerika. Auf diesem Kontinent hatten sich 
die Nachkommen der lemurischen Rasse ausgebreitet. In vielen Mil- 
lionen Jahren hatte sie sich sehr verandert und eine Gestalt ange- 
nommen, die der heutigen Menschengestalt ahnelte. Dennoch wa- 
ren diese Menschen von den heutigen sehr verschieden. Die Kopfbil- 
dung war eine ganz andere, die Stirn war noch viel niedriger; die Er- 
nahrungsorgane waren viel machtiger ausgebildet. Der Atherleib des 
Atlantiers ragte weit liber seinen physischen Kopf hinaus. Im Ather- 



leib des Kopfes war ein wichtiger Punkt, der mit einem Punkte im 
physischen Kopf korrespondierte. Die Entwickelung bestand nun 
darin, dafi beide Punkte zusammenriickten, so daft der Punkt des 
Atherkopfes sich in den Punkt des physischen Korpers hineinschob. 
In diesem Augenblick, wo beide Punkte zusammenfielen, konnte 
der Mensch anfangen, Ich zu sich selbst zu sagen. Das Vorderhirn 
konnte jetzt ein Werkzeug werden fur den Geist; es entstand das 
Selbstbewufksein. Dieser Moment trat zuerst bei den in der Gegend 
des heutigen Irland wohnenden Atlantiern auf. 

Die Atlantier entwickelten sich nach und nach in sieben Unter- 
rassen: Rmoahals, Tlavatli, Urtolteken, Urturanier, Ursemiten, Ur- 
akkadier und Urmongolen. Bei den Ursemiten geschah die Vereini- 
gung der beiden Punkte und entwickelte sich das klare Selbstbe- 
wufitsein. Die beiden folgenden Unterrassen, die Urakkadier und 
Urmongolen, schossen eigentlich uber das Ziel der atlantischen 
Menschheit hinaus. 

Vor dieser Vereinigung der beiden Punkte waren die Seelenkrafte 
der Atlantier grundverschieden von heute. Die Atlantier hatten ei- 
nen viel beweglicheren Korper und vor alien Dingen in der allerer- 
sten Zeit einen machtigen, starken Willen. Sie konnten zum Beispiel 
verlorene Gliedmafien erganzen, Pflanzen schnell wachsen lassen 
und ubten dadurch einen gewaltigen Einfluft auf die Natur aus. Sie 
hatten machtig ausgebildete Sinnesorgane; sie konnten Metalle 
durch das Gefuhl unterscheiden, wie wir Geriiche unterscheiden. 
Dann aber hatten sie in hohem Grade die Gabe des Hellsehens. Sie 
schliefen in der Nacht nicht wie der heutige Mensch, der hochstens 
verworrene Traume hat, sondern wie der Hellseher, nur dumpfer. 
Sie standen nachts im Verkehr mit den Gottern, und was sie da er- 
lebten, das lebt noch fort in den Mythen und Sagen. Sie zwangen die 
Naturkrafte in ihren Dienst. Ihre Wohnungen waren halbe Natur- 
gebilde und in Felsen hineingehauen. Die Atlantier konstruierten 
Luftschiffe, zu deren Fortbewegung sie nicht anorganische Kraft, 
wie zum Beispiel die heutige Kohlenkraft, sondern die organische 
Pflanzentriebkraft verwandten. 

Dadurch, dafi die oben erwahnten beiden Punkte noch nicht 



miteinander verbunden waren, hatten die Atlantier keinen kombi- 
nierenden Verstand. So konnten sie zum Beispiel nicht rechnen. 
Aber dafiir hatten sie eine andere Seelenkraft ganz besonders ausge- 
bildet: das Gedachtnis. Die kombinierende logische Verstandeskraft 
und das Selbstbewufitsein kamen erst in der fiinften Unterrasse, den 
Ursemiten, hervor. 

Durch eine gewaltige Wasserkatastrophe ging Atlantis zugrunde. 
Der ganze Kontinent wurde allmahlich iiberflutet, und die Volks- 
massen wanderten ostwarts, nach Europa und Asien. Ein Haupt- 
zweig bewegte sich von Irland durch Europa nach Asien. Uberall 
blieben Volksmassen zuriick. Gefiihrt wurden sie von einem hohen 
Eingeweihten, dem sie ganz und gar vertrauten. Dieser bewirkte 
dann durch seine Weisheit eine Auslese, er nahm die Besten mit sich 
und siedelte sie im fernen Asien an einer Statte an, wo heute die Wii- 
ste Gobi liegt. Da wurde dann in volliger Absonderung eine kleine 
Kolonie besonders ausgebildet. Von dieser Kolonie aus gingen dann 
Kolonisatoren in alle bewohnten Lander und begriindeten die Kul- 
turen der nachsten Wurzelrasse: die indische, die altpersische, die 
agyptisch-babylonisch-assyrische, die griechisch-lateinische Kultur. 
Und dann entstand die germanisch-angelsachsische Kultur. 

Wir werden dann morgen sehen, wie die Entwickelung sich 
weiter gestaltete. 



ELFTER VORTRAG 
Stuttgart, 1. September 1906 



Ich schilderte Ihnen gestern, wie der grofie Eingeweihte sich aus der 
Gegend des heutigen Irland unter den Ursemiten eine Schar aus- 
suchte, die er nach dem Osten fiihrte und dort ansiedelte. Dort 
machte der Manu seine Auserwahlten zu Stammvatern der neuen 
Kulturen. Er belehrte sie und gab ihnen Anweisung zu einer morali- 
schen Lebensfiihrung, die bis in die kleinsten Einzelheiten hinein 
vorgeschrieben war: wie die Zeit einzuteilen und die Arbeit vom 
Morgen bis zum Abend zu verrichten war. Aber mehr noch als 
durch seine Lehren erzog er sie durch seinen unmittelbaren EinfluE 
und durch seine Gedanken. Sein Einflufi war unmittelbar suggestiv; 
wenn er seine Gedanken in die Kolonie hineinschickte, wirkten sei- 
ne Ideen und Vorschriften suggestiv. Solch einen Einflufi brauchte 
der damalige Mensch zu seiner Umbildung. 

Fur den Unterschied in der ganzen Anschauung zwischen der at- 
lantischen und der neuen Wurzelrasse ist folgende Szene charakteri- 
stisch, die sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts abspielte. Europai- 
sche Kolonisten hatten die Indianer, in denen wir in der atlantischen 
Kultur stehengebliebene Nachkommen der alten Atlantier zu sehen 
haben, veranlafit, ihnen Landerstrecken abzutreten unter der Bedin- 
gung, dafi man ihnen neue Jagdgriinde anweisen wiirde. Dieses Ver- 
sprechen war nicht gehalten worden, und das konnte der Hauptling 
nicht begreifen. Das war die Veranlassung zu dem folgenden Ge~ 
sprach. Der Indianer sagte: Ihr Bleichgesichter habt uns verspro- 
chen, dafi euer Hauptling unseren Briidern anderes Land anweisen 
werde, nachdem ihr uns dieses genommen habt. Eure Fufie stehen 
jetzt auf unserem Land und gehen iiber die Graber unserer Vater. 
Der weifie Mann hat sein Versprechen dem braunen Manne nicht 
gehalten. Ihr Bleichgesichter habt schwarze Instrumente mit allerlei 
kleinen Zauberzeichen - gemeint sind Biicher - und aus diesen lernt 
ihr erkennen, was euer Gott will. Das mufi aber ein schlechter Gott 
sein, der die Menschen nicht lehrt, ihr Wort zu halten. Der braune 



Mann hat nicht einen solchen Gott, der braune Mann hort den 
Donner und sieht den Blitz, und diese Sprache versteht er; da spricht 
sein Gott zu ihm. Er hort im Walde das Rauschen der Blatter und 
Baume, auch da spricht sein Gott zu ihm. Er hort die Wellen im 
Bach platschern, und dann versteht der braune Mann diese Sprache. 
Er spurt, wenn sich ein Sturm erhebt. Uberall hort er seinen Gott 
zu ihm sprechen, und dieser Gott lehrt etwas ganz anderes, als was 
euch eure schwarzen Zauberzeichen sagen. 

Es ist das eigentlich eine recht bedeutsame Rede, denn sie enthalt 
eine Art Glaubensbekenntnis. Nicht in vernunftgemafien Begriffen 
und Vorstellungen erhob der Atlantier sich zu seinem Gott, sondern 
er spurte gleichsam etwas Heiliges in aller Natur als einen Grund- 
akkord der Gottheit, er atmete gleichsam seinen Gott aus und ein. 
Und wenn man aussprechen wollte, was man so horte, dann fafite 
man es zusammen in einen Laut, der ahnlich dem chinesischen Tao 
ist. Das war fur den Atlantier der Laut, der die ganze Natur durch- 
stromte. Wenn er ein Blatt beriihrte, wenn er einen Blitzstrahl sah, 
so war er sich bewufit, einen Teil der Gottheit vor sich zu haben; es 
war ihm, als beriihre er das Kleid der Gottheit. Wie man im Hande- 
druck das Seelische eines Menschen mitergreift, so ergriff der Atlan- 
tier, wenn er ein Naturgebilde anfafite, den Korper der Gottheit. Es 
war eine ganz andere religiose Empfindung, in der jene lebten. Dazu 
kam noch, daft die Atlantier mit Hellsehen begabt waren und da- 
durch im Verkehr mit der Geisterwelt standen. 

Dann aber entwickelte sich das rechnerische, logische Denken, 
und je hoher sich dieses entwickelte, desto mehr nahm das Hellse- 
hen ab. Die Menschen machten sich viel mehr mit dem zu tun, was 
die Sinne von aufien wahrnahmen, und dadurch wurde die Natur 
mehr und mehr ihrer Gottlichkeit entkleidet. Die Menschen erober- 
ten sich eine neue Gabe auf Kosten einer alten. In dem Mafie, wie sie 
die Gabe des genauen sinnlichen Anschauens erlangten, horten sie 
auf zu verstehen, dafi die Natur der Korper der Gottheit ist. Nach 
und nach hatten sie nur noch den Korper der Welt vor sich, nicht 
mehr die Seele. Dadurch entstand in dem nachatlantischen Men- 
schen die Sehnsucht nach dem Gottlichen. In seinem Herzen stand 



ja geschrieben: Hinter der Natur mufi die Gottheit sein und er er- 
kannte, dafi er sie mit dem Geiste suchen miisse. Das Wort Religion 
heifk nichts anderes als: Suchen, eine Wiederverbindung mit der 
Gottheit herzustellen; religere heifit wiederverbinden. Nun gibt es 
verschiedene Wege, die Gottheit zu finden. Die erste Unterrasse der 
nachatlantischen arischen Rasse, die Inder, ging folgenden Weg. 
Einige gotterfiillte Sendboten des Manu, die heiligen Rishis genannt, 
wurden die Lehrer der uralten indischen Kultur, von der keine 
Dichtung, keine Tradition erzahlt, die nur noch in den mundlichen 
Uberlieferungen der Geheimschulen bekannt ist. Wunderbare Dich- 
tungen, wie die Veden und Bhagavad Gita, sind viel spater entstan- 
den. Der alte Inder sagte sich: Das, was uns geblieben ist als au£ere 
Natur, ist nicht die wahre Natur; hinter dieser Natur verbirgt sich 
die Gottheit. - Und das, was sich hinter der Natur verbirgt, das 
nannte er Brahman, den verborgenen Gott. Die ganze aufiere Welt 
war fur ihn nur Illusion, Tauschung, Maja. Und wahrend der Atlan- 
tier noch in jedem Blatt die Gottheit spurte, sagte der Inder: Nir- 
gends mehr in der Aufienwelt zeigt sich die Gottheit. In das Innere 
mufi man sich versenken. Man mufi die Gottheit suchen im eigenen 
Herzen, man mu(S ihr nachgehen in einem hoheren, geistigen Zu- 
stand. - Etwas Traumartiges hatte alles Sichnahern der Gottheit 
beibehalten. In der Natur fand der Inder keine Gottheit; in grofien 
und machtvollen Gedankenbildern, in Visionen und Imaginationen 
ging ihm die Welt des Brahman auf. Yoga war die Schulung, die er 
durchmachte, um jenseits der Illusion zum Geiste, zum Ursein zu 
kommen. Die tiefsinnigen Veden, die Bhagavad Gita, dieses Hohe- 
lied von der menschlichen Vollkommenheit, sind nur Nachklange 
jener uralten Gottesweisheit. 

Das war die erste Stufe, auf der die Menschheit zuruckkommen 
wollte zur Gottheit; es ist eine Stufe, die es in der aufteren Kultur 
nicht besonders hoch bringen konnte. Denn von allem Aufieren hat 
sich der Inder abgewandt; nur in einem weltabgewandten Aufgehen 
im Geiste hat er das hohere Leben gesucht. 

Schon eine andere Mission hatte die zweite Unterrasse, die Ur- 
perser, deren Kultur gleichfalls wohlberechnet vom Manu ausging. 



Noch vor der Zarathustra-Zeit hatten die alten Perser eine uralte 
Kultur, die sich auch nur durch miindliche Uberlieferung erhalten 
hat. Dem Menschen erwuchs jetzt der Gedanke, dafi die aufiere 
Wirklichkeit ein Abbild der Gottheit sei, dafi man sich nicht von ihr 
abwenden, sondern sie umgestalten musse. Der Perser wollte die 
Natur umgestalten, er wollte an ihr arbeiten; er wurde ein Acker- 
bauer. Aus der Stille der weltfremden Gedankenwelt trat er hinaus 
und merkte an dem Widerstand, der sich ihm entgegenstellte, dafi 
doch nicht alles Maja sei, dafi neben der Welt des Geistes auch eine 
sehr reale Welt der Wirklichkeit existiere. Neben der Welt des Gei- 
stes fand er eine Welt, in der man arbeiten mufite. Es erwuchs in 
ihm allmahlich die Uberzeugung, dafi es zwei Welten gibt: eine 
Welt des guten Geistes, in die man sich vertiefen kann, und die ande- 
re Welt, die man bearbeiten mufi. Und dann sagte er sich: In der 
Welt des Geistes werde ich die Ideen und Begriffe finden, durch die 
ich die aufiere Wirklichkeit umwandeln werde, so dalS sie selbst ein 
Abbild des ewigen Geistes wird. 

So sah der Perser sich selbst in einen Kampf hineingestellt zwi- 
schen zwei Welten, und das gestaltete sich spater mehr und mehr 
um zu den beiden Machten Ormuzd, die Welt des guten Geistes, 
und Ahriman, die Welt, die umgestaltet werden mufi. Eines aber 
fehlte dem Perser noch: Die aufiere Welt stand ihm gegeniiber als 
ein Wesen, das er nicht verstand; er konnte keine Gesetze darin fin- 
den. Er merkte nicht, dafi das Geistige in der Natur zu finden ist; er 
empfand nur den Widerstand bei seiner Arbeit. 

Diese Weltgesetze lernte die dritte Unterrasse kennen, die chal- 
daisch-assyrisch-babylonisch-agyptischen Volker, und spater die 
Semiten, die wie ein Zweig aus ihnen hervorgingen. Sie sahen empor 
zum Sternenhimmel, sie beobachteten den Gang der Gestirne und 
ihren Einflufi auf das menschliche Leben und ersannen danach eine 
Wissenschaft, durch die sie die Bewegung und den Einflufi der Ge- 
stirne begreifen konnten. Sie verbanden Himmel und Erde mitein- 
ander. Wir konnen den Charakter dieser dritten Unterrasse an 
einem Beispiel betrachten. Der Agypter sagte sich: Der Nil 
uberschwemmt zu einer bestimmten Zeit das Land und macht es 



fruchtbar. Das geschieht stets beim Aufgang eines bestimmten 
Sternbildes, des Sirius. - Und nun beobachteten die Agypter die 
Zeit der Uberschwemmungen. Das Sternbild, das dann am Himmel 
stand, brachten sie mit der Tatigkeit des Nils in Zusammenhang. 
Sie beobachteten ferner den Stand der Sonne beim Kommen und 
Fortwandern gewisser Vogel, das Auf- und Niedergehen der Sterne 
und ihre Beziehungen zueinander und zur Menschheit und bil- 
deten so eine Wissenschaft aus. Es wurde ihnen offenbar, da$ 
groEe Weisheit in alien Naturvorgangen herrsche, da£ alles nach 
groften Gesetzen geschehe, die sie zu durchdringen suchten. Vor 
allem waren es die alten chaldaischen Priester, die Vertreter einer 
tiefen Weisheit waren. Die Naturgesetze waren ihnen aber keine 
abstrakten Gesetze. Sie sahen in den Sternen keine physischen 
Weltkugeln, sie sahen jeden Planeten beseelt durch eine Wesenheit, 
deren Korper der Planet war. Ganz konkret stellten sie sich 
hinter jedem Sternbild die belebende Gottheit vor. So spiirte der 
Agypter, der Chaldaer, dafi er im Schofie der Welt der Geister als 
Geist unter Geistern eingeschlossen war; er sah weisheitserfullte 
Materie. 

Sie sehen, die Menschheit war allmahlich dahin gelangt, auf dem 
Wege der Wissenschaft wieder die Weisheit in der aufieren Natur zu 
erkennen, zu erneuern, was dem alten Atlantier als ein naturliches 
hellseherisches Wissen eignete. 

Die vierte Unterrasse, die griechisch-romische Kultur, wurde 
nicht direkt von dem Manu beeinflufit, stand aber unter dem Ein- 
flufi der anderen Kulturen. Sie hatte wiederum eine andere Mission: 
die Kunst. Nach und nach hatte der Mensch den Weg zur Vergeisti- 
gung der Natur gefunden. Der Grieche ging weiter als der Agypter; 
er nahm nicht die fertigen Naturbilder, sondern er nahm die unge- 
formte Materie, den Marmor, und driickte ihm seinen eigenen Stem- 
pel auf. Er formte sich selbst den Zeus und die anderen Gotter. Die 
dritte Unterrasse suchte den Geist in der Aufienwelt; die vierte Un- 
terrasse pragte ihr den Geist selbst ein. Die Kunst, das Einzaubern 
des Geistes in die Materie, war der griechisch-lateinischen Rasse 
vorbehalten. 



Der Agypter studierte den Gang der Sterne und richtete danach 
die Staatenbildung ein auf Jahrhunderte hinaus. Der Grieche pragte 
das, was er aus seinem Innern nahm, der aufleren menschlichen Ge- 
meinschaft ein, den Stadten Sparta, Kolchis und so weiter. Der Romer 
ging noch weiter, er formte nicht nur Stein und Erz, sondern auch 
das ganze grofie Gemeinwesen der Menschen nach seinem Geiste um. 

Die Germanen und Angelsachsen, die fiinfte Unterrasse, gehen 
noch viel weiter in bezug auf die Formung der Aufienwelt. Diese 
Unterrasse, der wir selbst angehoren, pragt der Materie nicht nur 
ein, was im Menschen lebt, sondern sie pragt die Naturgesetze selbst 
der Materie ein. Sie entdeckt die gottlichen Weltengesetze, die Ge- 
setze der Schwerkraft, des Lichtes, der Warme, des Dampfes, der 
Elektrizitat und gestaltet mit ihrer Hilfe die ganze Sinnenwelt um. 
Ihre Mission ist, nicht nur die im Menschen schlummernden Geset- 
ze, sondern die die ganze Welt durchflutenden Gesetze zu studieren 
und sie der Aufienwelt aufzudriicken. Dadurch ist die ganze 
Menschheit materieller, ja materialistisch geworden; es konnte kein 
Zeus entstehen, sondern - die Dampfmaschine, Telegraf, Telefon 
und so weiter. 

Auf uns wird eine andere Rasse folgen, die wiederum den Weg 
zuriick finden wird. In unserer Rasse ist der Mensch auf dem Hohe- 
punkt der Umgestaltung der physischen Welt angelangt. Wir sind 
am weitesten heruntergestiegen auf den physischen Plan, bis zum 
Aufiersten sind wir gekommen in der Eroberung des physischen 
Planes. 

Das war die Aufgabe der nachatlantischen Menschheit. Der Inder 
hatte sich abgewandt vom Physischen. Der Perser erkannte es als 
Masse, die ihm Widerstand entgegensetzte. Die Chaldaer, Babylo- 
nier, Agypter erkannten die Weisheit der Natur. Die Griechen und 
Romer eroberten von innen aus den physischen Plan weiter, und 
erst unsere Menschheitskultur ist so weit vorangeschritten, daft sie 
die Naturgesetze dem physischen Plan einverleibt. Und nun wird 
die Menschheit wieder spiritueller werden. 

Gewaltig, sinnvoll ist der Gang der Menschheitsentwickelung. 
Jede Menschengruppe hat ihre Aufgabe. Was in der dritten und vier- 



ten Unterrasse noch in Mythen und Sagen fortlebt, die Erinnerung 
an die Urzeit, an die Gotterwelt, unsere Menschheit hat nichts mehr 
davon, sie hat nur noch die physische Welt. Mit dem Heraustreten 
auf den physischen Plan hat die Menschheit den Zusammenhang 
mit der Gotterwelt verloren; nur noch die physische Welt ist fur 
sie vorhanden. 

Der Theosoph ist kein Reaktionar, er weifi, dafi die materielle 
Zeit eine Notwendigkeit war. Geradeso wie die Tiere nach ihrer 
Einwanderung in finstere Hohlen zwar andere Organe machtig aus- 
bildeten, die Sehorgane aber riickbildeten, so geschieht es iiberall in 
der geistigen und sinnlichen Welt: Wo eine Fahigkeit sich ent- 
wickelt, mufi eine andere zurticktreten. Die hellseherische Gabe und 
die Kraft der Erinnerung mufiten zurticktreten, damit das physische 
Sehen sich ausbilden konnte. Als der Mensch lernte, die auftere Welt 
durch Naturgesetze zu beherrschen, mulke er die geistige Sehkraft 
einbiifien. 

Wie ganz anders sah man friiher! Kopernikus zum Beispiel hat die 
Menschheit von dem alten Irrtum abgebracht, dafi die Erde stillste- 
he. Er lehrte, es sei ein Irrtum, anzunehmen, da$ die Sonne sich um 
die Erde drehe. Kepler und Galilei bildeten diese Lehre weiter aus. 
Und doch haben beide, Kopernikus und Ptolemkos, recht; es kommt 
nur auf den Standpunkt an, von dem aus man die Sonne und die 
Erde betrachtet. Sieht man unser Sonnensystem nicht vom physi- 
schen, sondern vom astralen Plan aus, so ist das Ptolemaische System 
das richtige. Da steht die Erde im Mittelpunkt, und es verhalt sich 
so, wie es die alte Welt beschrieben hat. Man braucht sich ja nur zu 
erinnern, dafi auf dem Astralplan alles umgekehrt erscheint. Das 
Ptolemaische System gilt also fur den astralen, das Kopernikanische 
fur den physischen Plan. In Zukunft wird noch ein ganz anderes 
Weltbild kommen. Gewohnlich wird blofi betont, dafi Kopernikus 
zwei Dinge gelehrt habe: dafi die Erde sich um ihre Achse bewege 
und dafi sich die Erde um die Sonne bewege. Man beachtet es gar 
nicht, dafi er noch eine andere Bewegung gelehrt hat, dafi namlich 
das ganze System sich in einer Spirale fortbewegt. Das bleibt liegen, 
bis die Menschheit in der Zukunft einmal darauf zuruckkommen 



wird. Kopernikus stand an der Grenze und hatte das alte noch in 
starker Weise an sich. 

Es gibt keine absolute Wahrheit; jede Wahrheit hat ihre Mission 
in einer bestimmten Zeit. Und wenn wir heute von Theosophie 
sprechen, so wissen wir, dafi, wenn wir wiedergeboren werden, wir 
etwas anderes horen werden und in ganz anderer Weise zueinander 
stehen werden. 

Blicken wir zuriick in Zeiten, da wir vielleicht schon einmal zu- 
sammengewesen sind in irgendeiner Gegend des nordlichen Europa, 
wo Menschen sich um den Druidenpriester sammelten, der ihnen 
die Wahrheit in Form von Mythen und Sagen erzahlte. Hatten wir 
nicht zugehort und hatte er nicht unsere Seelen geformt, so wiirden 
wir nicht verstehen, was uns heute die Theosophie in anderer Form 
als Wahrheit wiederbringt. Und wenn wir wiederkommen werden, 
wird in anderer Form gesprochen werden, in einer hoheren Form. 
Die Wahrheit entwickelt sich wie alles andere in der Welt. Sie ist die 
Form des gottlichen Geistes, der gottliche Geist aber hat viele For- 
men. Durchdringen wir uns mit diesem Charakter der Wahrheit, 
dann werden wir ein ganz anderes Verhaltnis zu ihr gewinnen. Wir 
werden uns sagen: Zwar leben wir in der Wahrheit, aber sie kann 
die verschiedensten Formen haben. - Wir werden dann auch zu der 
gegenwartigen Menschheit in einer ganz anderen Weise hinschauen. 
Wir werden nicht sagen, dafi wir die absolute Wahrheit haben, son- 
dern wir werden sagen: Diese Menschenbruder stehen jetzt auf einem 
Standpunkte, auf dem wir auch einmal gestanden haben. - Wir haben 
die Verpflichtung, auf das, was der andere sagt, einzugehen; wir 
brauchen ihm nur klarzumachen, dafi wir ihn schatzen auf der Stufe 
der Wahrheit, auf der er steht. Ein jeder hat zu lernen, und so werden 
wir tolerant gegen eine jede Form der Wahrheit. So lernen wir alles 
verstehen; wir kampfen nicht gegen die Menschen, sondern suchen 
mit ihnen zu leben. Die neuere Menschheit hat die Freiheit der Per- 
sonlichkeit herausgebildet. Die Theosophie wird aus dieser Grundan- 
schauung \iber die Wahrheit eine innere Toleranz der Seele ausbilden. 

Die Liebe steht hoher als die Meinung. Die verschiedensten Mei- 
nungen vertragen sich, wenn sich die Menschen lieben. Deshalb hat 



es einen tiefen Sinn, dafi in der theosophischen Weltanschauung kei- 
ne Religion angegriffen und keine besonders herausgestellt wird, 
sondern alle werden verstanden, und es kann sich ein Bruderbund 
entwickeln, weil sich die Mitglieder der verschiedensten Religionen 
verstehen. 

Das aber ist eine der wichtigsten Aufgaben der Menschheit heute 
und in der Zukunft: dieses Mit-den-andern-Leben, dieses Einander- 
verstehen. Und solange diese menschliche Gemeinschaftsstimmung 
sich nicht entwickelt, kann von einer okkulten Entwickelung nicht 
die Rede sein. 



ZWOLFTER VORTRAG 
Stuttgart, 2. September 1906 



Aus den gestrigen Ausfiihrungen iiber das Entwickeln einer mensch- 
lichen Gemeinschaftsstimmung werden Sie ersehen haben, wie 
wichtig es ist, die Riicksicht auf das eigene Ich zu iiberwinden, wenn 
es sich darum handelt, tiefer in die geistige Welt einzudringen. Fiir 
den Anfanger, der eine okkulte Entwickelung anstrebt, ist die erste 
Grundbedingung: Er mufi sich jeder Art von Egoismus entledigen. 
Er darf zum Beispiel nicht sagen: Was hilft es mir, wenn andere mir 
von okkulten Dingen erzahlen und ich selbst es nicht sehen kann. - 
Das ist ein Mangel an Vertrauen. Es ist notwendig, dafi man Ver- 
trauen hat zu denjenigen, die schon einen gewissen Grad der Ent- 
wickelung erreicht haben. Die Menschen wirken miteinander, und 
wenn einer mehr erreicht hat, so hat er das nicht fiir sich erreicht, 
sondern fiir alle anderen, und diese sind dazu berufen, ihn anzuho- 
ren. Dadurch werden die eigenen Krafte erhoht, und diese Zuhorer 
werden gerade dadurch, dafi sie erst das Vertrauen haben, allmahlich 
selbst Wissende. Man darf nicht den zweiten Schritt vor dem ersten 
machen wollen. 

Nun gibt es drei okkulte Entwickelungswege: den orientali- 
schen, den christlich-gnostischen und den christlich-rosenkreuze- 
rischen oder einfach rosenkreuzerischen Weg. Sie unterscheiden 
sich vor allem in Beziehung auf die Hingebung des Schulers gegen- 
tiber dem Lehrer. Was geschieht iiberhaupt mit einem Menschen, 
der sich okkult entwickelt? Welches sind die Bedingungen zur 
okkulten Entwickelung? 

Um das zu schildern, betrachten wir einmal das Leben eines heu- 
tigen gewohnlichen Menschen. Das Leben eines solchen verlauft so, 
dafi er von friih bis spat seiner Arbeit und seinen taglichen Erfah- 
rungen nachgeht, dafi er seinen Verstand anwendet und seine aufie- 
ren Sinne gebraucht. Er lebt und arbeitet also in einem Zustand, den 
wir den Wachzustand nennen. Das ist aber nur ein Zustand; ein an- 
derer ist der, der zwischen Wachen und Schlafen liegt. Da ist der 



Mensch sich bewuftt, daft Bilder durch seine Seele ziehen, Traumbil- 
der. Sie beziehen sich nicht direkt auf die auftere Welt, auf die ge- 
wohnliche Wirklichkeit, sondern indirekt. Diesen Zustand konnen 
wir den Traumzustand nennen. Es ist sehr interessant zu studieren, 
wie dieser Zustand verlauft. Viele Menschen werden der Meinung 
sein, daft der Traum etwas ganz Sinnloses ist. Das ist nicht der Fall. 
Auch beim heutigen Menschen haben die Traume einen gewissen 
Sinn, nur nicht den Sinn, den die Erlebnisse im Wachzustande ha- 
ben. Im Wachen stimmt unsere Vorstellung immer mit bestimmten 
Sachen und Erlebnissen iiberein; beim Traum gestaltet sich das an- 
ders. Man kann zum Beispiel schlafen und traumen, daft man auf der 
Strafte Pferdegetrappel hort; man wacht auf und merkt, daft man das 
Ticken einer Uhr gehort hat, die man neben sich liegen hatte. Der 
Traum ist ein Symboliker, ein Sinnbildner, er driickte das Ticktack 
der Uhr sinnbildlich durch Pferdegetrappel aus. Man kann ganze 
Geschichten traumen. Ein Student zum Beispiel traumt von einem 
Duell mit alien vorangehenden Einzelheiten, von der Forderung auf 
Pistolen bis zum Krachen des Schusses, der ihn aufweckt. Da zeigt es 
sich, daft er den Stuhl, der neben seinem Bett stand, umgeworfen 
hatte. Ein anderes Beispiel: Eine Bauerin traumt vom Kirchgang. Sie 
tritt in die Kirche, der Priester spricht erhabene Worte, seine Arme 
bewegen sich; auf einmal werden seine Arme zu Fliigeln, und dann 
fangt der Geistliche plotzlich an zu krahen wie ein Hahn. Sie wacht 
auf, und drauften kraht der Hahn. 

Man sieht daraus, daft der Traum ganz andere Zeitverhaltnisse 
hat als das Tagesbewufttsein, denn bei den angefuhrten Traumen 
trat die eigentliche Ursache zeitlich als letztes Ereignis ein. Das 
riihrt davon her, daft ein solcher Traum, verglichen mit der physi- 
schen Wirklichkeit, in einem Augenblick durch die Seele schieftt 
und im Nu eine ganze Reihe von Vorstellungen erweckt; der 
Mensch verpflanzt dabei selbst die Zeit in den Traum hinein. Man 
mufi sich das in der folgenden Weise vorstellen: Indem der Aufwa- 
chende sich an alle Einzelheiten erinnert, dehnt er innerlich die Zeit 
selbst aus, so daft es ihm erscheint, als ob die Ereignisse in der 
entsprechenden Zeitlange abgelaufen waren. Ein kleines Geschehnis 



wird also im Traum oft zu einem langen dramatischen Vorgang. Hier 
konnen wir einen Einblick gewinnen, wie die Zeit im Astralen er- 
scheint. 

Auch innere Zustande konnen sich im Traum symbolisch dar- 
stellen, zum Beispiel ein Kopfschmerz: Der Mensch traumt, er sei in 
einem dumpfen Kellerloch mit Spinnweben. Ein Herzklopfen und 
eine innerliche Hitze wird als gliihender Ofen empfunden. Leute, 
die eine besondere innere Sensitivitat haben, konnen noch anderes 
erleben. Sie sehen sich zum Beispiel in einer ungliicklichen Lage im 
Traum. Da wirkt der Traum als Prophet; das ist dann ein Symbol 
dafiir, dafi eine Krankheit in ihnen steckt, die in einigen Tagen 
herauskommt. Ja, manche Menschen traumen sogar die Heilmittel 
gegen eine solche Krankheit. Kurz, eine ganz andere Art des Wahr- 
nehmens ist in diesen Traumzustanden vorhanden. 

Der dritte Zustand des Menschen ist der traumlose Schlafzu- 
stand, wo nichts in der Seele aufsteigt, wo der Mensch bewufklos 
schlaft. Wenn nun durch die innere Entwickelung der Mensch be- 
ginnt, die hoheren Welten wahrzunehmen, so kiindigt sich das zu- 
erst in seinem Traumzustand an, und zwar dadurch, dafi die Traume 
regelmafiiger werden und sinnvoller sind als vorher. Vor alien Din- 
gen gewinnt der Mensch Erkenntnisse durch seine Traume; er mufi 
nur recht auf sie achtgeben. Spater bemerkt er dann, dafi die Traume 
haufiger werden, bis er meint, die ganze Nacht hindurch getraumt 
zu haben. Ebenso kann er beobachten, dafi die Traume sich mit 
Dingen verbinden, die es in der Aufienwelt gar nicht gibt, die man 
physisch gar nicht erleben kann. Er merkt, dafi in den Traumen ihm 
jetzt nicht mehr blofie Dinge erscheinen, die entweder aufierlich auf 
ihn einwirken oder Zustande versinnbildlichen, wie sie oben ge- 
schildert wurden, sondern er erlebt, wie gesagt, Bilder von Dingen, 
die in der sinnenfalligen Wirklichkeit gar nicht existieren, und er 
merkt dann, dafi ihm die Traume etwas Bedeutungs voiles sagen. 
Zum Beispiel kann es in der folgenden Weise anfangen: Er traumt, 
ein Freund befinde sich in Feuersgefahr, und er sieht, wie er in die 
Gefahr hineinriickt. Am nachsten Tag erfahrt er, dafi dieser Freund 
in der Nacht krank geworden ist. Er hat nicht gesehen, dafi der 



Freund krank geworden ist, aber ein Sinnbild dafiir hat er geschaut. 
So konnen auch von den hoheren Welten Einfliisse auf die Traume 
erfolgen, so daft man etwas erfahrt, was es gar nicht in der physi- 
schen Welt gibt; da gehen Eindriicke von den hoheren Welten in 
den Traum iiber. Das ist ein sehr wichtiger Ubergang zur hoheren 
okkulten Entwickelung. 

Nun kann da jemand einwenden: Das ist ja alles nur getraumt, 
wie kann man darauf etwas geben? - Das ist nicht richtig. Nehmen 
wir folgendes Beispiel an: es hatte Edison einmal getraumt, wie man 
eine Gliihlampe macht; er hatte sich dann dieses Traumes erinnert 
und wirklich dem Traum gemaft eine Gliihlampe angefertigt, und 
nun ware jemand gekommen und hatte gesagt: Nichts ist es mit der 
Gliihlampe, das ist ja bloft getraumt! - Es handelt sich eben darum, 
ob das Getraumte Bedeutung hat fur das Leben, nicht darum, daft es 
getraumt ist. Vielfach werden nun solche Traumzustande gar nicht 
beachtet, weil man zuwenig aufmerksam ist. Das ist nicht gut. Gera- 
de auf solche subtile Sachen sollten wir unsere Aufmerksamkeit 
wenden; das bringt vorwarts. 

Spater tritt nun ein Zustand ein, wo sich dem Schiller das Wesen 
der Wirklichkeit im Traum enthiillt, und er kann dann die Traume 
an der Wirklichkeit priifen. Wenn er so weit ist, daft er nicht bloft 
im Schlaf, sondern auch bei Tag die ganze Bilderwelt vor sich hat, 
dann kann er mit dem Verstand zergliedern, ob das wahr ist, was er 
sieht. Man darf also nicht etwa die Traumbilder als eine Grundlage 
fur die Weisheit ansehen und benutzen, sondern man mu£ warten, 
bis sie sich in die Tageswelt hineindrangen. Wenn man sie bewufit 
kontrolliert, dann kommt auch bald der Zustand, wo der Schuler 
nicht nur sieht, was physisch vorhanden ist, wo er auch wirklich be- 
obachten kann, was am Menschen die Aura, die Seele ist, was astral 
an ihm ist. Man lernt dann verstehen, was die Formen und Farben 
im Astralleib bedeuten, welche Leidenschaften zum Beispiel sich 
darin ausdriicken. Man lernt allmahlich die seelische Welt sozusagen 
buchstabieren. Nur muft man sich stets dessen bewuftt sein, daft 
alles sinnbildlich ist. 

Man kann dagegen einwenden: Wenn man nur Sinnbilder sieht, 



dann kann ja ein Ereignis in alien moglichen Sinnbildern symboli- 
siert sein, und man kann sich gar nicht klar werden, dafi so ein Bild 
sich gerade auf etwas Bestimmtes bezieht. - Auf einer gewissen Stufe 
jedoch stellt sich eine Sache immer nur unter dem gleichen Bilde 
dar, gerade wie sich ein Gegenstand immer nur durch die gleiche 
Vorstellung ausdriickt. So driickt sich zum Beispiel Leidenschaft im- 
mer durch blitzartige rotliche Farben aus. Man mufi nur lernen, die 
Bilder auf das Richtige zu beziehen. Man erkennt an dem Bild den 
Seelenzustand. 

Nun begreifen Sie, warum in alien Religionsbuchern fast durch- 
weg in Bildern gesprochen wird. Da wird die Weisheit zum Beispiel 
Licht genannt. Der Grund dafiir ist, dafi dem okkult Entwickelten 
die Weisheit des Menschen und der anderen Wesen immer als ein 
astrales Licht erscheint. Leidenschaften erscheinen als Feuer. Die re- 
ligiosen Urkunden teilen Dinge mit, die sich nicht nur auf dem phy- 
sischen Plan abspielen, sondern auch Geschehnisse auf hoheren Pla- 
nen. Diese Urkunden riihren samtlich von Hellsehern her und be- 
ziehen sich auf hohere Welten; deshalb miissen sie zu uns in Bildern 
sprechen. Alles, was aus der Akasha-Chronik erzahlt worden ist, 
wurde deshalb auch in solchen Bildern dargestellt. 

Der nachste Zustand, den der Schiiler erlebt, ist der, den man als 
Kontinuitat des Bewufkseins bezeichnet. Wenn der gewohnliche 
Mensch im Schlaf der sinnlichen Welt ganz entriickt ist, ist er be- 
wufStlos. Bei einem Schiiler ist das nicht mehr der Fall, wenn er die 
vorgenannte Stufe erreicht hat. Ununterbrochen, Tag und Nacht 
lebt der Schiiler in vollem, klarem Bewufitsein, auch wenn der phy- 
sische Leib ruht. Nach einiger Zeit kiindigt sich der Eintritt in einen 
neuen, bestimmten Zustand dadurch an, dafi zu dem Tagesbewufk- 
sein, zu den Bildern Tone und Worte hinzutreten. Die Bilder reden 
und sagen ihm etwas; sie reden eine ihm verstandliche Sprache. Sie 
sagen, was sie sind; da ist dann iiberhaupt keine Tauschung mehr 
moglich. Das ist das devachanische Tonen und Sprechen, die Spha- 
renmusik. Ein jedes Ding spricht dann seinen eigenen Namen aus 
und sein Verhaltnis zu den anderen Dingen. Das kommt dann zum 
astralischen Schauen hinzu, und das ist der Eintritt des Hellsehers in 



Devachan. Hat der Mensch diesen devachanischen Zustand erlangt, 
dann fangen die Lotusblumen, die Chakrams oder Rader, an gewis- 
sen Stellen im Astralleib an, sich wie der Zeiger einer Uhr von links 
nach rechts zu drehen. Sie sind die Sinnesorgane des Astralleibes, 
aber ihr Wahrnehmen ist ein aktives. Das Auge zum Beispiel ist in 
Ruhe, es lafit das Licht in sich hereinkommen und nimmt es dann 
wahr. Dagegen nehmen die Lotusblumen erst dann wahr, wenn sie 
sich bewegen, wenn sie einen Gegenstand umfassen. Durch das 
Drehen der Lotusblumen werden Schwingungen in der Astralmate- 
rie erregt, und so entsteht die Wahrnehmung auf dem Astralplan. 

Welches sind nun die Krafte, welche die Lotusblumen ausbilden? 
Woher kommen diese Krafte? Wir wissen, dafi wahrend des Schlafes 
die verbrauchten Krafte des physischen und atherischen Korpers 
von dem Astralleibe wieder ersetzt werden; durch seine Regelmafiig- 
keit kann er im Schlafe Unregelmafiigkeiten des physischen und 
atherischen Leibes ausgleichen. Diese Krafte aber, welche zur Uber- 
windung der Ermudung verwendet werden, sind es, die die Lotus- 
blumen ausbilden. Ein Mensch, der seine okkulte Entwickelung an- 
fangt, entzieht also dadurch eigentlich seinem physischen und athe- 
rischen Leibe Krafte. Wiirden diese Krafte dauernd dem physischen 
Leibe entzogen werden, so miifke der Mensch erkranken, ja, es wiir- 
de sogar eine vollige Erschopfung eintreten. Will er sich also phy- 
sisch und moralisch nicht schadigen, so mufi er diese Krafte durch 
etwas anderes ersetzen. 

Man muS eingedenk sein einer allgemeinen Weltregel: Rhyth- 
mus ersetzt Kraft! Das ist ein wichtiger okkulter Grundsatz. Heute 
lebt der Mensch hdchst unregelmafiig, namentlich im Vorstellen 
und Handeln. Ein Mensch, der blofi die zerstreuende Aufienwelt auf 
sich einwirken liefie und mitmachen wtirde, konnte dieser Gefahr, 
in die sein physischer Leib durch die okkulte Entwickelung wegen 
der Kraftentziehung gestiirzt wird, nicht entgehen. Deshalb mufi 
der Mensch daran arbeiten, dafi Rhythmus in sein Leben hinein- 
kommt. Naturlich kann er es nicht so einrichten, daf$ ein Tag wie 
der andere veriauft. Aber eines kann er tun: Gewisse Tatigkeiten 
kann er ganz regelmafiig ausfuhren, und das mufi nun derjenige tun, 



der eine okkulte Entwickelung durchmacht. So zum Beispiel sollte 
er jeden Morgen Meditations- und Konzentrationsiibungen zu einer 
von ihm selbst festgesetzten Zeit verrichten. Rhythmus kommt 
auch durch eine Abendriickschau iiber den Tag in sein Leben hin- 
ein. Kann man dann noch andere Regelmafiigkeiten einfiihren, so ist 
dies um so besser, denn so lauft alles sozusagen im Sinne der Weltge- 
setze ab. Das ganze Weltensystem verlauft ja rhythmisch. Alles in 
der Natur ist Rhythmus: der Gang der Sonne, der Verlauf der Jah- 
reszeiten, von Tag und Nacht und so weiter. Die Pflanzen wachsen 
rhythmisch. Allerdings, je hoher wir steigen, desto weniger pragt 
sich der Rhythmus aus, aber selbst bei den Tieren kann man noch 
einen gewissen Rhythmus wahrnehmen. Das Tier begattet sich zum 
Beispiel noch zu regelmafiigen Zeiten. Nur der Mensch kommt in 
ein unrhythmisches, chaotisches Leben hinein: Die Natur hat ihn 
entlassen. 

Dieses chaotische Leben mufi er nun ganz bewufit wiederum 
rhythmisch gestalten, und um das zu erreichen, werden ihm be- 
stimmte Mittel an die Hand gegeben, durch die er Harmonie und 
Rhythmus in seinen physischen und atherischen Leib hineinbringen 
kann. Nach und nach werden diese in regelmafiige Schwingungen 
versetzt, so dafi sie sich auch beim Heraustreten des Astralleibes 
selbst korrigieren. Wenn sie bei Tage auch aus dem Rhythmus her- 
ausgetrieben waren, so drangen sie in der Ruhe von selbst wieder in 
die richtige Bewegung. 

Diese Mittel bestehen in den folgenden sechs Ubungen, die 
neben der Meditation ausgefuhrt werden miissen: 

Gedankenkontrolle. Sie besteht darin, dafi man wenigstens fur 
kurze Zeiten des Tages nicht alles mogliche durch die Seele irrlichte- 
lieren lafit, sondern einmal Ruhe in seinem Gedankenlaufe eintreten 
lafk. Man denkt an einen bestimmten Begriff, stellt diesen Begriff in 
den Mittelpunkt seines Gedankenlebens und reiht hierauf selbst alle 
Gedanken logisch so aneinander, dafi sie sich an diesen Begriff an- 
lehnen. Und wenn das auch nur eine Minute geschieht, so ist es 
schon von grofier Bedeutung fur den Rhythmus des physischen und 
Atherleibes. 



Initiative des Handelns, das heifit, man mufi sich zwingen zu 
wenn auch unbedeutenden, aber aus eigener Initiative entsprunge- 
nen Handlungen, zu selbst auferlegten Pflichten. Die meisten Ursa- 
chen des Handelns liegen in Familienverhaltnissen, in der Erzie- 
hung, im Berufe und so weiter. Bedenken Sie nur, wie wenig eigent- 
lich aus der eigenen Initiative hervorgeht! Nun mufi man also kurze 
Zeit darauf verwenden, Handlungen aus der eigenen Initiative her- 
vorgehen zu lassen. Das brauchen durchaus nicht wichtige Dinge zu 
sein; ganz unbedeutende Handlungen erfiillen denselben Zweck. 

Gelassenheit. Das dritte, um was es sich handelt, kann man nen- 
nen Gelassenheit. Da lernt man den Zustand des Hin- und Her- 
schwankens zwischen «himmelhoch jauchzend» und «zum Tode be- 
trubt» regulieren. Wer das nicht will, weil er glaubt, dafi dadurch sei- 
ne Ursprunglichkeit im Handeln oder sein kiinstlerisches Empfin- 
den verlorengehe, der kann eben keine okkulte Entwickelung 
durchmachen. Gelassenheit heifit, Herr sein gegeniiber der hochsten 
Lust und dem tiefsten Schmerz. Ja, man wird fiir die Freuden und 
Leiden in der Welt erst dann richtig empfanglich, wenn man sich 
nicht mehr verliert im Schmerz und in der Lust, wenn man nicht 
mehr egoistisch darin aufgeht. Die grofiten Kunstler haben gerade 
durch diese Gelassenheit am meisten erreicht, weil sie sich dadurch 
die Seele aufgeschlossen haben fiir subtile und innere wichtige 
Dinge. 

Unbefangenheit. Das vierte ist, was man als Unbefangenheit be- 
zeichnen kann. Das ist diejenige Eigenschaft, die in alien Dingen das 
Gute sieht. Sie geht iiberall auf das Positive in den Dingen los. Als 
Beispiel konnen wir am besten eine persische Legende anfuhren, die 
sich an den Christus Jesus kniipft: Der Christus Jesus sah einmal ei- 
nen krepierten Hund am Wege liegen. Jesus blieb stehen und be- 
trachtete das Tier, die Umstehenden aber wandten sich voll Ab- 
scheu weg ob solchen Anblicks. Da sagte der Christus Jesus: Oh, 
welch wunderschone Zahne hat das Tier! - Er sah nicht das Schlech- 
te, das Hafiliche, sondern fand selbst an diesem eklen Kadaver noch 
etwas Schones, die weifien Zahne. Sind wir in dieser Stimmung, 
dann suchen wir in alien Dingen die positiven Eigenschaften, das 



Gute, und wir konnen es iiberall finden. Das wirkt in ganz machti- 
ger Weise auf den physischen und Atherleib ein. 

Glaube. Das nachste ist der Glaube. Glauben driickt im okkulten 
Sinne etwas anderes aus, als was man in der gewohnlichen Sprache 
darunter versteht. Man soil sich niemals, wenn man in okkulter Ent- 
wickelung ist, in seinem Urteil durch seine Vergangenheit die Zu- 
kunft bestimmen lassen. Bei der okkulten Entwickelung mufi man 
unter Umstanden alles aufier acht lassen, was man bisher erlebt hat, 
um jedem neuen Erleben mit glaubiger Stimmung gegenuberstehen 
zu konnen. Das mufi der Okkultist bewufit durchfuhren. Wenn 
einer zum Beispiel kommt und sagt: Der Turm der Kirche stent 
schief, er hat sich um 45 Grad geneigt - so wiirde jeder sagen: Das 
kann nicht sein. - Der Okkultist mufi sich aber noch ein Hintertiir- 
chen of fen lassen. Ja, er mufi so weit gehen, dafi er jedes in der Welt 
Erfolgende, was ihm entgegentritt, glauben kann, sonst verlegt er 
sich den Weg zu neuen Erfahrungen. Man mufi sich frei machen fur 
neue Erfahrungen; dadurch werden der physische und der Atherleib 
in eine Stimmung versetzt, die sich vergleichen la'fit mit der wolliisti- 
gen Stimmung eines Tierwesens, das ein anderes ausbniten will. 

Inneres Gleichgewicht. Und dann folgt als nachste Eigenschaft 
inneres Gleichgewicht. Es bildet sich durch die fiinf anderen Eigen- 
schaften nach und nach ganz von selbst heraus. Auf diese sechs Ei- 
genschaften mufi der Mensch bedacht sein. Er mufi sein Leben in die 
Hand nehmen und langsam fortschreiten im Sinne des Wortes: 
Steter Tropfen hohlt den Stein. 

Eignet sich nun ein Mensch durch irgendwelche magischen 
Kunstgriffe hohere Krafte an, ohne dies zu beriicksichtigen, so ist er 
in einer iiblen Lage. Im jetzigen Leben ist das Geistige und Leibliche 
so durcheinandergemischt, wie etwa in einem Glase eine blaue und 
eine gelbe Fliissigkeit. Mit der okkulten Entwickelung beginnt nun 
etwas, was dem Vorgange ahnelt, wenn der Chemiker diese beiden 
Fliissigkeiten trennt. Ahnlich wird Seelisches und Leibliches ge- 
schieden. Damit verliert der Mensch aber die Wohltaten dieser Mi- 
schung. Der gewohnliche Mensch ist dadurch, dafi die Seele im phy- 
sischen Leib steckt, keinen Leidenschaften unterworfen, die allzu 



grotesk sind. Durch diese Trennung aber kann es nun vorkommen, 
dafi der physische Leib sich selbst uberlassen wird mit seinen Eigen- 
schaften, und das kann zu allerlei Exzessen fiihren. So kann es vor- 
kommen bei einem Menschen, der in okkulter Entwickelung begrif- 
fen ist, wenn er nicht darauf achtet, moralische Eigenschaften zu 
fordern, dafi dann tatsachlich schlechte Eigenschaften zutage treten, 
die sich sonst nicht gezeigt haben wiirden. Er wird plotzlich liigne- 
risch, jahzornig, rachsiichtig; alle moglichen Eigenschaften, die vor- 
her gemildert waren, treten krafi heraus. Ja, das kann schon vor- 
kommen, wenn sich jemand ohne moralische Entwickelung zuviel 
mit den Weisheitslehren der Theosophie beschaftigt. 

Wir haben gesehen, dafi der Mensch zunachst durch die Stuf e des 
Schauens durchgeht und dann erst auf die Stufe des geistigen Horens 
kommt. Wahrend man nun auf der Stufe des Schauens ist, mufi man 
nattirlich zuerst lernen, wie die Bilder sich zu den Gegenstanden ver- 
halten. Man wiirde in das sturmische Meer astraler Erlebnisse hin- 
eingedrangt, wenn man sich ihm ohne weiteres uberliefie. Deshalb 
braucht man einen Fiihrer, der einem beim Eintritt sagt, wie die 
Dinge zusammenhangen und wie man sich da zurechtfindet. Darauf 
griindet sich die Notwendigkeit, dafi man sich streng auf den Guru 
verlaftt. Nach dieser Richtung unterscheidet man drei verschiedene 
Entwickelungen: 

Die orientalische, die man auch die Yoga-Entwickelung nennt, ist 
eine solche, in der ein einzelner, auf dem physischen Plan lebender 
eingeweihter Mensch der Fiihrer, der Guru eines andern ist und 
dieser sich vollstandig und auch in alien Einzelheiten auf den Guru 
verlaik. Das erreicht man am besten, wenn man fur die Zeit der 
Entwickelung sein eigenes Selbst ganz ausschaltet und es dem Guru 
hingibt. Der Guru mufi sogar Rat erteilen bei der Initiative des 
Handelns. Fur ein solches restloses Aufgehen des eigenen Selbstes 
ist die indische Natur geeignet; die europaische Kultur laik eine 
derartige Hingabe gar nicht zu. 

Die christliche Entwickelung setzt an Stelle des einzelnen Guru 
den einen grofien Fiihrer der Menschheit, den Christus Jesus selbst. 
Das Gefuhl der Zusammengehorigkeit zu diesem Christus Jesus, das 



Einssein mit ihm, kann die Hingabe an einen einzelnen Guru erset- 
zen. Aber man mufi durch einen irdischen Lehrer erst zu ihm hinge- 
fiihrt werden. Auch da ist man in gewisser Weise abhangig von dem 
Lehrer, dem Guru auf dem physischen Plane. 

Am unabhangigsten ist man bei der rosenkreuzerischen Schu- 
lung. Der Guru ist da nicht mehr der Fiihrer, er ist der Ratgeber. Er 
ist derjenige, der einem Anweisungen gibt, was man innerlich tun 
soil. Zugleich sorgt er auch dafur, daft parallel mit der okkulten 
Schulung eine entschiedene Schulung des Denkens geht, ohne die 
man eine solche okkulte Schulung nicht durchmachen kann. Das 
kommt daher, dafi das Denken eine Eigenschaft hat, die die anderen 
Dinge nicht haben. Sind wir zum Beispiel auf dem physischen Pla- 
ne, dann nehmen wir mit den physischen Sinnen wahr, was sich auf 
dem physischen Plane befindet, nichts anderes. Auf dem Astralplan 
gelten die astralen Wahrnehmungen, und das devachanische Horen 
gilt nur im Devachan; kurz, jeder Plan hat seine eigenen Wahrneh- 
mungen. Eines aber zieht sich durch alle Welten hindurch, und das 
ist das logische Denken. Die Logik ist dieselbe auf alien drei Planen. 
So kann man auf dem physischen Plane etwas lernen, was auch fur 
die hoheren Plane Gultigkeit hat, und diese Methode beobachtet die 
rosenkreuzerische Entwickelung, indem sie auf dem physischen 
Plan das Denken vorzugsweise schult mit den Mitteln des physi- 
schen Planes. Ein eindringliches Denken wird schon ausgebildet 
durch das Lernen theosophischer Wahrheiten oder auch durch di- 
rekte Denkubungen. Will man den Intellekt noch mehr schulen, 
dann kann man Bucher studieren, wie «Die Philosophic der Frei- 
heit», «Wahrheit und Wissenschaft», die mit Absicht so geschrieben 
sind, dafi ein durch sie geschultes Denken sich absolut sicher auf den 
hochsten Planen bewegen kann. Es konnte sogar jemand, der diese 
Schriften studiert und gar nichts von Theosophie wiifite, sich da- 
durch in den hoheren Welten orientieren. Aber wie gesagt, auch die 
theosophischen Lehren wirken in derselben Weise. Das ist das Sy- 
stem der Rosenkreuzerschulung. Im eigenen scharfen Denken hat 
man den wahrsten inneren Fiihrer. Da ist dann der Guru nur noch 
der Freund des Schulers, der Ratschlage gibt, denn den besten Guru 



erzieht man in sich selbst in der eigenen Vernunft. Man braucht 
natiirlich den Guru auch hier, weil er die Ratschlage geben mufi, 
wie man selbst zur freien Entwickelung kommt. 

In der europaischen Bevolkerung ist der christliche Weg der ge- 
eignete fur diejenigen, die mehr das Gefiihl ausgebildet haben. Dieje- 
nigen, die sich von der Kirche mehr oder wemger losgesagt haben, 
die mehr auf dem Boden der Wissenschaft stehen und wegen der 
Wissenschaft in Zweifel gekommen sind, gehen am besten den rosen- 
kreuzerischen Weg. 



DREI2EHNTER VORTRAG 
Stuttgart, 3. September 1906 



Gestern haben wir damit geschlossen, dafi wir die drei Methoden 
der okkulten Entwickelung in ihren wesentlichen Ziigen skizzier- 
ten: die orientalische, die christliche und die sogenannte rosenkreu- 
zerische Schulung. Heute nun wollen wir damit beginnen, etwas na- 
her auf die Einzelheiten einzugehen, die das Charakteristische jedes 
dieser drei Wege ausmachen. 

Vorher jedoch mochte ich noch bemerken, daft in keiner okkul- 
ten Schule die Sache so aufzufassen ist, als ob das, was gesagt und ge- 
fordert wird, irgendwie als ein sittliches Gebot fur die ganze 
Menschheit gelten konnte. Das ist durchaus nicht der Fall; nur fur 
denjenigen, der sich wirklich einer solchen okkulten Entwickelung 
widmen will, gelten diese Forderungen. Man kann beispielsweise ein 
sehr guter Christ sein und das, was die christliche Religion fur den 
Laien empfiehlt, ganz erfullen, ohne eine christliche okkulte Schu- 
lung durchzumachen. Wenn zum Beispiel jemand sagt: Man kann 
doch auch ohne okkulte Schulung ein guter Mensch sein und zu ei- 
ner Art hoherem Leben kommen -, so ist dagegen nichts einzuwen- 
den; das ist selbstverstandlich. 

Ich sagte Ihnen schon, daft innerhalb der orientalischen Schulung 
eine strenge Unterwerfung unter den Guru stattfindet. Ich will Ih- 
nen nun die Art der Anweisung, die der Lehrer innerhalb einer 
orientalischen Schulung gibt, angeben. Man kann begreiflicherweise 
offentlich keine Anweisungen geben, sondern nur den Weg charak- 
terisieren. Diejenigen Dinge, die als Anweisungen von dem Lehrer 
gegeben werden, kann man in acht Gruppen einteilen: 



1. Yama 

2. Niyama 

3. Asanam 

4. Pranayama 



5. Pratyahara 

6. Dharana 

7. Dhyanam 

8. Samadhi 



1. Yama schlieik alles ein, was wir die Unterlassungen nennen, 
welche dem obliegen, der eine Yoga-Schulung durchmachen will; 
und das wird naher ausgedriickt in den Geboten: «Nicht liigen - 
Nicht toten - Nicht stehlen - Nicht ausschweifen - Nicht begehren.» 

Die Forderung «Nicht toten» ist eine sehr strenge und bezieht 
sich auf alle Wesen. Kein lebendes Wesen darf getotet oder auch nur 
beeintrachtigt werden, und je strenger dies befolgt wird, desto wei- 
ter fuhrt es. Etwas anderes ist es, ob man dies auch in unserer Kultur 
durchfiihren kann. Jedes Toten, auch das einer Wanze, beeintrach- 
tigt die okkulte Entwickelung. Ob es einer aber doch tun mufi, das 
ist eine andere Frage. 

«Nicht liigen» ist eine Forderung, die Ihnen schon verstand- 
licher sein wird aus dem, was ich Ihnen iiber den Astralplan gesagt 
habe. Auf dem Astralplan ist liigen dasselbe wie toten, ist jede Luge 
ein Mord; also fallt es eigentlich in dasselbe Kapitel wie toten. 

«Nicht stehlen», auch das muli im strengsten Sinne durchgefuhrt 
werden. Der Europaer wird sagen: Wir stehlen nicht. - Aber der 
orientalische Yogi versteht die Sache nicht so einfach. In den Gebie- 
ten, wo zuerst diese Ubungen ausgebreitet worden sind von den gro- 
fien Lehrern der Menschheit, waren die Verhaltnisse viel einfacher; 
da konnte man den Begriff des Stehlens leicht feststellen. Aber ein 
Yoga-Lehrer wird Ihnen nicht zugeben, daft ein Europaer nicht 
stiehlt, er nimmt das sehr streng. Wenn ich mir zum Beispiel die Ar- 
beitskraft eines anderen aneigne, wenn ich mir einen Vorteil ver- 
schaffe, der wohl gesetzlich erlaubt ist, der aber eine Ausbeutung ei- 
nes anderen bedeutet, so bezeichnet der Yoga-Lehrer das als Stehlen. 
Bei uns liegen die Dinge in unseren sozialen Verhaltnissen so kom- 
pliziert, daft viele gegen dies Verbot verstofien, ohne das allergering- 
ste Bewufitsein davon zu haben. Denken Sie, Sie haben ein Vermo- 
gen und Sie hinterlegen das in einer Bank. Sie tun nichts damit, beu- 
ten niemanden aus. Nun aber geht der Bankier hin, treibt Spekula- 
tionen und beutet so andere Menschen mit Ihrem Gelde aus. Auch 
da sind Sie im okkulten Sinne verantwortlich, es belastet Ihr Karma. 
Sie sehen daraus, dafi dieses Gebot bei einer okkulten Entwickelung 
ein tiefes Studium erfordert. 



Ebenso kompliziert stellen sich die Verhaltnisse beim «Nicht 
ausschweifen», Ein Rentner zum Beispiel, dessen Kapital durch eine 
Bank ohne sein Wissen in Schnapsbrennereien angelegt ist, macht 
sich ebenso schuldig wie ein Fabrikant, der Spirituosen verfertigt. 
Das Nichtwissen andert nichts am Karma. Es gibt nur eines, was ei- 
ne gerade Richtung geben kann bei diesen Unterlassungen, das ist: 
nach Bediirfnislosigkeit streben. In demselben Mafie, wie man nach 
Bediirfnislosigkeit strebt, kann man nie jemand anderen schadigen. 

Besonders schwer ist das «Nichts begehren» durchzufuhren. Es 
bedeutet, nach voller Bediirfnislosigkeit zu streben, mit keiner Be- 
gierde an etwas in der Welt heranzutreten, sondern nur das zu tun, 
was die Aufienwelt von uns fordert. Ja, ich mu!5 selbst mein Wohlge- 
fiihl unterdriicken, wenn ich jemand eine Wohltat erweise; nicht 
dieses Gefiihl, sondern der Anblick des Leidenden mufi mich bewe- 
gen, zu helfen. Auch sonst, wenn ich zum Beispiel selbst eine Aufwen- 
dung machen mufi, darf ich nicht denken: Ich will, ich wiinsche, ich 
begehre das, sondern ich mufi mir sagen: Das brauchst du zur Unter- 
haltung deines Leibes oder fur die Bedurfnisse deines Geistes, das 
braucht auch jeder andere; du begehrst es nicht, sondern du denkst 
nur nach, wie du am besten durch die Welt kommst. - Innerhalb 
der Yoga-Lehre wird der Begriff Yama, wie gesagt, aufierordentlich 
streng gefafit und kann nicht ohne weiteres nach Europa verpflanzt 
werden. 

2. Niyama. Das bedeutet etwa die Einhaltung religioser Gebrau- 
che. In Indien, wo diese Regeln hauptsachlich angewendet werden, 
ist eine Frage gelost, die der europaischen Kultur viele Schwierigkei- 
ten bereitet. Man sagt leicht: Ich bin uber die Dogmen hinaus, ich 
halte mich nur an die innere Wahrheit und gebe nichts auf aufierli- 
che Formen. - Je mehr er iiber religiose Gebrauche hinauskommen 
kann, desto erhabener diinkt sich der Europaer. Der Hindu denkt 
entgegengesetzt und halt fest an den Ritualien seiner Religion; nie- 
mand darf daran riihren. Welche Meinung aber man sich dariiber 
bildet, das steht in der Hindureligion jedem ganz frei. Es bestehen 
uralte heilige Riten, die etwas sehr Tiefes bedeuten. Ein Ungebilde- 
ter wird sich davon eine sehr elementare Vorstellung machen, ein 



Mensch mit grofierer Bildung macht sich eine andere, bessere Vor- 
stellung, aber keiner wird sagen, dafi die Vorstellung des andern 
falsch sei. Der Weise befolgt denselben Brauch wie der weniger Ge- 
bildete. Dogmen gibt es nicht, aber Riten. Auf diese Weise konnen 
die tief-religiosen Brauche vom Weisen und vom Unweisen befolgt 
werden, beide konnen sich im Ritus vereinigen. So sind die Riten 
ein Bindemittel fiir die Bevolkerung; niemand wird in seiner Mei- 
nung beengt dadurch, dafi er sich in ein strenges Ritual einfugt. 

Die christliche Kirche hat das entgegengesetzte Prinzip verfolgt; 
nicht Brauche, sondern Meinungen hat man den Leuten aufgenotigt, 
und die Folge ist, dafi in der neueren Zeit die Formlosigkeit in unse- 
rem sozialen Zusammenleben Gesetz geworden ist. Da beginnt das 
volistandige Aufter-acht-Lassen aller Brauche, die die Menschen ver- 
binden wiirden; alle Formen, die sinnbildlich hohere Wahrheiten 
ausdriicken, werden allmahlich abgeschafft. Das ist ein grofier Scha- 
den fiir die gesamte Entwickelung des Menschen, hauptsachlich fiir 
die okkulte Entwickelung im orientalischen Sinne. 

Viele glauben heute in der europaischen Bevolkerung, uber Dog- 
men hinaus zu sein, aber gerade die Freidenker und Materialisten 
sind die argsten Dogmenfanatiker. Das materialistische Dogma ist 
noch viel driickender als jedes andere. Die Unfehlbarkeit des Papstes 
gilt fur viele nicht mehr, wohl aber die Unfehlbarkeit des Universi- 
tatsprofessors. Auch der Liberalste ist, trotz der gegenteiligen Be- 
hauptungen, den Dogmen des Materialismus unterworfen. Welche 
Dogmen lasten zum Beispiel auf dem Juristen, Mediziner und so 
weiter. Jeder Universitatsprofessor lehrt sein Dogma. Oder auch: 
Wie schwer lastet auf einem das Dogma der Unfehlbarkeit der 6f- 
fentlichen Meinung, der Tageszeitung! Der orientalische Yoga- 
Lehrer fordert, nicht herauszutreten aus den Formen, die ein Binde- 
glied sind fiir Weise und Unweise, denn diese uralten heiligen For- 
men sind die Bilder der hochsten Wahrheiten. Ohne Formen gibt es 
keine Kultur; es ist eine Tauschung, wenn man das Gegenteil glaubt. 
Nehmen wir zum Beispiel an, es griinde jemand eine Kolonie, ganz 
formlos, ohne Gesetze, ohne Riten und religiose Gebrauche. Fiir 
den, der die Dinge durchschaut, ist es klar, dafi eine solche Kolonie 



eine Zeitlang ganz gut bestehen kann, weil die Leute noch nach den 
alten Formen leben, die sie mitgebracht haben. Aber sobald sie diese 
verlieren, geht die Kolonie zugrunde, denn ohne Formen kann auf 
die Dauer keine solche Kolonie bestehen. Alle Kultur mufi aus der 
Form herausgeboren werden. Das Innere mufi aufierlich durch For- 
men ausgedriickt werden. Die moderne Kultur hat die Formen verlo- 
ren; sie mu£ sie wieder gewinnen. Sie mufi wieder lernen, auch aufier- 
lich auszudriicken, was im Innern der Seele lebt. Die Form bedingt 
auf die Dauer das menschliche Zusammenleben. Das wufiten die 
alten Weisen, und deswegen hielten sie fest an der Ausiibung religio- 
ser Brauche, 

3. Asanam bedeutet das Einnehmen einer gewissen Korperstel- 
lung bei der Meditation. Das ist fur den Orientalen viel wichtiger als 
fur den Europaer, weil der Korper des Europaers fur gewisse feine 
Stromungen nicht mehr so sensitiv ist. Der orientalische Leib ist 
noch feiner, er empfindet leicht Stromungen, die von Ost nach 
West, von Nord nach Slid und aus der Hohe in die Tiefe gehen; 
denn im Weltall fluten geistige Strome. Aus diesem Grunde wurden 
die Kirchen zum Beispiel in einer bestimmten Richtung gebaut. Des- 
halb lafit der Yoga-Lehrer den Yogi eine bestimmte Stellung einneh- 
men; der Schuler mufi die Hande und Fufie in einer bestimmten 
Stellung haben, damit die Strome in geregelter Weise durch den Kor- 
per hindurchgehen konnen. Wiirde der Hindu seinen Korper nicht 
in diese Harmonie einfugen, so wiirde er die Fruchte seiner Medita- 
tion vollig aufs Spiel setzen. 

4. Pranayama ist das Atmen, das Yoga-Atmen. Das ist ein sehr we- 
sentlicher und ausfuhrlicher Bestandteil der orientalischen Yoga- 
Schulung. Es kommt fast gar nicht in Betracht bei der christlichen 
Schulung, hingegen wieder mehr bei der Rosenkreuzer-Schulung. 

Was bedeutet das Atmen fur die okkulte Entwickelung? Die Be- 
deutung des Atmens liegt schon in dem «Nicht toten», «Nicht das 
Leben beeintrachtigen». Der okkulte Lehrer sagt: Du totest fort- 
wahrend langsam deine Umgebung durch das Atmen. - Wieso? Wir 
ziehen den Atem ein, halten ihn an, versorgen unser Blut mit Sauer- 
stoff und stofien den Atem dann wieder aus. Was geschieht dabei? 



Wir atmen die mit Sauerstoff erfiillte Luft ein, verbinden sie in uns 
mit Kohlenstoff und atmen Kohlensaure aus; darin aber kann kein 
Mensch oder Tier leben. Sauerstoff atmen wir ein, Kohlensaure, den 
Giftstoff, atmen wir aus; wir toten also mit jedem Atemzug fort- 
wahrend andere Wesen. Stiickweise toten wir unsere ganze Umge- 
bung. Wir atmen Lebensluft ein und atmen Luft aus, die wir selbst 
nicht mehr brauchen konnen. Der okkulte Lehrer ist darauf be- 
dacht, das zu andern. Wenn es nur auf die Menschen und auf die 
Tiere ankame, so ware bald aller Sauerstoff aufgebraucht und alles 
Lebendige ausgestorben. Dafi wir die Erde nicht zugrunde richten, 
das verdanken wir den Pflanzen, denn diese machen genau den ent- 
gegengesetzten Prozefi durch. Sie assimilieren die Kohlensaure, tren- 
nen den Kohlenstoff vom Sauerstoff und bauen aus dem ersteren 
ihren Korper auf. Den Sauerstoff geben sie wieder frei, und diesen 
atmen Mensch und Tier ein. So erneuern die Pflanzen die Lebens- 
luft; alles Leben wiirde ohne sie schon langst vernichtet sein. Ihnen 
verdanken wir unser Leben. So erganzen sich also Pflanze, Tier 
und Mensch gegenseitig. 

Dieser Prozefi wird aber in der Zukunft anders werden, und da 
derjenige, der in okkulter Entwickelung begriffen ist, mit dem be- 
ginnt, was die anderen einmal in der Zukunft durchmachen werden, 
so mu£ er sich entwohnen, durch den Atem zu toten. Das ist Pra- 
nayama, die Wissenschaft des Atmens. Unser modernes materialisti- 
sches Zeitalter braucht immer offene Fenster und stellt frische Luft 
als Heilmittel in die erste Reihe. Beim indischen Yogi ist das Gegen- 
teil der Fall. Er schliefk sich in eine Hohle ein und atmet so viel als 
immer moglich seine eigene Luft. Der Yogi hat die Kunst gelernt, die 
Luft so wenig wie moglich zu verpesten, weil er gelernt hat, die Luft 
auszunutzen. Wie macht er das? Dieses Geheimnis war in den euro- 
paischen Geheimschulen immer bekannt, man nannte es das Errei- 
chen des Steins der Weisen oder des Steins der Philosophen. Wenn 
man den Stein der Weisen finden will, mufi man das Geheimnis des 
Atmens finden. 

Um die Wende des 18. zum 19. Jahrhundert sickerte manches da- 
von durch. Da wurde viel von dem Stein der Weisen in offentlichen 



Schriften geschrieben, aber man merkt, daft die Verfasser selbst 
nicht viel davon verstanden, wenn auch alles aus richtiger Quelle 
stammte. In einer Thiiringer Staatszeitung erschien im Jahre 1796 
ein Artikel uber den Stein der Weisen, in dem unter anderm folgen- 
des gesagt wurde: Der Stein der Weisen ist etwas, das man nur ken- 
nen muft, denn gesehen hat es jeder Mensch. Es ist etwas, was alle 
Menschen eine gewisse Zeit hindurch fast jeden Tag in die Hand 
nehmen, was man iiberall finden kann, nur wissen die Menschen 
nicht, daft es der Stein der Weisen ist. - Das ist eine geheimnisvolle 
Andeutung: Uberall soil der Stein der Weisen zu finden sein. Aber 
diese sonderbare Ausdrucksweise ist wortlich wahr. 

Die Sache ist namlich so: Wenn die Pflanze ihren Leib bildet, 
nimmt sie die Kohlensaure auf und behalt den Kohlenstoff zuriick, 
aus dem sie sich ihren Korper aufbaut. Mensch und Tier essen nun 
die Pflanze, nehmen dadurch den Kohlenstoff in sich wieder auf und 
geben ihn im Atem als Kohlensaure wieder ab. So besteht ein Kreis- 
lauf des Kohlenstoffes. In der Zukunft wird es anders sein. Da wird 
der Mensch lernen, sein Selbst immer mehr zu erweitern und das, 
was er jetzt der Pflanze iiberlaftt, das wird er selbst einmal zustande 
bringen. Wie der Mensch durch das Mineral- und Pflanzenreich hin- 
durchgeschritten ist, so schreitet er auch wiederum zuriick. Er selbst 
wird Pflanze, nimmt das Pflanzendasein in sich auf und wird den 
ganzen Prozeft in sich selbst durchmachen: Er wird den Kohlenstoff 
in sich behalten und bewuftt damit seinen Korper aufbauen, wie es 
heute die Pflanze unbewufit tut. Den notwendigen Sauerstoff berei- 
tet er dann sich selbst in seinen Organen, verbindet ihn mit dem 
Kohlenstoff zur Kohlensaure und lagert dann in sich selbst den 
Kohlenstoff wieder ab. Damit kann er also an seinem korperlichen 
Geriist selbst fortbauen. Das ist eine grofte perspektivische Idee 
der Zukunft. Dann totet er nichts anderes mehr. 

Nun ist bekanntlich Kohlenstoff und Diamant derselbe Stoff. 
Diamant ist kristallisierter, durchsichtiger Kohlenstoff. Also brau- 
chen Sie nicht zu denken, daft der Mensch spater als Schwarzer her- 
umlaufen wird, sondern sein Leib wird aus durchsichtigem, und 
zwar weichem Kohlenstoff bestehen. Dann hat er den Stein der Wei- 



sen gefimden. Er verwandelt seinen eigenen Leib in den Stein der 
Weisen. 

Diesen Prozefi mufi derjemge, der sich okkult entwickelt, so viel 
als moglich vorausnehmen, das heifit, er mufi seinem Atem die Fa- 
higkeit zu toten nehmen. Er mufi ihn so ges taken, dafi die ausgeat- 
mete Luft wieder brauchbar wird, so dafi er sie immer wieder einat- 
men kann. Und wodurch geschieht das? Dadurch, dafi man in den 
Atmungsprozefi Rhythmus hineinbringt. Dazu gibt der Lehrer An- 
weisung. Einatmen, Atemanhalten und Ausatmen, darin mufi, 
wenn auch nur fiir kurze Zeit, Rhythmus liegen. Mit jedem rhyth- 
misch ausgeatmeten Atemzug wird die Luft verbessert, ganz lang- 
sam, aber sicher. Man kann fragen: Was macht das aus? - Hier gilt 
der Satz: Steter Tropfen hohlt den Stein. Jeder Atemzug ist solch ein 
Tropfen. Der Chemiker kann das noch nicht nachweisen, weil seine 
Mittel zu grob sind, um die feinen Stoffe wahrzunehmen, aber der 
Okkultist weifi, dafi dadurch in der Tat der Atem lebensfordernd 
wird und mehr Sauerstoff enthalt als unter gewohnlichen Umstan- 
den. Nun wird aber der Atem gleichzeitig noch durch etwas anderes 
rein gemacht, namlich durch Meditieren. Auch dadurch wird, wenn 
auch nur aufierst wenig, dazu beigetragen, dafi die Pflanzennatur 
wieder hereingenommen wird in die menschliche Natur, so dafi der 
Mensch zu dem Nicht-Toten kommt. 

5. Pratyahara. Das nachste ist das Pratyahara; das bedeutet die 
Zugelung der Sinneswahrnehmung. Der Mensch, der im heutigen 
Sinne ein alltagliches Leben fuhrt, empfangt bald da einen Eindruck, 
bald dort, und so immerfort; er lafit alles auf sich einwirken. Dem 
Schiiler sagt nun der okkultistische Lehrer: Du mufit so und so viele 
Minuten lang einen Sinneseindruck festhalten und darfst nicht iiber- 
gehen zu einem anderen als durch eigenen freien Willen. 

6. Wenn er das eine Weile durchgefuhrt hat, mufi er dazu kom- 
men konnen, gegen jeden aufieren Sinneseindruck taub und blind zu 
werden; er mufi dazu kommen, uberhaupt von jedem aufieren Sin- 
neseindruck abzusehen und nur das festzuhalten, was als Vorstel- 
lung in den Gedanken zuriickbleibt, nachdem der Sinneseindruck 
selbst beseitigt ist. Wenn man so nur in Vorstellungen lebt, sein Den- 



ken streng kontrolliert und nur aus freiem Willen eine Vorstellung 
an die andere reiht, dann ist das der sechste Zustand: Dharana. 

7. Dhyanam. Nun gibt es Vorstellungen, von denen der Europa- 
er nicht zugeben will, dafi sie gar nicht von Sinneseindriicken her- 
riihren, sondern dafi der Mensch sie selbst bilden mufi, zum Beispiel 
mathematische oder geometrische Vorstellungen. Ein Dreieck oder 
ein Kreis sind gedachte Vorstellungen. Das, was ich an die Tafel 
zeichne, sind doch nur zusammengesetzte Kreidepunkte. Nun gibt 
es eine Reihe von Vorstellungen, in denen der okkulte Schiller sich 
sehr iiben mufi. Das sind symbolische Zeichen, die bewufit mit ir- 
gendwelchen Dingen zusammenhangen, zum Beispiel das Hexa- 
gramm ]g^J , ein Zeichen, das im Okkultismus erklart wird; ebenso 
das Pentagramm "jSjf . Der Schiiler halt seinen Geist scharf auf sol- 
che Dinge gerichtet, die es in der Sinnenwelt nicht gibt. Ebenso ist es 
mit einer anderen Vorstellung, zum Beispiel die Gattung «L6we», 
die man auch nur denken kann. Auch auf solche Vorstellungen mufi 
der Schiiler seine Aufmerksamkeit richten. Schliefilich gibt es auch 
moralische Vorstellungen, wie zum Beispiel in «Licht auf den Weg»: 
Bevor das Auge sehen kann, mufi es der Tranen sich entwohnen. - 
Das kann man auch nicht aufien erleben, sondern nur in sich er- 
fahren. Dieses Meditieren iiber Vorstellungen, die kein sinnliches 
Gegenstiick haben, nennt man Dhyanam. 

8. Samadhi. Und nun kommt das Schwerste: Samadhi. Man ver- 
tieft sich lange, lange in eine Vorstellung, die kein sinnliches Gegen- 
bild hat, man lafit den Geist gewissermafien darin ruhen und fiillt 
die Seele ganz damit aus. Dann lalk man diese Vorstellung fallen und 
hat dann nichts mehr im Bewufksein, aber man darf nicht einschla- 
fen, was beim gewdhnlichen Menschen sofort der Fall sein wiirde; 
man mu£ bewufk bleiben. In diesem Zustande fangen die Geheim- 
nisse der hoheren Welten an sich zu enthiillen. Man beschreibt die- 
sen Zustand in folgender Weise: Es bleibt ein Denken, das keine Ge- 
danken hat; man denkt, denn man ist bewulk, aber man hat keine 
Gedanken. Dadurch konnen die geistigen Machte ihren Inhalt in 
dieses Denken einstromen lassen. Solange man es selbst ausfullt, 
konnen sie nicht hinein. Je langer man im Bewufksein die Tatigkeit 



des Denkens ohne den Inhalt des Denkens festhalt, desto mehr 
offenbart sich die ubersinnliche Welt. 

Auf diesen acht Gebieten liegen die Anweisungen des Lehrers bei 
der orientalischen Yoga-Schulung. 

Nun werden wir noch, soweit es moglich ist, von der christli- 
chen Schulung sprechen, und es wird sich zeigen, wie sie sich von 
der Schulung des Orients unterscheidet. Diese christliche Schulung 
kann erfolgen auf den Rat eines Lehrers hin, der wei$, was zu tun 
ist, und der immer bei jedem Schritt zurechtriicken kann, was ver- 
f ehlt ist. Aber der grofie Guru ist der Christus Jesus selbst. Daher ist 
notwendig ein strenger Glaube an das wirkliche Vorhandensein und 
das wirkliche Gelebt-Haben des Christus Jesus. Ohne diesen Glau- 
ben ist ein Sich-Verbunden-Fiihlen mit ihm unmoglich. Weiter 
ist zu begreifen, dafi von diesem grofien Guru ein Dokument 
hernihrt, das selbst die Anleitung zur Schulung gibt, und das ist 
das Johannes-Evangelium. Das kann man auch innerlich erleben, 
nicht blofi aufterlich daran glauben, und wer es in richtiger 
Weise in sich aufgenommen hat, fur den gibt es keine Notwen- 
digkeit mehr, den Christus Jesus zu beweisen, weil er ihn gefun- 
den hat. 

Diese Schulung geht so vor sich, dafi man nicht blofi immer und 
immer wieder das Johannes-Evangelium liest, sondern dariiber me- 
ditiert. Das Johannes-Evangelium beginnt mit den Worten: «Im An- 
fang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das 
Wort . . .» Diese Verse sind, richtig verstanden, ein Meditationsstoff, 
und sie miissen in einem Dhyanam-ahnlichen Zustand aufgenom- 
men werden. Wer morgens friih, bevor andere Eindriicke in seine 
Seele eingezogen sind, alles andere aus den Gedanken ausschliefk 
und fiinf Minuten lang einzig und allein in diesen Satzen lebt, und 
zwar fortgesetzt, jahrelang in absoluter Geduld und Ausdauer, der 
erlebt, dafi diese Worte nicht nur etwas sind, was man verstehen 
mufi; er erlebt, dafi sie eine okkulte Kraft haben, ja, er erlebt da- 
durch eine innere okkulte Umwandlung der Seele. Man wird in ge- 
wisser Weise hellsichtig durch diese Worte, so dafi man astral alles 
sehen kann, was im Johannes-Evangelium steht. 



Nach Anweisung des Lehrers lafk der Schiiler zuerst sieben Tage 
lang die ersten fiinf Satze des ersten Kapitels durch die Seele Ziehen. 
Die nachste Woche ebenso das zweite Kapitel, und so fort jedes ein- 
zelne Kapitel bis zum zwolften Kapitel. Man wird schon sehen, was 
man da Grofiartiges, Gewaltiges erlebt: wie man eingefiihrt wird in 
die Ereignisse von Palastina, wo Christus Jesus gelebt hat, wie sie in 
der Akasha-Chronik aufgezeichnet sind, und wie man dann tatsach- 
lich alles, was zu jener Zeit geschehen ist, erlebt. Und dann, wenn 
man am dreizehnten Kapitel angekommen ist, erlebt man die ein- 
zelnen Stationen der christlichen Einweihung. 

Die erste Station ist die sogenannte Fuilwaschung. Zuerst mufi 
man verstehen, was diese grofie Szene bedeutet. Der Christus Jesus 
neigt sich herunter zu denen, die niedriger sind als er. In der ganzen 
Welt mufke diese Demut gegenuber denen, die unter uns stehen und 
auf deren Kosten wir uns hoher entwickeln, vorhanden sein. Wenn 
die Pflanze denken konnte, miifite sie dem Stein danken dafiir, dafi 
er den Boden hergibt, auf dem sie ein hoheres Leben fiihren kann, 
und das Tier mufite sich zur Pflanze neigen und sagen: Dir verdanke 
ich die Moglichkeit, dafi ich bin -, und ebenso der Mensch der gan- 
zen iibrigen Natur. Und derjenige, der hoher steht in der mensch- 
lichen Gesellschaft, mufi sich herunterneigen zu den unter ihm 
Arbeitenden und sich sagen: Wenn nicht diese fleifiigen Hande die 
niedrige Arbeit fur mich verrichten wiirden, so konnte ich nicht ste- 
hen, wo ich stehe. - Keiner konnte sich hoher entwickeln, wenn 
nicht der Boden unter ihm bereitet ware. Und so ist es auch bis hin- 
auf zum Christus Jesus selbst, der sich in Demut zu den Aposteln 
herunterneigt und sagt: Ihr seid mein Boden, an euch erfulle ich den 
Satz: Derjenige aber, der sein will der Erste, der mufi der Letzte sein, 
und derjenige, der sein will der Herr, der mufi der Diener aller sein. - 
Die Fufiwaschung bedeutet das Gerne-dienen-Wollen, das Sichnei- 
gen in All-Demut. Das mulS die allgemeine Empfindung werden fur 
den okkult sich Entwickelnden. 

Hat der Schiiler sich mit dieser Demut ganz durchdrungen, dann 
hat er die erste Station der christlichen Einweihung erlebt. An 
einem aufieren und einem inneren Symptom erkennt er, dafi er so 



weit ist. Das aufiere Symptom dafiir ist: Er fiihlt seine Fiifie wie von 
Wasser umspiilt. Das innere Symptom ist eine astrale Vision, die 
ganz gewifi auftritt: Er sieht sich selbst einer Anzahl Menschen die 
Fiifie waschen. Dieses Bild taucht in seinen Traumen auf als astrale 
Vision, und jeder hat dieselbe Vision. Wenn er dieses erlebt, dann 
hat er dieses ganze Kapitel wirklich in sich aufgenommen. 

Es folgt alsdann als zweites die Geifielung. Ist man bis dahin 
vorgeschritten, dann mufi man, wahrend man die Geifielung liest 
und auf sich wirken lafit, ein anderes Gefiihl ausbilden. Man mu£ 
lernen, festzustehen bei den Geifielhieben des Lebens. Man sagt 
sich: Ich werde feststehen in alien Leiden und Schmerzen, in allem, 
was an mich herantritt. - Das aufiere Symptom dafur ist: Man 
fiihlt gleichsam einen punktweisen Schmerz am ganzen Korper. 
Das innere Symptom ist: Man sieht sich selbst gegeifielt in der 
Traumvision. 

Die dritte Station ist die Dornenkronung. Noch ein anderes Ge- 
fiihl muft hinzutreten: Man lernt standhaft aushalten, wenn man 
auch mit Spott und Hohn uberschiittet wird wegen des Heiligsten, 
das man besitzt. Das aufiere Symptom dafur ist, dafi man einen 
driickenden Kopfschmerz fiihlt. Das innere Symptom ist: Man sieht 
sich astral mit der Dornenkrone gekront. 

Dann kann man weitergehen zur vierten Station: der Kreuzi- 
gung. Ein neues, ganz bestimmtes Gefiihl mufi hier ausgebildet wer- 
den. Es beruht auf der Uberwindung dessen, dafi einem der eigene 
Korper das Wichtigste ist; er mufi einem so gleichgiiltig werden wie 
ein Stuck Holz. Wir tragen unsern Leib dann durchs Leben und 
betrachten ihn objektiv; er ist uns das Holz des Kreuzes geworden. 
Dabei braucht man ihn nicht zu verachten, so wenig wie ir- 
gendein Werkzeug. Die Reife zu dieser Stufe wird angezeigt durch 
das aufiere Symptom: Zur Zeit der Meditation treten genau an 
den Stellen, die man die Stellen der heiligen Wundmale nennt, rote 
Punkte stigmaartig hervor, und zwar an den Handen und Fii- 
fien und an der rechten Seite in der Hohe des Herzens. Das in- 
nere Symptom ist: Der Schiiler hat die Vision, selbst am Kreuze 
zu hangen. 



Die fiinfte Stufe ist der mystische Tod. Er besteht darin, daft der 
Mensch die Nichtigkeit des Irdischen erlebt, daft er tatsachlich fur 
eine Weile allem Irdischen abstirbt. 

Nunmehr konnen nur noch sparliche Schilderungen der christli- 
chen Einweihung gegeben werden. Der Mensch erlebt als eine astra- 
le Vision, daft iiberall Finsternis herrscht, daft die irdische Welt ver- 
sunken ist. Vor dem, was da kommen soil, breitet sich ein schwarzer 
Schleier wie ein Vorhang aus. Wahrend dieses Zustandes lernt er al- 
les kennen, was in der Welt an Bosem und Schlechtem existiert. Das 
ist das Hinabsteigen in die Holle, die Hollenfahrt. Dann erlebt er, 
daft der Vorhang wie entzweigerissen wird, und jetzt tritt die deva- 
chanische Welt hervor. Das ist das Zerreiften des Tempelvorhanges. 

Dann folgt die sechste Stufe, die Grablegung. So wie bei der vier- 
ten Stufe der eigene Korper objektiv wird, so mufi man hier das Ge- 
fuhl ausbilden, daft einem nicht nur der eigene Korper ein Objekt 
ist, sondern daft man alles andere, was uns auf der Erde umgibt, 
geradeso als zu sich gehorig empfindet wie den eigenen Korper. 
Da dehnt sich der eigene Korper iiber die Haut hinaus. Man ist nicht 
mehr ein abgesondertes Wesen, man ist vereint mit dem ganzen 
Erdenplaneten* Die Erde ist unser Korper geworden, man ist in der 
Erde begraben. 

Die siebente Stufe, die Auferstehung, kann nicht mit Worten ge- 
schildert werden. Man sagt daher im Okkultismus: Der siebente Zu- 
stand kann nur noch von demjenigen gedacht werden, dessen Seele 
ganz frei geworden ist vom Gehirn. Einem solchen konnte man 
ihn beschreiben. Deshalb kann er hier nur erwahnt werden. Wie 
er durchlebt wird, dazu gibt der christliche okkulte Lehrer die 
Anleitung. 

Wenn der Mensch diese siebente Stufe durchlebt hat, dann ist 
das Christentum ein innerliches Erlebnis seiner Seele geworden. Er 
ist dann ganz vereinigt mit dem Christus Jesus; der Christus Jesus 
ist in ihm. 



VIERZEHNTER VORTRAG 



Stuttgart, 4. September 1906 

Wir haben gestern die verschiedenen Gebiete charakterisiert, durch 
die der Schuler der orientalischen und der christlichen Schulung zu 
hoheren Erkenntnissen gelangt; nun will ich Ihnen heute in ahn- 
licher Weise die Stufen beschreiben, durch welche die rosenkreuzeri- 
sche Schulung aufsteigt. 

Man darf sich nicht vorstellen, dafi diese Rosenkreuzer-Schulung 
den beiden anderen widerspricht. Sie besteht ungefahr seit dem 14. 
Jahrhundert, und zwar mufke sie damals eingefuhrt werden, weil 
die Menschheit noch eine andere Form der Schulung brauchte. In 
den Kreisen der Eingeweihten sah man voraus, dal? Menschen kom- 
men wiirden, die durch das sich allmahlich entwickelnde Wissen im 
Glauben beirrt werden wiirden. Deshalb muike eine Form geschaf- 
fen werden fiir diejenigen, die in den Zwiespalt von Glauben und 
Wissen geraten. Im Mittelalter waren die grofiten Gelehrten auch 
zugleich die glaubigsten und frommsten Menschen; aber auch noch 
lange Zeit spater war fiir die in der Naturwissenschaft Fortgeschrit- 
tenen durchaus kein Widerspruch denkbar zwischen Glauben und 
Wissen. Man sagt, durch das Kopernikanische System sei der Glaube 
erschuttert worden, aber durchaus unberechtigterweise, hatte doch 
Kopernikus sein Buch dem Papst gewidmet! Erst in der allerletzten 
Zeit ist dieser Zwiespalt nach und nach gekommen. Das sahen die 
Meister der Weisheit voraus, und daher mulke fiir diejenigen, die 
durch die Wissenschaft vom Glauben abgebracht worden waren, ein 
neuer Weg gefunden werden. Fiir diejenigen Menschen, die sich viel 
mit der Wissenschaft befassen, ist es notig, diesen Rosenkreuzer- 
Weg zu gehen, um ein Eingeweihter zu werden, denn die Rosenkreu- 
zer-Methode zeigt, daft das hochste Wissen des Weltlichen mit dem 
hochsten Wissen der ubersinnlichen geistigen Wahrheiten durchaus 
zusammen bestehen kann; und gerade durch die Rosenkreuzer-Me- 
thode kann derjenige, der sonst durch eine scheinbare Wissenschaft 
vom christlichen Glauben abgefallen ware, diesen erst recht erken- 



nen. Jeder kann durch diese Methode die Wahrheit des Christen- 
tums erst recht und mit tieferem Verstandnis verstehen. Die Wahr- 
heit ist eine einzige, doch kann man zu ihr auf verschiedenen Wegen 
gelangen, geradeso wie die verschiedenen Wege am Fufie des Berges 
auseinandergehen, am Gipfel jedoch alle zusammenlaufen. 

Das Wesen der Rosenkreuzer-Schulung kann bezeichnet werden 
mit den Worten: wahre Selbsterkenntnis. Dazu muft man zwei Din- 
ge unterscheiden, und man mufi sie als Rosenkreuzer-Schiiler nicht 
blo$ theoretisch unterscheiden, sondern auch praktisch, das heiEt, 
sie ins praktische Leben einfuhren. Es gibt zwei Arten von Selbster- 
kenntnis. Die niedere Selbsterkenntnis, die der Rosenkreuzer-Schii- 
ler Selbstbespiegelung nennt, durch sie soil man das niedere Selbst 
uberwinden; und die hdhere, durch Selbstentaufierung geborene 
Selbsterkenntnis. 

Was ist nun niedere Selbsterkenntnis? Das ist die Erkenntnis un- 
seres alltaglichen Selbst, dessen, was wir schon sind, was wir in uns 
tragen, wie man sagt, ein Hineinschauen in das eigene Seelenleben. 
Man mufi sich aber klarmachen, da£ man dadurch nicht zum hohe- 
ren Selbst kommen kann, denn wenn der Mensch sich selbst an- 
schaut, findet er nur, was er ist; aber gerade dariiber soli er ja hinaus- 
wachsen, um dieses Selbst des gewohnlichen Lebens zu uberwinden. 
Aber wie? Die meisten Menschen sind iiberzeugt, dafi ihre Eigen- 
schaften die allerbesten sind, und wer diese nicht auch hat, ist ihnen 
unsympathisch. Wer iiber diese Meinung hinaus ist, nicht nur in der 
Theorie, sondern im Gefiihl, der ist schon auf dem Wege zu einer 
wahren Selbsterkenntnis. Hinaus kommt man iiber diese Selbstbe- 
spiegelung durch eine besondere Methode, die immer angewandt 
werden kann, wenn man einmal fiinf Minuten Zeit findet. Man muB> 
von folgendem Satz ausgehen: Alle Eigenschaften, die du hast, sind 
einseitig; du mufit erkennen, worin deine Eigenschaften einseitig 
sind, und mufit sie zu harmonisieren suchen. - Es ist dies ein Satz, 
der nicht nur in der Theorie, der in der Praxis der geeignetste ist. 
Wer fleifiig ist, muf$ sich priifen, ob er es nicht an einer falschen Stel- 
le ist. Flinkheit ist auch einseitig, ich mu!5 sie erganzen durch eine 
sorgfaltige Bedachtsamkeit. Jede Eigenschaft hat ihren Gegenpol; 



den mufi man sich aneignen und dann die kontraren Eigenschaften 
zu harmonisieren suchen, zum Beispiel: Eile mit Weile, flink sein 
und doch bedachtig, bedachtig sein und doch nicht trage. Dann 
fangt man an, iiber sich hinauszuarbeiten. Das gehort nicht zur 
Meditation, das muU man sich daneben erringen. 

Dieses Harmonisieren besteht namentlich im Aufmerken auf 
kleine Ziige. Wer zum Beispiel die Eigenschaft hat, andere nicht aus- 
reden zu lassen, der mufl sorgfaltig darauf achten und einmal sechs 
Wochen sich vornehmen: Jetzt schweigst du iiberhaupt dem andern 
gegeniiber, so lange es moglich ist. - Dann gewohne man sich, nicht 
zu laut und nicht zu leise zu sprechen. Solche Dinge, die der Mensch 
gewohnlich gar nicht bedenkt, gehoren zu dieser intimen Selbstent- 
wickehmg des Innern, und auf je unbedeutendere Eigenschaften 
man eingeht, desto besser ist es. Wenn man es gar dazu bringt, sich 
nicht nur bestimmte moralische, intellektuelle oder Gefiihlseigen- 
schaften anzueignen, sondern irgendeine aufiere Gewohnheit abzu- 
gewohnen, so ist das insbesondere wirksam. Es handelt sich weniger 
um eine Erforschung des Inneren im gewohnlichen Sinne als viel- 
mehr um eine Vervollkommnung der Eigenschaften, die man noch 
nicht geniigend ausgebildet hat, und um eine Erganzung des Vor- 
handenen durch eine entgegengesetzte Eigenschaft. Selbsterkenntnis 
gehort zu den allerschwersten Dingen fur den Menschen, und gera- 
de diejenigen, die sich am besten zu kennen glauben, tauschen sich 
am leichtesten. Sie denken zu viel an ihr eigenes Selbst. Das fortwah- 
rende Hinstarren auf sich selbst und das fortwahrende Hinsagen des 
Wortes «Ich»: Ich denke, ich glaube, ich halte das fur richtig - das 
sollte man sich schon in der Redeweise abgewohnen. Vor alien Din- 
gen mufi man sich die Idee abgewohnen, als wenn auf die eigene 
Meinung mehr ankame als auf die Meinung anderer Menschen. 
Nehmen wir zum Beispiel an, es ist einer ein sehr gescheiter 
Mensch. Wenn er nun seine Gescheitheit in einer Gesellschaft von 
Menschen anbringt, die auf einer viel tieferen Stufe stehen, so ist sie 
sehr deplaciert: Er bringt sie ja nur um seinetwillen an. Er sollte aber 
aus dem Geiste der anderen heraus wirken. Insbesondere Agitatoren 
verletzen diese Regel sehr leicht. 



Dazu mufi ferner das kommen, was man im okkulten Sinne Ge- 
duld nennt. Die meisten, die etwas erreichen wollen, konnen nicht 
warten, weil sie glauben, sie seien schon reif, alles zu empfangen. 
Diese Geduld fliefk aus einer strengen Selbsterziehung. Auch das 
hangt mit der Selbsterkenntnis zusammen. 

Die hohere Selbsterkenntnis beginnt erst dann, wenn wir anfan- 
gen zu sagen: In dem, was unser alltagliches Ich ist, liegt gar nicht 
unser hoheres Selbst. In der ganzen Welt draufien ist es, oben bei 
den Sternen, bei der Sonne und dem Mond, im Stein, im Tier: Uber- 
all ist dasselbe Wesen, das in uns ist. - Wenn einer sagt: Ich will 
mein hoheres Selbst pflegen und mich zuriickziehen, ich will nichts 
wissen von allem Materiellen, dann verkennt er vollstandig, dafi 
gerade das Selbst uberall drauften ist und dafi sein eigenes hoheres 
Selbst nur ein kleiner Teil ist von diesem grofien Selbst draufien. Ge- 
wisse «geistige» Heilweisen machen diesen Fehler, der sehr verhang- 
nisvoll werden kann; sie bringen dem Kranken die Vorstellung bei, 
es gabe nichts Materielles, und so gabe es auch keine Krankheiten. 
Das beruht auf einer falschen Selbsterkenntnis und ist, wie schon be- 
merkt, sehr gefahrlich. Wahrend sich eine solche Heilweise mit 
einem christlichen Namen bezeichnet, ist sie eigentlich antichristlich. 

Das Christentum ist eine Anschauung, die in allem eine Offenba- 
rung des Gottlichen sieht. In jedem Materiellen haben wir eine Illu- 
sion, wenn wir es nicht als einen Ausdruck des Gottlichen ansehen. 
Verleugnen wir die Aufienwelt, so verleugnen wir das Gottliche; ne- 
gieren wir die Materie, in der sich Gott offenbart hat, dann negieren 
wir Gott. Es handelt sich nicht darum, in sich hineinzuschauen, son- 
dern wir miissen das grofie Selbst zu erkennen suchen, das in uns 
hineinleuchtet. Das niedere Selbst sagt: Ich stehe da und friere. - Das 
hohere Selbst dagegen sagt: Ich bin auch die Kalte, denn ich lebe als 
das einige Selbst in der Kalte und mache mich selbst kalt. - Das nie- 
dere Selbst sagt: Ich bin da, ich bin im Auge, das die Sonne sieht. - 
Das hohere Selbst dagegen sagt: Ich bin in der Sonne und sehe im 
Sonnenstrahl in deine Augen hinein. 

Wirklich herausgehen aus sich selbst heilk Selbstentaufierung. 
Daher geht die Rosenkreuzer-Schulung darauf aus, das niedere 



Selbst herauszubringen aus dem Menschen. In der theosophischen 
Bewegung ist anfangs der allerschlimmste Fehler gemacht worden 
dadurch, dafi man sagte: Man mufi absehen vom Aufieren und in 
sich hineinschauen. - Das ist eine grofie Illusion. Man findet nur 
sein niederes Selbst, das vierte Prinzip, das niedere Ich, das sich ein- 
bildet, ein Gottliches zu sein, das aber gar kein Gottliches ist. Man 
raufi aus sich heraus, um das Gottliche zu erkennen. «Erkenne dich 
selbst» heifit zugleich «iiberwinde dich selbst». 

Die Gebiete, um die es sich bei der Rosenkreuzer-Schulung han- 
delt, sind folgende, und sie miissen Hand in Hand gehen mit der 
Ausbildung der bereits erwahnten sechs Eigenschaften: Gedanken- 
kontrolle, Initiative des Handelns, Gelassenheit, Unbefangenheit 
oder Positivitat, Glaube, inneres Gleichgewicht. 

Die Schulung selbst besteht in folgendem: 

1. Studium. Ohne Studium kommt der jetzige Europaer nicht da- 
zu, selbst zu erkennen. Er mufi versuchen, erst die Gedanken der 
ganzen Menschheit in sich hervorzubringen. Er mu£ mit dem Wel- 
tensystem denken lernen. Er mufi sich sagen: Wenn andere das ge- 
dacht haben, so mul? es doch menschlich sein, und ich will einmal 
probieren, wie es sich damit leben lafit. - Man braucht darauf ja 
nicht wie auf ein Dogma zu schworen, aber man mufi es kennenler- 
nen durch Studium. Der Schiiler mull die Entwickelung der Sonnen 
und Planeten, der Erde und der Menschheit kennenlernen. Diese 
Gedanken, die uns fur das Studium iiberliefert werden, reinigen un- 
seren Geist. An den strengen Gedankenlinien ranken wir uns hinauf 
dazu, selbst streng logische Gedanken zu bilden. Dieses Studium rei- 
nigt auch wiederum unsere Gedanken, so dafi wir streng logisch 
denken lernen. Wenn wir zum Beispiel ein sehr schweres Buch stu- 
dieren, so kommt es weniger darauf an, den Inhalt zu begreifen, als 
darauf, dafi wir auf die Gedankenbahnen des Verfassers eingehen 
und mitdenken lernen. Deshalb darf man auch kein Buch zu schwer 
finden; das hiefie blofi, man ist zu bequern zu denken. Die besten 
Biicher sind gerade diejenigen, die man immer und immer wieder 
studieren mufi, die man nicht gleich versteht, die man Satz fur Satz 
durchdenken mufi. Beim Studium kommt es nicht so sehr auf das 



Was als auf das Wie an. Durch die groften Wahrheiten, wie zum Bei- 
spiel die Planetengesetze, schaffen wir uns grofie Denklinien an, und 
das ist das Wesentliche an der Sache. Auch darin steckt viel Egois- 
mus, wenn jemand sagt: Ich will mehr moralische Lehren haben und 
keine liber Planetensysteme. - Richtige Weisheit bewirkt ein mora- 
lisches Leben. 

2. Das zweite ist die Imagination, das Erwerben von imaginativer 
Erkenntnis. Was ist sie und wie erlangt man sie? Auf folgende Weise 
gelangt man dazu: Man geht durch die Welt und beobachtet sie 
streng nach dem Goetheschen Grundsatz «Alles Vergangliche ist 
nur ein Gleichnis». Denn Goethe war ein Rosenkreuzer, und er 
kann uns in das seelische Leben einfiihren. Jedes Ding mufi in mehr- 
facher Beziehung ein Gleichnis werden. Nehmen wir an, ich gehe an 
einer Herbstzeitlose vorbei: Sie ist durch Form und Farbe fur mich 
ein Sinnbild der Trauer. Eine andere Blume, der Windling, ist ein 
Sinnbild der Hilfsbediirftigkeit, eine rote Blume, die kiihn ihre Blat- 
ter in die Hohe richtet, kann mir ein Zeichen sein fur Munterkeit 
und so weiter. Ein Tier mit bunten Farben kann ein Gleichnis sein 
fur die Koketterie. Oft liegen in den Namen schon die Gleichnisse 
ausgedriickt, zum Beispiel Trauerweide, Vergifimeinnicht und so 
weiter. Je mehr man in dieser Weise nachdenkt, daft die aufieren 
Dinge Sinnbilder werden fur das Moralische, desto leichter kann 
man zu dieser imaginativen Erkenntnis aufsteigen. Auch bei den 
Menschen findet man solche Gleichnisse. So kann man zum Beispiel 
an dem Gang eines Menschen sein Temperament studieren. Beob- 
achten Sie nur einmal den schleppenden, langsamen Schritt des Me- 
lancholikers, den festen, bestimmten Schritt des Cholerikers, den 
leichten, mehr auf den Fufispitzen ruhenden Schritt des Sanguinikers. 

Hat man das eine Weile getrieben, dann geht man iiber zu den 
Ubungen fur die eigentliche Imagination. Man halt sich zum Bei- 
spiel eine natxirliche Pflanze vor, sieht sie recht an, vertieft sich ganz 
hinein in sie, holt das Innere seiner Seele heraus und legt es sozusa- 
gen in die Pflanze hinein, wie es in meinen Aufsatzen «Wie erlangt 
man Erkenntnisse der hoheren Welten?» beschrieben ist. Das bringt 
die Imagination herauf. Dadurch gelangt man zum astralen Schauen, 



Man bemerkt dann tatsachlich nach einiger Zeit, wie eine kleine 
Flamme aus der Pflanze hervorgeht; es ist die astrale Bedeutung des- 
sen, was wachst. Ein anderes Beispiel: Man legt ein Samenkorn vor 
sich hin und sieht dann die ganze Pflanze, wie sie in der Wirklich- 
keit erst spater sein wird, in Gedanken vor sich erscheinen. Das sind 
abungen fur die Imagination, auf die die Rosenkreuzer viel Auf- 
merksamkeit verwenden. 

3. Das dritte ist das, was man nennt das Lernen der okkulten 
Schrift. Es gibt namlich eine okkulte Schrift, durch die man tiefer 
hineindringen kann in die Dinge. Ich will Ihnen ein Beispiel sagen, 
damit Sie sehen, was ich eigentlich meine: Mit dem Untergang der 
alten Atlantis hat eine neue, die altindische Kultur begonnen. Das 
Zeichen eines solchen Entwickelungsstadiums, wo eine Kulturepo- 
che aufhort und eine andere anfangt, ist der Wirbel. Solche Wirbel 
gibt es auch in der Natur, Sternennebel, der Orionnebel zum Bei- 
spiel und so weiter. Auch da geht eine Welt zugrunde, und eine neue 
tritt hervor. Beim Aufgang der altindischen Kultur stand die Sonne 
im Krebs, in der Zeit der persischen Kultur stand die Sonne in den 
Zwillingen, wahrend der agyptischen Kultur im Stier, wahrend der 
griechisch-lateinischen Kultur im Widder. Da nun das astronomi- 
sche Zeichen des Krebses (Jji = 45£T ist, war dieses auch das Zei- 
chen fur den Aufgang der altindischen Kultur. 

Ein weiteres Beispiel ist der Buchstabe M. Jeder Buchstabe fiihrt 
auf einen okkulten Ursprung zuruck. So ist M das Zeichen der 
Weisheit. Es ist entstanden aus der Bildung der Oberlippe ^SS? 
und ist zugleich das Symbol fur die MeereswellenC^i^ ; daher wird 
die Weisheit durch das Wasser symbolisiert. Diese Zeichen sind stets 
Anklange an sinnvolle Dinge. Zahlreiche solche Zeichen werden in 
der Rosenkreuzer-Schulung gelehrt. 

4. Rhythmisierung des Lebens. Vom chaotischen zum rhythmi- 
schen Leben iibergehen. Die Kinder haben den Vorteil, in die Schule 
zu gehen; beim Erwachsenen fehlt leider oft der Stundenplan. Man 
raufi versuchen, gewisse Stunden des Tages fur die Meditation fest- 
zulegen. Die Rhythmisierung des Atems spielt keine so grofie Rol- 
le wie bei den Orientalen, aber sie gehort auch zur Schulung, und 



der Rosenkreuzer weifi, dafi schon durch das Meditieren die Ver- 
besserung der Atemluft eintritt. 

5. Das Entsprechen von Mikrokosmos und Makrokosmos. Es ist 
das der Zusammenhang zwischen der grofien und der kleinen Welt 
oder zwischen dem Menschen und der Welt draufien. Sie wissen, 
dafi der Mensch allmahlich entstanden ist, seine einzelnen Wesens- 
glieder haben sich im Laufe der Evolution gebildet. Auf der alten 
Sonne hat der Mensch noch keinen Astralleib gehabt. Deshalb 
konnten gewisse Organe noch nicht entstehen. Ein solches Organ 
ist zum Beispiel die Leber. Bei einem Wesen, das nur einen Ather- 
leib hat, gibt es keine Leber, auch nicht in der Anlage. Zwar ist die 
Leber nicht ohne den Atherkorper moglich, sie wird aber erst vom 
Astralleib geschaffen. Ebenso kann niemals ein Wesen warmes Blut 
haben, das nicht zu der Zeit entstanden ist, wo sich das Ich ausbildete. 

Zwar haben die hoheren Tiere auch warmes Blut, aber diese haben 
sich vom Menschen abgespalten, als er das Ich ausbildete. So gehort 
jedes Organ des menschlichen Leibes, auch das kleinste, zu einem 
seiner Wesensglieder. Die Leber entspricht dem Astralleib, das Blut 
dem Ich. Und wenn der Mensch nun seine Aufmerksamkeit objektiv 
auf sich selbst richtet, wie auf eine Sache, wenn er sich zum Beispiel 
auf den Punkt an der Nasenwurzel konzentriert und damit ein be- 
stimmtes Wort verbindet, das der okkulte Lehrer ihm gibt, so wird 
er zu dem, was diesem Punkte entspricht, hingefuhrt, und er lernt 
es kennen. So wird der Mensch, der sich auf diesen Punkt unter 
bestimmter Anleitung konzentriert, die Natur des Ich kennenlernen. 
Eine andere, sehr viel spatere Ubung richtet sich auf das Innere des 
Auges; dadurch lernt man die innere Natur des Lichtes und der 
Sonne kennen. Die Natur des Astralen lernt man dadurch kennen, 
dafi man sich mit bestimmten Worten auf die Leber konzentriert. 

Das ist die richtige Selbstentwickelung, wenn man durch jedes 
Organ, auf das man seine Aufmerksamkeit richtet, aus sich heraus- 
gefuhrt wird. Diese Methode ist besonders in neuerer Zeit wirksam 
geworden, weil die Menschheit so materiell geworden ist. So kommt 
man durch das Materielle zum Verursacher des Materiellen, zu den 
schopferischen Kraften, die diese Organe gebildet haben. 



6. Das Verweilen oder Sichversenken in den Makrokosmos. 
Das ist dasselbe, was als Dhyanam beschrieben wurde, die geistige 
Kontemplation. Sie geschieht folgendermaften: Man versenkt sich in 
das Organ der Kontemplation, zum Beispiel in das Innere des Auges. 
Wenn man sich darauf eine Weile konzentriert hat, lafit man die 
Vorstellung des aufieren Organs fallen, so da£ man nur noch an das 
denkt, worauf das Auge hingewiesen hat: auf das Licht. Dadurch 
kommt man zum Schopfer des Organs und hinaus in den Makro- 
kosmos. Dann fuhlt man, wie der Korper immer grower wird, so 
grojK wie die ganze Erde, ja, er wachst sogar iiber die Erde hinaus, 
und alle Dinge sind in ihm. Der Mensch lebt dann in alien Dingen 
darinnen. 

7. Der siebente Zustand entspricht dem orientalischen Samadhi; 
man nennt ihn in der Rosenkreuzer-Schulung Gottseligkeit. Man 
lalk die letzte Vorstellung fallen, aber man behalt die Kraft des 
Denkens. Der Inhalt des Denkens hort auf, aber die Tatigkeit des 
Denkens bleibt. Dadurch ruht man in der gottlich-geistigen Welt. 

Diese Stufen der Rosenkreuzer-Schulung sind mehr innere Stu- 
fen und erfordern eine subtile Pflege des hoheren Seelenlebens. In 
unserem materiellen Zeitalter ist die weitverbreitete Oberflachlich- 
keit ein starkes Hindernis fur die notige Verinnerlichung des gesam- 
ten Seelenlebens; sie mufi iiberwunden werden. Diese Schulung ist 
auf den Europaer zugeschnitten, sie erfordert eine gewisse seelische 
Energie, sie ist aber nicht schwer. Jeder kann sie ausfuhren, der nur 
ernstlich will. Doch gilt auch hier der Goethesche Satz: «Zwar ist es 
leicht, doch ist das Leichte schwer. » 

Meine lieben Freunde! So sind wir nun auf die verschiedenen 
Methoden der Schulung eingegangen; und nun will ich damit die 
Vortrage schlieften, dafi ich Ihnen noch einen Einblick gebe in den 
Zusammenhang zwischen dem Menschen und der ganzen Erde, da- 
mit Sie sehen, wie der Mensch zusammenhangt mit alle dem, was 
sonst auf der Erde vor sich geht. 

Ich habe Ihnen die Entwickelung des Menschen geschildert, wie 
er ein immer hoheres Wesen werden kann. Die Menschheit als Gan- 
zes wird ja alles das im Verlaufe der Entwickelung erreichen, was 



jeder einzelne durch eine okkulte Schulung fur sich erreichen kann. 
Was geht nun mit der Erde vor, wahrend sich so Mensch und Mensch- 
heit entwickeln? Denn fur den Okkultisten ist die Erde nicht dasjeni- 
ge, was sie fur den gewohnlichen Geologen oder Naturforscher ist, 
der darin gleichsam nur einen grofien leblosen Ball sieht, der innen 
nicht viel anders ausschaut als aufien, hochstens daft die Stoffe im 
Innern fliissig sind. Es ist ziemlich unverstandlich, wie dieser tote 
Ball allerlei Wesen hervorbringen soli. 

Wir wissen, dafi unsere Erde ganz bestimmte Erscheinungen 
zeigt, die in das Schicksal vieler Wesen tief hineinspielen; doch das 
wird von der heutigen Naturwissenschaft als aufier Zusammenhang 
mit diesem Schicksal stehend betrachtet. So wird zum Beispiel durch 
Erdbeben und Vulkanausbruche in das Schicksal von Hunderten 
und Tausenden eingegriffen. Hat des Menschen Wille darauf einen 
Einflufi oder ist es Zufall? Gibt es tote Gesetze, die blind wiiten, 
oder ist ein Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und dem 
Willen des Menschen? Wie steht es mit dem Menschen, der bei 
einem Erdbeben zugrunde geht? Was sagt der Okkultist iiber das 
Innere der Erde? 

Die Geheimwissenschaft aller Zeiten sagt iiber das Innere der Er- 
de das Folgende: Wir haben uns die Erde zu denken bestehend aus 
einer Reihe von Schichten, die aber nicht genau voneinander abge- 
grenzt sind wie bei einer Zwiebel, sondern sanft ineinander iiberge- 
hen. Die oberste Schicht, die mineralische Masse, verhalt sich zum 
Innern wie die Schale zum ganzen Ei. Diese oberste Schicht nennt 
man die mineralische Erde. Unterhalb derselben zeigt sich etwas, 
was sich mit keiner Substanz der Erde vergleichen lafit, man nennt 
es die flussige Erde. Es ist aber nicht eigentlich eine Fliissigkeit ge- 
meint, denn unsere Flussigkeiten sind ja auch mineralisch; diese 
Schicht hat besondere Eigenschaften. Diese Substanz beginnt nam- 
lich hier geistige Eigenschaften zu haben, darin bestehend, dafi 
sie, als Substanz mit etwas Lebendem zusammengebracht, dieses 
Leben sofort heraustreiben und vernichten wiirde. Der Okkultist 
kann diese Schicht durch eine reine Konzentrationsarbeit unter- 
suchen. 



3. Die Luft-Erde: Das ist eine die Empfindung vernichtende Sub- 
stanz; wird sie zum Beispiel mit einem Schmerz zusammengebracht, 
so verwandelt sie ihn in Lust, und umgekehrt. Es wird sozusagen die 
Empfindung in der Art, wie sie besteht, ausgeloscht, so wie die 
zweite Schicht das Leben ausloscht. 

4. Die Wasser- oder Form-Erde: Diese Schicht besteht aus Kraf- 
ten, die aus jedem Ding materiell das machen, was im Devachan gei- 
stig geschieht. Dort haben wir die Negativbilder zu den physischen 
Dingen. Hier wiirde zum Beispiel ein Wiirfel vernichtet werden, 
sein Negativ aber entstehen. Die Form wird sozusagen in das Ge- 
genteil verwandelt, alle Eigenschaften begeben sich in die Um- 
gebung. Der Raum selbst, den der Wiirfel einnahm, ist leer. 

5. Die Frucht-Erde: Diese Substanz ist voll von strotzender 
Wachstumsenergie. Jedes Teilchen derselben wachst sofort weiter 
wie ein Schwamm, wird immer grofier und kann nur zusammenge- 
halten werden von den oberen Schichten. Sie dient den Formen der 
vorhergehenden Schicht als dahinterstehendes Leben. 

6. Die Feuer-Erde: Diese Substanz hat als solche Empfindung und 
Wille. Sie empfindet Schmerz; sie wiirde schreien, wenn sie getreten 
wiirde. Sie besteht sozusagen ganz und gar aus Leidenschaften. 

7. Der Erdenspiegel, Erdreflektor: Diese Schicht hat ihren Na- 
men daher, dafi ihre Substanz, wenn man sich darauf konzentriert, 
alle Eigenschaften der Erde ins Gegenteil verwandelt. Wenn man al- 
les Dariiberliegende nicht sehen will, sondern direkt im Geist auf 
diese Schicht heruntersieht und sich dann zum Beispiel etwas Grii- 
nes vorlegt, so erscheint das Griine rot; jede Farbe erscheint in ihrer 
Komplementarfarbe, Es entsteht eine polarische Spiegelung, eine 
Widerspiegelung ins Gegenteil. Das Traurige wiirde von dieser 
Substanz in Freude verwandelt. 

8. Der Zersplitterer: Konzentriert man sich mit entwickelter ok- 
kulter Kraft darauf, so zeigt sich einem etwas ganz Merkwiirdiges. 
Es erscheint dort zum Beispiel eine Pflanze zahllos vervielfaltigt, 
ebenso alles andere. Aber das Wesentliche ist, dafi diese Schicht auch 
die moralischen Eigenschaften zersplittert. Sie ist schuld durch die 
Kraft, die sie auf die Oberflache der Erde ausstrahlt, dafi es iiber- 



haupt auf der Erde Streit und Disharmonie gibt. Die Menschen miis- 
sen zusammenwirken in Harmonie, urn die zersplitternde Kraft die- 
ser Schicht zu iiberwinden. Dazu wurde diese Kraft in die Erde hin- 
eingelegt, damit die Menschen die Harmonie selbst entwickeln kon- 
nen. Alles Bose wird substantiell hier vorbereitet und organisiert. 
Streitsiichtige Menschen sind so organisiert, dafi diese Schicht einen 
besonderen Einflufi auf sie hat. Alle, die aus dem Okkultismus her- 
aus geschrieben haben, wufiten das. Dante beschreibt diese Schicht 
in seiner «G6ttlichen Kom6die» als Kains-Schlucht. Der Streit zwi- 
schen den beiden Briidern Kain und Abel kommt von daher. Diese 
Schicht hat substantiell das Bose in die Welt gebracht. 

9. Der Erdkern: Das ist substantiell dasjenige, durch dessen Ein- 
flufi auf der Welt schwarze Magie entsteht. Von hier geht die Kraft 
des geistig Bosen aus. 

Aus dem Obigen konnen wir entnehmen, dafi der Mensch einen 
Bezug hat zu all diesen Schichten, denn sie strahlen fortwahrend ih- 
re Kraft aus. Die Menschen stehen unter dem Einflufi dieser Schich- 
ten und miissen fortwahrend die Krafte derselben iiberwinden. 
Wenn einmal die Menschen auf der Erde selbst Leben ausstrahlen 
werden, wenn sie Lebenforderndes ausatmen werden, dann iiber- 
winden sie die Feuer-Erde. Wenn sie den Schmerz geistig iiberwin- 
den durch Gelassenheit, dann iiberwinden sie die Luft-Erde, und so 
weiter. Wenn die Eintracht siegt, wird der Zersplitterer besiegt. 
Wenn die weifSe Magie siegt, gibt es kein Boses mehr in der Welt. So 
bedeutet also die Evolution des Menschen eine Umgestaltung des 
Erdinnern. Im Anfang war der Erdkorper so, dafi er alles hemmte, 
was sich entwickelte. Zuletzt wird die ganze Erde, durch die Kraft 
der Menschheit umgewandelt, eine vergeistigte Erde sein. Der 
Mensch teilt so sein Wesen der Erde mit. 

Nun kann der Fall eintreten, dafi die substantielle Leidenschaft 
der Feuer-Erde rebellisch wird. Durch die Leidenschaften der Men- 
schen angeregt, dringt sie durch die Frucht-Erde hindurch, zwangt 
sich dann durch die Kanale in die oberen Schichten und flielk sogar 
in die feste Erde hinein, erschiittert diese und bewirkt ein Erdbeben. 
Stolk diese Leidenschaft der Feuerschicht innere Erdensubstanz aus, 



dann entsteht ein Vulkan. Das hat sehr viel zu tun mit dem Men- 
schen. In der lemurischen Rasse war die obere Schicht noch sehr 
weich, und die Feuerschicht lag noch weit oben. Nun besteht eine 
Verwandtschaft zwischen der menschlichen Leidenschaft und der 
Leidenschaftssubstanz dieser Schicht. Wenn der Mensch also sehr 
bose ist, so verstarkt er diese Leidenschaft. Das geschah am Ende der 
lemurischen Zeit. Da machte der Lemurier durch seine Leidenschaft 
die Feuer-Erde rebellischer und richtete den ganzen lemurischen 
Kontinent auf diese Weise zugrunde. Nirgendwo anders kann er die 
wahre Ursache zu diesem Untergang finden als in dem, was er selbst 
aus der Erde heraufgezogen hat. Heute sind die Schichten dichter 
und fester geworden, aber noch immer stehen die menschlichen 
Leidenschaften mit der Leidenschaftsschicht der inneren Erde im 
Zusammenhang; immer noch bewirkt eine Ansammlung boser 
Leidenschaften und Krafte Erdbeben und Vulkanausbriiche. 

Wie der Mensch mit seinem Schicksal und Willen zusammen- 
hangt mit dem, was da geschieht, das konnen wir an zwei Beispielen, 
die wirklich okkult untersucht worden sind, ersehen. Man hat nam- 
lich gefunden, dafi Menschen, die bei einem Erdbeben zugrunde gin- 
gen, in der nachsten Inkarnation spirituelle, geistglaubige Menschen 
geworden sind. Sie waren so weit gewesen, daft es nur noch dieses 
einen Schlages bedurfte, um ihnen die Verganglichkeit des Irdischen 
zu zeigen. Das wirkte im Devachan so sehr nach, dal? sie als Frucht 
fur das nachste Leben lernten, dafi das Materielle das Hinfallige, der 
Geist aber das Uberwindende ist. Nicht alle haben das eingesehen, 
doch viele leben heute auf diese Weise als Menschen, die irgend- 
welchen spirituellen, theosophischen Bewegungen angehoren. 

Bei dem anderen Beispiel wurden die Menschen untersucht, de- 
ren Geburt mit einem Erdbeben oder mit einem Vulkanausbruch 
zusammenfiel. Man fand dabei heraus, daft alle diese Menschen 
merkwiirdigerweise ganz materialistisch gesinnte Menschen ge- 
worden sind. Das Erdbeben oder der Vulkanausbruch war nicht 
die Ursache, sondern es waren die vielen materialistisch gesinn- 
ten Seelen, die, reif zur Geburt, sich durch ihren astralen Willen 
in die physische Welt hineinarbeiteten und die Krafte der Feuer- 



schicht entfesselten, welche dann bei ihrer Geburt die Erde er- 
schiitterten. 

So hangt der Wille des Menschen mit dem, was auf der Erde vor- 
geht, zusammen. Der Mensch verwandelt mit sich zugleich seinen 
Wohnplatz. Mit seiner eigenen Vergeistigung vergeistigt er die Erde. 
Er wird dereinst, auf einem nachsten Planeten, diese Erde durch sei- 
ne eigene Schaffenskraft veredelt haben. In jedem Augenblick, wo 
wir denken und fiihlen, arbeiten wir mit an dem grofien Gebaude 
der Erde, Die Fiihrer der Menschheit schauen hinein in solche Zu- 
sammenhange und suchen der Menschheit solche Krafte zuzufuh- 
ren, welche im Sinne der Entwickelung wirken. Eine der letzten die- 
ser Bewegungen ist die theosophische. Sie soli harmonisierend und 
ausgleichend wirken bis in die tiefsten Untergriinde der menschli- 
chen Seele hinein. Wer noch immer seine Meinung iiber die Liebe 
stellt, das Rechthabenwollen iiber den Frieden, der hat die theoso- 
phische Idee noch nicht ganz begriffen. Die Gesinnung der Liebe 
mufi bis in die Meinung hinein wirken. Wer in einer okkulten Ent- 
wickelung begriffen ist, der lernt das naturnotwendig, sonst kommt 
er nicht weiter. Er verzichtet iiberhaupt auf eine eigene Meinung 
und will nur ein Werkzeug sein der objektiven Wahrheit, die von 
den Geistern kommt und die Welt durchstromt als die eine grofie 
Wahrheit, und je mehr man sich selbst entaufiert und das Sprach- 
rohr wird fur die eine grofSe Wahrheit und seine eigene Meinung 
nicht mehr in Betracht zieht, desto mehr ubt man die wahre theoso- 
phische Gesinnung. Das ist heute aufierordentlich schwer. Aber die 
theosophische Lehre ist selbst eine Friedensstifterin. Wenn wir zu- 
sammenkommen, um in der Lehre zu leben, so stiftet sie Frieden. 
Wenn wir aber hineinbringen, was draufien ist, dann bringt man 
Zwietracht hinein, und das miilke eigentlich eine Unmoglichkeit 
sein. 

So mufi die theosophische Weltanschauung iibergehen in ein Ge- 
fiihl, in etwas, was ich nennen mochte eine geistige Luft, in der die 
Theosophie lebt. Sie mussen den Willen haben zum Verstandnis, 
dann schwebt die Theosophie wie ein einheitlicher Geist iiber den 
Versammlungen, und dann wirkt sie auch hinaus in die Welt. 



Notizen aus der 
FRAGENBEANTWORTUNG 
Stuttgart, 2. September 1906 



Frage iiber die Arbeit des Ich 



Es gibt eine Arbeit am Astralleib, am Atherleib und am physi- 
schen Leib. Am Astralleib arbeitet jeder Mensch; alle sittliche Erzie- 
hung ist Arbeit am Astralleib. Selbst wenn der Mensch mit seiner 
Einweihung, mit der okkulten Schulung beginnt, hat er noch viel an 
seinem Astralleib zu arbeiten. Was bei der Einweihung beginnt, ist 
ein starkeres Arbeiten am Atherleib durch Pflege des asthetischen 
Genusses und der Religion. Bewufk arbeitet der Eingeweihte am 
Atherleib. 

Das Astralbewufitsein ist vierdimensional in einer gewissen Be- 
ziehung. Um sich eine annahernde Vorstellung davon zu machen, 
sei folgendes gesagt: Was tot ist, hat die Tendenz, in seinen drei Di- 
mensionen zu bleiben. Dasjenige, was lebt, geht fortwahrend iiber 
die drei Dimensionen hinaus. Das Wachsende hat in seinen drei Di- 
mensionen durch seine Bewegung die vierte dar- 
innen. Bewegt sich etwas im Kreis und wird der 
Kreis immer grofier angenommen, so kommt 
man endlich doch zu einer geraden Linie. Wir 
wiirden aber mit dieser geraden Linie nicht 
mehr zu unserem Ausgangspunkt zuriickkom- 
men, weil unser Raum dreidimensional ist. Auf 
dem Astralraum, da kommt man dann zuriick, weil der Astralraum 
von alien Seiten geschlossen ist. Es gibt keine Moglichkeit, dort ins 
Unendliche zu gehen. Der physische Raum ist fur die vierte Dimen- 
sion offen. Hohe und Breite sind zwei Dimensionen, die dritte 
Dimension ist das Herausheben und Hereinbringen in die vierte. 
Eine andere Geometrie herrscht auf dem Astralraum. 




Warum sind die Theosophen noch so unvollkommen? 

Man soil in seinem Urteil nicht das Personliche einfliefien lassen, 
sondern eine objektive Beurteilung der Dinge vornehmen. 

liber den Zustand im Devachan. 

Schmerz und Weh ist aufien im Devachan. Man empfindet dort 
die eigenen Schmerzen nicht. Sie sehen den Schmerz dort. Sie sehen 
ihn als Donner, als Blitz, als Farbe. Das ist die Seligkeit. Es sind die 
Bilder von dem, was von dem anderen hier unten geschieht. Der 
Friedenszustand im Devachan ist abhangig von dem Leben des Men- 
schen hier zwischen Geburt und Tod. Harmonie hier bewirkt Frie- 
de dort. Fortwahrend ist der Mensch in den drei Welten. «Ruhe 
sanft!» ist nicht so ganz zutreffend. 

Hat es einen Wert, Seelenmessen lesen zu lassen? 

Gute Gedanken sind wie Balsam fur die Toten. Nicht egoistische 
Liebe soli man ihnen senden, nicht trauern, dafi man die Toten 
selbst nicht mehr hat; das stort den Toten und ist fur ihn wie Bleige- 
wicht. Die Liebe, die bleibt, die nicht Anspruch macht darauf, den 
Toten noch hier haben zu wollen, die mitzt dem Toten und ver- 
mehrt seine Seligkeit. 

Reue? 

Reue hat keinen Wert. Gutmachen mufi man; das kurzt das Ka- 
maloka ab. 

Uber die Gemeinschaft mit den Lieben im Kamaloka. 

Diese Gemeinschaft ist bestimmter, klarer im Devachan, denn 
das Bewufitsein im Kamaloka ist durch das Abtragen personlicher 
Schuld getriibt. 

Lotusblumen? 

Die Lotusblumen sind innerliche Bewegungen, sind im Innern 
des Menschen. 



Wie ist es, wenn man mit den Eltern nicht zusammenstimmt? 

Mit den Eltern nicht zusammenzustimmen ist meist karmische 
Bestimmung. 



"Wie sieht der Astralleib aus? 



Wenn der Astralleib mit seinem physischen Leib zusammen ist, 
hat er etwa die Eiform. Nach dem Tode ist er ein wunderbar leuch- 
tendes, bewegliches Gebilde. Je nach seinen Eigenschaften hat er 
verschiedene Farben, leuchtende Farben. - Diese 
drei leuchtenden Punkte sind erst weit voneinan- 
der getrennte Punkte, die in Verbindung stehen 
und unten die Verbindung offen haben. Die drei 
Punkte stellen Kraftzentren dar; sie ziehen sich im- 
mer mehr zusammen und schauen dann aus wie ein 
kleines Dreieck. 1. Herz, 2. Leber, 3. Gehirn. Bei 
der Neuinkarnation wirken diese drei Punkte mit. 
Im Devachan sind es leuchtende Kraftzentren, die 
von den drei Punkten ausgehen. In der astralischen 
Welt sind diese drei Punkte ein Dreieck, im 
Devachan ist ein Sechseck. Im Devachan ist es 
diese Form, zwei ineinandergeschobene Dreiecke. 
Glocken sind es. 



A 

A 




Frage nicht notiert. 

Atome sind eine Spekulation. Darum vermeiden wir es auch, 
von Atomen zu sprechen, weil es ja nur eine Annahme ist. Man soli 
nichts denken, was nicht Tatsachen sind; nur schauen, beobachten 
soil der Mensch. (Es war iiber das «permanente Atom» gefragt wor- 
den, von dem man damals in Theosophenkreisen sprach.) 



Kann man in die Zukunft schauen? 

Es ist moglich, in die Zukunft zu schauen, aber der Okkultist 
versagt sich dieses, weil es fast nur der hoch Eingeweihte yertragt, 



die Zukunft zu wissen. Das Schauen des Eingeweihten bestimmt 
nicht das, was der andere tut; er tut das in der Zukunft ganz aus 
freiem Willen. 

Uber Familienbeziehungen. 

Bei Familien mit starker Familientradition liegt ein ganz be- 
stimmtes Gesetz vor, wodurch sich das Familienkarma auslebt. Der 
Ahnherr erhalt die Familie so lange, bis er sich selbst wieder in der 
nachsten Inkarnation einen neuen Korper aufbauen kann. Am Blute 
erhalt sich das Kontinuierliche, am Blute hangt der Familienzusam- 
menhang. 

Uber die Kunst. 

Die Kunst ist die Offenbarung geheimer Naturgesetze. Goethe 
sagt: «Das Schone ist eine Manifestation geheimer Naturgesetze, die 
uns ohne dessen Erscheinung ewig waren verborgen geblieben.» Die 
Natur kann ihre Absichten nur bis zu einem gewissen Grade ausfiih- 
ren; der Mensch kann sie zum Ausdruck bringen, aber der Kunstler 
mufi Blut und Leben weglassen. 

Was geschieht mit der Menschenarbeit? 

Was der Mensch einmal der Korperwelt eingepragt hat, das bleibt 
bestehen in der Idee. Was er der Materie eingepflanzt hat, bleibt be- 
stehen. Was die Menschen einstmals geformt haben, wird spater auf 
Erden wachsen. Die Wolken werden spater Gemalde sein, und ein 
Gebilde wie der Kolner Dom wird spater wachsen. 

Uber die Gruppenseelen. 

Die Gruppenseelen werden spater, viel spater dieselben Erfah- 
rungen in sich aufnehmen, die heute der Mensch macht. Sie werden 
sich spater einen eigenen Leib aufbauen. Sie werden ein einzelnes In- 
dividuum werden und werden dann eine Individualseele haben. Aus 
Tieren werden niemals Menschen werden, aber aus den Gruppen- 



seelen werden Menschen werden; zwar ganz andere Menschen als 
wir. Man kann die Menschheitsstufe in der verschiedensten Weise 
durchmachen: auf der Saturnstufe, der Sonnenstufe, der Monden- 
stufe, der Erdenstufe und so weiter. 

Wie stellen Sie sich zum Vaterunser? 

Das christliche Urgebet lautet: Herr, lafi diesen Kelch an mir 
voriibergehen, doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe. - 
Man sollte nicht egoistisch beten. Das Gebet sollte sein eine Er- 
hebung in die geistige Welt, ein Quell der Kraft und der Starkung. 

Uber die Ehe. 

Die Ehe ist ein Dualismus. Alles in der Welt sucht unsere Zeit zu 
Unrecht auf das Sexuelle zuriickzufuhren. In das Gebiet der Ehe 
spielt ein grower Weltengegensatz hinein: Der Mann hat einen weib- 
lichen Atherleib und die Frau einen mannlichen Atherleib. Der 
Geist, das Seelische beim Mann ist mehr weiblich, und umgekehrt. 
Unsere Seele strebt zu dem Hochsten. Der Mann wird daher dieses 
Hochste vergleichen mit dem Weiblichen, weil seine Seele weiblich 
ist. Das Aufiere, der Leib, wird nur das auftere Symbol, ist nur ein 
Gleichnis. «Alles Vergangliche ist nur ein Gleichnis.» «Das Ewig- 
Weibliche zieht uns hinan.» 

Uber den Ich-Leib. 

Der Ich-Leib zeigt sich dem Hellseher als eine blaue Hohlkugel 
zwischen den Augen, hinter der Stirn. Wenn der Mensch anfangt, 
daran zu arbeiten, so gehen Strahlen von diesem Punkte aus. 

Uber das Wesen des Kometen. 

Der Komet ist eine Ansammlung von Kama, Wunschmaterie, 
ohne die entsprechende Geistmaterie. Der Komet bringt es nur bis 
zum Astralkorper. Die Sichtbarkeit des Kometen entsteht durch die 
starke Reibung der Athermaterie, durch die der Astralkorper durch- 
gegangen ist. 



Uber das Sehen der Aura. 



Das Wahrnehmen der Aura ist nur eine Frage des Sehens. 



Wie entstand Gold? 

Da haben Sie zuerst die Athermasse. 



Feuer Feuerather 

Luft Lichtather 

Wasser Chemischer Ather 

Erde Lebensather 



Kein Leben kann entstehen ohne den Lebensather, der den Korper 
ausfullt. Jeder Ather kann abgekiihlt und dadurch fest werden. Gold 
rann friiher in Kliiften und noch friiher war es gasformig, war Feuer- 
ather, Lichtather. Die Strahlen, die heute in der Sonne zu uns kom- 
men, waren friiher Athermaterie. Alles Gold war damals Sonnen- 
ather, Lichtather. Gold ist verdichteter Sonnenather, verdichtetes 
Sonnenlicht, Silber ist verdichtetes Mondenlicht. 



Welche Wesenheiten bewohnen den Mond? 

Der Mond ist mit solchen Wesenheiten bevolkert, die auf fruherer 
Stufe der Entwickelung stehengeblieben, die sitzengeblieben sind: 
luziferische Wesenheiten. Auf dem alten Monde gab es solche Wesen- 
heiten, die so weit ins Bose heruntergefallen waren, dafi sie die Ent- 
wickelung nicht weiter mitmachen konnten. Diese verankerten sich 
auf dem Monde. Im abnehmenden Monde zeigen sich diese bosarti- 
gen Wesenheiten besonders. Beim zunehmenden Monde sind sie 
weniger schadlich. Greuliche Wesenheiten bewohnen den Mond, 
aber auch giinstige Wesenheiten, auf Wachstum und Geburt wirkende 
Wesenheiten. 



Uber das Buch der Offenbarung. 

Dieses Buch mit den sieben Siegeln in der Offenbarung des 
Johannes schreibt der Mensch selbst zunachst. Er evolviert und in- 



volviert es. Das zuerst Hineingeschriebene ist das, was die sieben 
Unterrassen sind. Jede Unterrasse hat ein Blatt hineingeschrieben 
und versiegelt, und in der nachsten Unterrasse wird es entsiegelt. 

Uber den Unterschied zwischen Verbrennen und Begraben. 

Der Unterschied besteht hauptsachlich fur den Atherleib. Fur 
den physischen Leib befordert dann das Verbrennen eine regelma- 
fiige Auflosung in den Weltenraum. «Verwesen» heilk: zu seinem 
Wesen zuriickgehen. 

Uber die Nachstenliebe, 

Die Nachstenliebe ist ganz selbstverstandlich; ich mufi sie selbst tun. 
Uber das Leben Jesu. 

Das Leben Jesu ist zugleich Symbol und Tatsache. Den Beweis 
fur das Leben Jesu kann nur die Geisteswissenschaft geben. Histori- 
sche Beweise finden sich nicht, weil Christus als hoher Eingeweihter 
denen, die die damalige Geschichte schrieben, nicht bekannt war. 

Uber das innere Wort. 

Das innere Wort entwickelt sich, nachdem der Mensch bereits 
astral schauen gelernt hat. Dann kommt er in den Devachanzustand, 
da hort er die Weltengeheimnisse tonen, tonen in sich, und da hort 
er dann den Namen, den jedes Ding hat. Auch dem Eingeweihten 
wird spater dieser sein eigener Name gesagt, und diesen zu meditie- 
ren ist von ganz besonderer Wirksamkeit. Das ist dann das innere 
Wort. Er wird dadurch erweckt, und dieses innere Wort ist dann der 
sichere Fiihrer fur die spatere Entwickelung. 



Notizen aus der 
FRAGENBEANTWORTUNG 
Stuttgart, 4. September 1906 



In friiherer Zeit war der Atherleib des Menschen noch aufterhalb 
seines physischen Leibes, ebenso natiirlich das Ich-Bewulksein. Die 
Seele arbeitete von aufien am physischen Leibe. Ebenso ist es noch 
mit dem Atherleib des heutigen Pferdes. 

Woher kommen die Namen der Tierkreissternbilder? 

Das gesamte Tierreich war einstmals im Menschen darinnen, das 
heifk der Mensch stand auf einer Stufe zwischen dem heutigen Tier- 
reich und Menschenreich. Um sich weiter entwickeln zu konnen, 
mufite er die Teile aus sich ausscheiden, die seine Entwickelung 
nicht mitmachen konnten. Er schied damals das aus, was dann heute 
unser Tierreich bildet. Urspriinglich also waren die Tiere weit weni- 
ger vom Menschen unterschieden als jetzt. Sie degenerierten dann 

allmahlich. Nun ging das Aus- 
scheiden des Tierreiches aber 
nicht plotzlich vor sich, sondern 
ganz allmahlich. Erst die Fische, 
T"<fUp IV a . ► i , dann Reptilien und Amphibien, 

r«SC»]e |\^H»plj»»i«« dann Vogel und Saugetiere. Und 
tfhc) ^€pti Uett bei diesen Gruppen gab es ja auch 
„ s \ wieder nur ein allmahliches Aus- 

Voyei scheiden. So wurden die Raubtiere 

| * 5civ/^et*l C YQ zum Beispiel friiher ausgeschieden 
* als die Affen. Als nun die Lowen 

ausgeschieden wurden, da nannte 
man das Sternbild, in dem die Sonne stand, Lowe, und als der 
Mensch die Stiernatur ausschied, nannte man das Sternbild Stier. 
Die Namen der vier apokalyptischen Tiere in der Offenbarung des 
Johannes deuten auf dasselbe hin. Sie heifien Adler, Lowe, Stier, 





Mensch. Aber damit sind noch nicht die Nam en aller Tierkreisbil- 
der erklart. 

Der Mond friiherer Zeit - bevor sich die Erde ausschied - be- 
stand aus weicher Pflanzenmasse, wie lebendiges Moor oder Spinat- 
masse, durchzogen von einem holzartigen Geriist, das heute sich zu 

Felsen verhartet hat. In dieser weichen Masse 
lebten die Mondpflanzen, eigenthch Pflanzen- 
tiere, zwischen den heutigen Tieren und Pflan- 
zen stehend. Sie lebten also in Pflanzenmasse. 
Bei der Ausscheidung der Erde, wo sich die vier 
Naturreiche, Mineralien, Pflanzen, Tiere und 
Menschen bildeten, machten einige die voile 
Umwandlung zur heutigen Pflanze nicht mit. 
So entstanden die Schmarotzerpflanzen. 

«Eh' vor den Meistern kann die Stimme sprechen, mufi das Verwunden sie verlernen.» 
(Aus «Licht auf den Weg» von Mabel Collins.) 

Wenn wir einen Liebesgedanken aussenden, so bildet er eine 
wunderschone Gedankenform, aussehend wie eine Blume, die sich 
sanft offnet und den, dem der Liebesgedanke gilt, ganz umfalk. 
Denkt man einen Hafi- 
gedanken, so bildet er 
einespitze,eckigeForm, 
oben geschlossen, um 
zu verwunden. Dasje- 
nige, was wir als «Mei- 
ster» bezeichnen, ist die 
gottliche Stimme, die in 
uns spricht. Sie spricht 
immer, aber wir lassen 
sie nicht immer heraus. 
Der Liebesgedanke ist 

offen, da kann die Stimme des Meisters hindurchtonen. Aber die 
geschlossene Gedankenform des Hasses lafit die gottliche Gedanken- 
form keinen Ausweg finden, so dalS sie ungehort bleiben mufi. 






o 



Eine Liige ist ein Mord im Astralen. 

Nehmen wir an, ich denke folgenden Gedanken: Ich bin einem 
Menschen begegnet. Eine ganz bestimmte Gedankenform wird da- 
durch erzeugt. Nun sage ich dasselbe zu einem andern: Ich bin 

einem Menschen begegnet. - Wie- 
derum wird dieselbe Gedanken- 
form erzeugt. Die beiden Gedan- 
kenformen begegnen sich und 
verstarken einander. Luge ich 
aber und sage: Ich bin dem Men- 
schen nicht begegnet - so wird eine Gedankenform erzeugt, die der 
ersteren entgegengesetzt ist. Die beiden Gedankenformen prallen 
zusammen und zerstoren einander. Die Explosion erfolgt im Astral- 
leib des Lugners. 

Wodurch schiitzt man seinen Astralleib vor schlechten Einfliissen? 

Am besten dadurch, dafi man selbst rein und wahr ist. Als beson- 
deres Schutzmittel kann man sich aber auch durch energische Wil- 
lenskonzentration eine astrale Hiille, einen blauen Einebel bilden. 
Man sagt sich fest und eindringlich: Alle meine guten Eigenschaften 
sollen mich umgeben wie ein Panzer! 

Warum hatten die ersten Christen neben dem Symbol des Lammes auch das des 
Fisches? 

Bei den Fischen, speziell beim 
Amphioxus, fangt das Rucken- 
mark an, sich zu bilden. Der 
Mensch stand einmal in diesem 
Stadium, er hatte die Fischnatur 
noch in sich, war ganz Seele und 
arbeitete von aufien an seinem 
Leibe. Dann schied er die Fische 
aus. Aus dem Ruckenmark bildete sich spater das Gehirn. - Dies hat 
Goethe schon gewufit. Dr. Steiner fand dies als kleine Notiz mit Blei- 
stift in ein Notizbuch eingetragen, als er im Goethe- Archiv in Wei- 




mar arbeitete. - Dadurch wird der Mensch ein Selbst. Aber veredelt 
wird dies Selbst durch das Christentum, und daher ist der Fisch das 
Symbol der Christen. Dasselbe sagt die Sage von Jonas. Jonas - der 
Mensch - ist erst aufierhalb des Fisches, das heifit als Seele von 
aufien arbeitend. Dann wird er ein Selbst und schlupft in den Fisch - 
den physischen Leib - hinein. Bei der Einweihung verlafit der 
Mensch den physischen Korper wieder. 

Sieht man nach dem Tode physische Gegenstande? 

Nach dem Tode sieht man nichts Physisches, aber das entspre- 
chende Astrale, astrale Kraftgegenbilder, und devachanische. Das 
Mineralische fehlt; es erscheint als Hohlraum, wie ein photographi- 
sches Negativ. Eine Uhr sieht man im Devachan, da eine menschli- 
che Absicht dabei ist. So sieht man dort jedes Menschenwerk. 



Manas 
Kama Manas Ich 

Kama Astralleib 
Prana Atherleib 

Physischer Leib 

Die allgemeine Lebensflut heifit Prana. Sie rinnt wie Wasser; ist sie 
aber geformt, wie man Wasser in ein Gefafi giefit, in den physischen 
Leib gegossen, so spricht man von Atherleib. Ebenso heifit die allge- 
meine Astralmaterie Kama, das heifit Wunschmaterie. Zu einem 
Leibe geformt, sagt man Astralleib. Das Ich ist das Zentrum der Per- 
son. Kama ragt hinein und ebenso Manas. Das Ich ist also aus Kama 
und Manas zusammengemischt. Das Kama soil ganz umgewandelt 
und veredelt werden, so dafi Manas daraus wird. Wird der Atherleib 
veredelt, so entsteht Budhi, und Atma entsteht durch Verwandlung 
des physischen Leibes. 



Atma 
Budhi 



umgestalteter physischer Leib 
umgestalteter Atherleib 



Die Mental-Ebene 



Kausalleib 
Kausalleib 
Kausalleib 

Akasha-Chronik 

Atherkreis 
Luftkreis 

Meeresgebiet, wie das Blut im Menschenleib 
Kontinentalgebiet 

Das Kontinentalgebiet enthalt alles Physische, das Meeresgebiet alles 
Leben, der Luftkreis alle Empfindungen und der Atherkreis alle Ge- 
danken. An der Grenze des Atherkreises ist die Akasha-Chronik. 
Sie enthalt alles, was je gedacht ist. Jenseits der Akasha-Chronik 
liegt alles noch nicht Gedachte, Arupa. Alles neu Gedachte, alle Er- 
findungen und so weiter kommen aus der Aruparegion. Wer Kama 
Manas entwickelt hat, kommt nach dem Tode bis in den Atherkreis, 
zu selbstandigen Gedanken. Das Ich gestaltet den Astralleib, so dafi 
Manas daraus wird. Alles Manas, was noch nicht ins Astrale gezogen 
wurde, ist Arupa. 

Lebensverneinung und Lebensbejahung. 

Schopenhauer sagt, der vernunftlose Wille erbaue die Welt. Ihn 
miisse drum die Vernunft vernichten, damit die Welt zugrunde ge- 
he. Dadurch werde der Mensch erlost. Schelling, Hegel und Fichte 
vertreten eine andere Richtung, die sich ausdriicken lafit in den 
Worten: «Von Gott - zu Gott!» Betrachten wir die Lebensvernei- 
nung und Lebensbejahung in einem Gleichnis: Ich zeige jemandem 
ein Stuck magnetisches Eisen und sage ihm, daft in dem Eisen eine 
unsichtbare Kraft steckt, die Magnetismus heifit. Er antwortet: Ich 
will nichts von dieser Kraft wissen, ich bejahe das Eisen. - Ganz 
ahnlich so macht es der, welcher gegeniiber den Dingen in der Welt 
sagt, er bejahe die Welt. Gewifi, er bejaht die Welt, aber er verneint 
die unsichtbaren Krafte darin. Nur der bejaht in Wahrheit das Le- 



Arupa 



VII 
VI 
V 



Rupa 



IV 
III 
II 
I 



ben, der die geistigen Wesenheiten sucht. Das halbe Leben verneint 
der andere. Manche Theosophen sagen: Ich kiimmere mich nicht 
um die Welt, ich will nur mein hoheres Selbst entwickeln. - In 
Wahrheit suchen diese nur den niederen Menschen. Der hohere 
Mensch ist iiberall drauften. Wenn ich die ganze Welt in mir fuhle, 
dann habe ich mich, mein hoheres Selbst gefunden. Mein Selbst ist 
aufter mir. Welt-Erkenntnis ist Selbst-Erkenntnis! 

Welche Wirkung hat die Suggestion? 

Die Suggestion wirkt auf das Ich. Die hoheren Korper werden 
aus dem physischen Leibe herausgehoben und der Ich-Leib folgt 
dann ohne physisches Gehirn dem Hypnotiseur unbewufit. Das 
physische Gehirn, die Kontrolle der Handlungen, wird gelost. Beim 
Eingeweihten ist es anders. Er behalt die Kontrolle und das Bewulk- 
sein auch ohne physisches Gehirn und kann deswegen nicht hypno- 
tisiert werden. 

Die «Pistis-Sophia». 

Dieses Buch ist in koptischer Sprache verfalk und enthalt viel 
von den Reden Christi bei der Einweihung seiner Jiinger, viele in- 
nere Auslegungen der Gleichnisse. Am bedeutsamsten ist das 13. 
Kapitel. Die at^ap^iivyj (Haimarmene) ist Devachan. Die ganze iiber- 
sinnliche Welt wird eingeteilt in zwolf Aonen. Dies sind die sieben 
Abteilungen des Astralplanes und die fiinf untersten Abteilungen 
des Devachan. Vom Devachan aus konnen abgeirrte Geister ge- 
reinigt werden, Der Lichtreiniger vor Christus ist Melchisedek. 
Er ist gemeint, wenn vom miaxonoc, (Episkopos) des Lichts die Rede 
ist. 

Unter dpxovres (Archontes) sind die bdsen Machte zu verstehen. 
Frage nicht notiert, 

Kampf und Diskussion ist nicht das Gebiet der Theosophie. Wir 
sollen nicht mit Streiten unniitz Zeit vergeuden, sondern nur zu 
denen reden, die Herz und Sinn fur die Theosophie haben. 



Warum sagt Christus: «Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben» - wo doch 
schon vor ihm grofie Religionsstifter den Weg wiesen? 

Man mufi sich zunachst in die Sprechweise der damaligen Zeit 
versetzen. Damals horte man mit dem aufieren Wort auch zugleich 
den geistigen Inhalt des Wortes. Dann bedenke man folgendes: 
Christus war die Verkorperung der zweiten Person Gottes. Kein 
Religionsstifter vor ihm hatte die ganze Fulle des Logos in sich ver- 
korpert. Was aber an Gottlichem sich in seinen Vorgangern verkor- 
perte, das war schon ein Teil des Logos, also Christus selbst. Er be- 
greift also alles vor ihm mit ein in die Worte: «Ich bin der Weg, die 
Wahrheit und das Leben.» Dann kann man diese Worte auch noch 
in anderem Sinne wortlich nehmen. Die Religionsstifter vor Chri- 
stus zeigten den Weg und lehrten die Wahrheit, aber sie lebten nicht 
das Gottes-Mysterium der Menschheit vor. Sie konnten darum sa- 
gen: Ich bin der Weg und die Wahrheit. - Christus allein kann sa- 
gen: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. - Nun heilk 
Elias «Weg» und Moses «Wahrheit». Bei der Verklarung erscheint 
Christus und mit ihm Elias und Moses. Die Verklarung sagt also: 
Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. - Das Eingehen 
Buddhas in Nirvana, sein Tod, ist dasselbe wie die Verklarung 
Christi. Wo Buddha also seine Wirksamkeit beendet, da beginnt 
eigentlich erst Christi Wirken, sein Leben. 



HINWEISE 



Zu dieser Ausgabe 

Der vorliegende Vortragszyklus wurde von Rudolf Steiner vor Mitgliedern der dama- 
ligen Theosophischen Gesellschaft in Stuttgart gehalten. Er verwendete dabei die den 
Horern vertraute theosophische Terminologie, jedoch immer im Sinne seiner spater 
«Anthroposophie» genannten Geisteswissenschaft. 

Textgrundlagen: Wortliche Nachschriften oder Stenogramme gibt es nicht, zur 
damaligen Zeit wurden die Vortrage noch nicht offiziell durch Stenografen mitge- 
schrieben. Handschriftliche Notizen verschiedener namentlich nicht bekannter Teil- 
nehmer mit gekiirzter oder frei referierter Wiedergabe der Vortragsinhalte wurden 
zunachst von Hand zu Hand weitergegeben und gelangten um 1908 nach London 
in die Hande des jungen Frankfurter Mitgliedes Erich Trommsdorff (1885-1967), 
der sich dort zu Studienzwecken aufhielt. Trommsdorff iibertrug die handschriftli- 
chen Notizen aus eigener Initiative erstmals in Maschinenschrift, wobei er das «teil- 
weise recht holprige Deutsch etwas glattete» (Brief Trommsdorff vom 4.3.1964), 
und sandte eine Kopie an Adolf Arenson nach Stuttgart. Diese Abschrift von Handno- 
tizen, abschnittweise mit Kapiteliiberschriften versehen, wurde 1910 in der Bearbei- 
tung von Adolf Arenson (1855-1936) in Form eines Manuskriptdruckes und mit 
der Bezeichnung «Zyklus 1» herausgegeben. Viele Jahre spater, etwa um 1930, hat 
Arenson anhand von Aufzeichnungen Alfred Reebsteins handschriftlich eine zweite 
Textfassung erstellt, die sich von der als «Zyklus 1» erschienenen ersten Fassung im 
wesentlichen dadurch unterschied, dafi er nun eine Gliederung nach den Vortragsda- 
ten vornahm, um den urspriinglichen Ablauf des Vortragszyklus herzustellen. Hierbei 
iibernahm er die bisherigen Uberschriften der einzelnen Abschnitte als Vortragstitel, 
obgleich diese Abschnitte mit den Vortragsdaten nur teilweise ubereinstimmen. Ge- 
druckt wurde diese zweite Textfassung erst 1964, sie liegt den Auflagen 1964 und 
1978 der Gesamtausgabe zugrunde (herausgegeben von Johann Waeger). 

Fur die Auflage 1990 wurde eine Textdurchsicht und ein Vergleich mit spater 
aufgefundenen Notizen von Karl Kieser, Louise Boese und Alice Kinkel vorgenom- 
men. Hieraus ergaben sich eine Reihe von Verbesserungen und Erganzungen sowie 
einige Textvarianten; letztere sind bei den Hinweisen zu der jeweiligen Seite abge- 
druckt. 

Der auf diese Weise aus den Notizen mehrerer Teilnehmer entstandene Text kann 
nicht als authentischer Wortlaut Rudolf Steiners angesehen werden, doch gibt er 
Inhalt und Aufbau der Vortrage im ganzen wieder, auch wenn im Detail Liicken 
oder auch Fehler enthalten sein mogen. 

Textunterlagen zu den Fragenbeantwortungen: 2. September 1906: Notizen von 
Alice Kinkel. 4. September 1906: Notizen von Hilde Stockmeyer. 

Der Titel des Bandes geht auf die Ausgabe 1910 von Adolf Arenson zuriick. 

Die Zeichnungen im Text wurden von Hedwid Frey nach den Textunterlagen 
angefertigt. 



Hinweise zum Text 



Werke Rudolf Steiners innerhalb der Gesamtausgabe (GA) werden in den Hinweisen mit der 
Bibliographie-Nummer angegeben. Siehe auch die Ubersicht am Schlufi des Bandes. 

Zu Seite 

11 Jakob Bohme: Abraham von Franckenberg «Lebensbeschreibung Jakob B6hmes». 

13 das Wissen von sinnlichen Dingen: In «Zyklus 1» hieft es «von ubersinnlichen Dingen». 

17 Jean Paul, eigentlich Johann Paul Friedrich Richter. «Wahrheit aus Jean Pauls Leben», 
erstes Heftlein, 2. Vorlesung, Breslau 1926: 

«Nie verged ich die noch keinem Menschen erzahlte Erscheinung in mir, wo ich bei 
der Geburt meines Selbstbewufitseins stand, von der ich Ort und Zeit anzugeben weifi. 
An einem Vormittag stand ich als ein sehr junges Kind unter der Hausture und sah 
links nach der Holzlege, als auf einmal das innere Gesicht, ich bin ein Ich, wie ein 
Blitzstrahl vom Himmel vor mich fuhr, und seitdem leuchtend stehen blieb: da hatte 
mein Ich zum erstenmale sich selber gesehen und auf ewig. Tauschungen des Erinnerns 
sind hier schwerlich denkbar, da kein fremdes Erzahlen sich in eine blofi im Verhangnen 
Allerheiligsten des Menschen vorgefallne Begebenheit, deren Neuheit allein so alltagli- 
chen Nebenumstanden das Bleiben gegeben, mit Zusatzen mengen konnte.» 

17 f. Manas, Budhi, Atma: Rudolf Steiner verwendet hier die den Zuhorern aus der theoso- 
phischen Literatur vertrauten Ausdriicke. In seinem 1904 erschienenen Buche «Theoso- 
phie» (GA 9) hatte er diese bereits ersetzt durch «Geistselbst, Lebensgeist, Geistes- 
mensch». 

19 Helen Keller, amerikanische Schriftstellerin; sie wurde im Alter von 19 Monaten blind 
und taub. «Die Geschichte meines Lebens», deutsch Stuttgart 1905; «Optimismus», 
deutsch Stuttgart 1906. 

eine geniale Lehrerin: Miss Anne Mansfield Sullivan (Mrs. Macy), Erzieherin und Lehre- 
rin, die Helen Keller so weit vorbildete, daft sie sechzehnjahrig eine Schule in Boston 
besuchen konnte, wo sie unter Mitwirkung der Schulleiterin, Miss Sarah Fuller, sprechen 
lernte. 

20 Subba Row (Rao): Ein gelehrter Inder, schrieb Aufsatze in der Zeitschrift «Theosophist», 
die spater gesammelt herausgekommen sind unter dem Titel «Esoteric Writings*, 2. 
Auflage 1931, Adyar, Madras. 

20 Arthur Schopenhauer, 1788-1860, Philosoph. Der angefuhrte Satz ist das Motto zu 
seiner «Preisschrift fiber die Grundlage der Moral*, 30. Januar 1840. In der Schrift 
«Uber den Wilien in der Natur», 1836, findet sich der Satz: «Da ergibt sich, daft Moral- 
Predigen leicht, Moral-Begrunden schwer ist.» 

24 Tat Warn asi: Sanskrit, in den Vedas. 

25 Die Sonne tont nach alter Weise: Goethe «Faust» I, Prolog im Himmel, 243-246. 
Tonend wirdfiir Geistesohren: «Faust» II, 1. Akt, 4667-4674. 

34 So ihr nicht werdet wie die Kindlein: Matth. 18, 3. 



37 Broschiire des Spiritisten Langsdorff: Georg von Langsdorff, Freiburg i.Br., war Ende 
des 19. Jahrhunderts auf spiritistischem Gebiet als IJbersetzer und Publizist bekannt. 
Vgl. hieriiber Carl Kiesewetter, «Geschichte des neueren Okkultismus», Leipzig o.J. 
(1891). Auf welche Broschiire Rudolf Steiner sich hier bezieht, lieft sich nicht feststellen. 

Helena Petrowna Blavatsky, in theosophischen Kreisen H. P. B. genannt. Siehe den 
Abschnitt «Reincarnations» im Kapitel X von «Isis Unveiled». 

40 f. in einem Zeitraum von 2160 Jabren: In der als «Zyklus 1» bezeichneten ersten Ausgabe 
stand «2600 Jahre». Den vorhandenen Textunterlagen ist nicht zu entnehmen, ob Rudolf 
Steiner diese Zahl genannt hat, oder ob sie von den Horern so verstanden wurde. 

42 Goethe sagt: Wortlich: «... und so bildet sich das Auge am Lichte furs Licht ...», 
«Entwurf einer Farbenlehre. Einleitung», S. 88. In Band III von «Goethes Naturwissen- 
schaftliche Schriften», 5 Bande, herausgegeben und kommentiert von Rudolf Steiner in 
«Kurschners Deutsche National-Litteratur», GA la-e. 

44 Michelangelo Buonarroti: Der «Moses» fur das Grabmal Julius' II. steht in der Kirche 
S. Pietro in Vincoli zu Rom. 

51 Zeile 11 v. o.: Das ist der unberechtigte, falsche «Hiiter der Schwelle». Textvariante in 
der Mitschrift von Alice Kinkel: Es sind diese Wesen unter der Bezeichnung «unberech- 
tigte Hiker der Schwelle» bekannt, wie zum Beispiel in «Zanoni» von Bulwer, wo sie 
als entsetzliche Qualer der betreffenden Menschen auftreten. 

52 Lipikas, Maharajas: Hohe Geistwesen, die mit der Geburt und dem Schicksal des Men- 
schen zusammenhangen. 

53 Der vorletzte Absatz fehlte in den bisher gedruckten Auflagen. 

55 Aristoteles sagt mit Recht: Der angefiihrte Satz findet sich in der Abhandlung «Uber 
die Dichtkunst», Kapitel 4. Im Zyklus 1 ist das griechische Wort «Zoon» mit «Tiere» 
wiedergegeben. Neuere Ubersetzer sagen «lebende Wesen». 

58 wird ein Buch herausgegeben: «Die Erziehung des Kindes vom Gesichtspunkte der 
Geisteswissenschaft», als Vortrag gehalten an verschiedenen Orten Deutschlands, er- 
schien zuerst, zum Aufsatz umgearbeitet, in Rudolf Steiners Zeitschrift «Lucifer-Gno- 
sis», 1907, im selben Jahre als Broschiire. Jetzt in «Lucifer-Gnosis 1903-1908», GA 34, 
und als Einzelausgabe. 

69 «Der da heimsuchet der Vater Missetat ...»: 2. Mos. 20, 5. 

71 Bach: Der bedeutendste ist Johann Sebastian Bach, 1685-1750; als Musiker bekannt 
auch seine Sonne Friedemann Bach, 1710-1784, Philipp Emanuel Bach, 1714-1788, 
Johann Christian Bach, 1735-1782. 

Bernoulli: Mathematikerfamilie in Basel. Jakob Bernoulli, 1654-1705, Johann Bernoulli, 
1667-1748, Nikolaus Bernoulli, 1687-1759, Daniel Bernoulli, 1700-1782. 

75 Antoine Fahre d'Olivet, der Erforscher der Anfangskapitel der Genesis: «La langue 
hebraique restituee», 1816. Wo das Bild von der Perle gebraucht wird, konnte bisher 
nicht nachgewiesen werden. 

86 Arupa: Sanskrit, «formlos»; die hochsten Gebiete des Devachan bezeichnend. 

Rupa: Sanskrit, «Form». Die Rupa-Ebenen sind die niederen Spharen des Devachan. 



86 f. In der «Geheimlehre» von H. P. B. finden wir eine merkwUrdige Stelle: Band I, Kom- 
mentare, Strophe VI. 

88 wie Plato es ... ausdriickt: Im Dialog «Timaios». 

93 Zeile 4 von unten: Die Umgebung wurde sichtbar. Textvariante (Nachschreiber unbe- 
kannt): Diesen Gebilden, welche sonst von der gemeinsamen gottlichen Atmosphare 
versorgt worden waren, wurde nunmehr die Umgebung sichtbar. 

Bibelzitate: 1. Mos. 1, 1; 1. Mos. 1, 3^. 

97 Zeile 27 von oben: spater mit dem Astralen: So steht es seit der Auflage 1964 nach der 
Mitschrift von Karl Kieser. In «Zyklus 1» stand hier «mit dem Ather». 

98 Zeile 3 von oben: Nicht umsonst haben die Alten . . .: Textvariante Kieser: 
Nicht umsonst haben die orientalischen Sprachen . . . 

Manasaputras: Nach der «Geheimlehre» von H. P. Blavatsky «S6hne der Weisheit, wel- 
che den Menschen bei der Schopfung mit Manas begabten.» 

«Und Gott bauchte Adam den Odem des Lebens ein, 1. Mos. 2, 7. 

115 Alles, was aus der Akasha-Chronik erztiblt worden ist: Gemeint sind die Aufsatze «Aus 
der Akasha-Chronik», die von Rudolf Steiner in seiner Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» 
vom Juli 1904 bis Mai 1908 veroffentlicht worden sind. In der Gesamtausgabe GA 11. 

117 in den folgenden sechs Ubungen: Die Ubungen wurden von Rudolf Steiner im Oktober 
1906 schriftlich formuliert unter der Uberschrift «Allgemeine Anforderungen, die ein 
jeder an sich selbst stellen mufi, der eine okkulte Entwickelung durchmachen will». Sie 
sind abgedruckt im Band «Anweisungen fur eine esoterische Schulung», GA 245. 

Zu dem Abschnitt «Gedankenkontrolle»: Die Mitschrift Boese enthalt hier zusatzlich 
noch folgendes: 

Setzen Sie sich zum Beispiel hin und lassen Sie nichts von aufieren Dingen hereinkom- 
men. Denken Sie, Sie wollen Mut in sich hineinbringen. Nun gliedern Sie Ihre Gedanken 
um den Mut herum: Was der Mut in Ihrem bisherigen Leben fur eine Rolle gespielt 
hat, was er in der Welt bedeutet, was fur mutige Helden es gegeben hat und so weiter. 

118 «Himmelhoch jauchzend, / Zum Tode betriibt»: Aus Klarchens Lied in Goethes «Eg- 
mont», 3, 2. 

eine persische Legende: Siehe Goethe, Noten und Abhandlungen zu besserem Verstand- 
nis des West-ostlichen Divans, «Allgemeines». 

123 die Art der Anweisung . . . innerhalb einer orientalischen Schulung: Nach dem alten 
klassischen Werk: «Die Yoga-sutras des Patanjali». 

127 Die moderne Kultur hat die Formen verloren: Die Mitschriften Boese und Kieser enthal- 
ten hier zusatzlich folgendes: 

Nicht einmal zu einer richtigen Form der Kleidung hat es die heutige Industriekultur 
gebracht, weil man keine Ahnung davon hat, dafi das, womit man sich umgibt, ein 
Abbild von dem ist, was in der Seele lebt. So scheufilich kleiden wir uns heute, weil 
wir so arm an innerem Leben sind. 



129 In einer Thiiringer Staatszeitung: In dem in Gotha erscheinenden «Reichsanzeiger» 
veroffentlichte Karl August Kortum am 8. Oktober 1796 einen Aufruf mit dem Ziel, 
«die vielen Sucher des Steins der Weisen» zu gemeinsamem Studium in einer «Hermeti- 
schen Gesellschaft» zu vereinigen. Siehe «Der Stein der Weisen und die Kunst Gold zu 
machen. Irrtum und Erkenntnis in der Wandlung der Elemente, mitgeteilt nach den 
Quellen der Vergangenheit und Gegenwart» von Willy Bein, Voigtlanders Quellenbu- 
cher Nr. 88, Leipzig o.J. (1915). 

131 «Licht auf den Weg»: Von Mabel Collins. Siehe auch Rudolf Steiners Exegese zu dieser 
Schrift in Abschnitt VI des Buches «Anweisungen fur eine esoterische Schulung», GA 
245. 

136 dem Papst gewidmet: Paul III., Alessandro Farnese. 

139 Gewisse «geistige» Heilweisen machen diesen Fehler: Bezieht sich auf die Christian 
Science. 

140 erwahnten sechs Eigenschaften: Siehe den zwolften Vortrag. 

141 «Alles Vergdngliche / 1st nur ein Gleichnis»: Chorus mysticus, «Faust» II von Goethe, 
12104. 

der Windling: Die Winde, Convolvulus. 

«Wie erlangt man Erkenntnisse der hdheren Weltenf»: Als Aufsatze erschienen in der 
Zeitschrift «Luzifer-Gnosis», Juni 1904 bis September 1905; erste Buchausgabe 1909 
(GA 10). 

144 «2war ist es leicht, doch ist das Leichte schwer»: Worte des Mephisto in Goethes «Faust» 
II, 4928. 

147 Dante Alighieri: Die Kains-Schlucht in der «G6tdichen Kom6die»: die Kaina, 32. Gesang 
der «H6lle». 



Zum 9. Vortrag, 31. August 1906: 

SCHEMATISCHE UBERSICHT 
DER WELTENTWICKELUNGSSTUFEN 

7 Bewufttseinszustdnde (Planeten): 

1. Trancebewufitsein, Allbewufitsein (Saturn) 

2. Tiefschlafbewulksein, traumloses Bewufitsein (Sonne) 

3. Traumbewufksein, Bilderbewufitsein (Mond) 

4. Wach- oder Gegenstandsbewufksein (Erde) 

5. Psychisches Bewufitsein, bewuikes Bilderbewufitsein (Jupiter) 

6. Uberpsychisches Bewufksein, bewufites SchlafbewuStsein (Venus) 

7. Spirituelles Bewufitsein, bewufites Allbewufitsein (Vulkan) 

zu je 7 Lebenszustdnden (Runden, Reiche): 

1. Erstes Elementarreich 

2. Zweites Elementarreich 

3. Drittes Elementarreich 

4. Mineralreich 

5. Pflanzenreich 

6. Tierreich 

7. Menschenreich 

zu je 7 Formzusttinden (Globen): 

1. Arupa 

2. Rupa 

3. Astral 

4. Physisch 

5. Plastisch 

6. Intellektuell 

7. Archetypisch oder urbildlich 

Jeder Formzustand wiederum geht noch durch 7 mal 7 Zustande; zum 
Beispiel unser gegenwartiger (4. Formzustand des Mineralreiches inner- 
halb des 4. Planeten, der Erde) geht durch die sog. 7 Wurzelrassen oder 
Hauptzeitraume und jede Wurzelrasse wiederum noch durch weitere 7 
Unterstufen, z.B. die Kulturepochen unserer gegenwartigen 5. Wurzel- 
rasse. 

Nach jedem «Reich» tritt ein kleineres Pralaya (Schlafzustand) und nach jedem Bewufit- 
seinszustand ein grofies Pralaya ein. 



NAMENREGISTER 



(H = Hinweis / * = ohne Namensnennung) 



Agrippa von Nettesheim (1486-1535) 12 
Alexander der Grofie (356-323 v. Chr.) 
66 

Aristoteles (384-322 v. Chr.) 55H, 74 
Attila (bis 453) 69 

Bach, Familie 71 H 

Bernoulli, Familie 71 H 

Blavatsky, Helena Petrowna (H. P. B.) 

(1831-1891) 37H, 86f.H 
Bohme, Jakob (1575-1624) 11H 

Casar, Gajus Julius (100-44 v. Chr.) 27f., 
66 

Collins, Mabel (1 85 1 - 1 927) 1 3 1 * H, 1 53 

Dante Alighieri (1265 - 1 32 1 ) 1 47H 
Darwin, Charles (1809-1882) 73 

Edison, Thomas Alva (1847-1931) 114 

Fabre d'Olivet, Antoine (1768-1825) 
75H 

Fichte, Johann Gottlieb (1762-1814) 161 
Franz von Assisi (1181-1226) 17, 36, 41 

Galilei, Galileo (1564-1642) 43H, 108 
Goethe, Johann Wolfgang (1749-1832) 

25H, 28, 42H, 57, 114* H, 140H, 144H, 

153, 154*, 159 

Hannibal (246-182 v. Chr.) 66 
Hegel, Georg Wilhelm Friedrich 

(1770-1831) 161 
H. P. B., siehe Blavatsky 

Jean Paul (1763-1825) 17H 

Kant, Immanuel (1724-1825) 79 



Keller, Helen (1880-1968) 19f.H 
Kepler, Johannes (1571 - 1630) 43, 108 
Kopernikus, Nikolaus (1473-1543) 108, 
136H 

Kortum, Karl Arnold (1745-1828) 
123* H 

Langsdorff, Georg von 37H 

Mani (216-277) 77 f. 
Manu 102, 104, 106 

Michelangelo Buonarroti (1475-1564) 
49H 

Napoleon Bonaparte (1769-1821) 66 
Oken, Lorenz (1 779 - 1 85 1 ) 76 

Paracelsus (Theophrastus von Hohenheim) 

(1493-1571) 35H, 76 
Paul III, (Alessandro Farnese) 

(Papst 1534-1549) 136*H 
Plato (427-347 v. Chr.) 19, 88H 
Ptolemaos, Claudius (87 - 1 65) 1 08 
Pythagoras (6. Jahrh. v. Chr.) 25H 

Rousseau, Jean-Jacques (1712-1778) 11 

Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph von 

(1775-1854) 161 
Schiller, Friedrich (1 769 - 1 860) 1 7, 36 
Schopenhauer, Arthur (1 788 - 1 860) 23H, 

161 

Spinoza, Baruch (1632-1677) 19 
Subba Row (Rao) (1 856 - 1 890) 20H 
Sullivan, Anne Mansfield 19* H 

Trithem von Sponheim, Johannes 
(1462-1516) 12 



UBER DIE VORTRAGSNACHSCHRIFTEN 



Aus Rudolf Steiners Autobiographie 
«Mein Lebensgang» (35. Kap., 1925) 

Es liegen nun aus meinem anthroposophischen Wirken zwei Ergebnisse 
vor; erstens meine vor aller Welt veroffentlichten Bucher, zweitens eine 
grofie Reihe von Kursen, die zunachst als Privatdruck gedacht und ver- 
kauflich nur an Mitglieder der Theosophischen (spater Anthroposophi- 
schen) Gesellschaft sein sollten. Es waren dies Nachschriften, die bei den 
Vortragen mehr oder weniger gut gemacht worden sind und die - wegen 
mangelnder Zeit - nicht von mir korrigiert werden konnten. Mir ware 
es am liebsten gewesen, wenn mundlich gesprochenes Wort mundlich 
gesprochenes Wort geblieben ware. Aber die Mitglieder wollten den 
Privatdruck der Kurse. Und so kam er zustande. Hatte ich Zeit gehabt, 
die Dinge zu korrigieren, so hatte vom Anfange an die Einschrankung 
«Nur fur Mitglieder» nicht zu bestehen gebraucht. Jetzt ist sie seit mehr 
als einem Jahre ja fallen gelassen. 

Hier in meinem «Lebensgang» ist notwendig, vor allem zu sagen, wie 
sich die beiden: meine veroffentlichten Bucher und diese Privatdrucke 
in das einfugen, was ich als Anthroposophie ausarbeitete. 

Wer mein eigenes inneres Ringen und Arbeiten fur das Hinstellen 
der Anthroposophie vor das Bewufksein der gegenwartigen Zeit verfol- 
gen will, der mufi das an Hand der allgemein veroffentlichten Schriften 
tun. In ihnen setzte ich mich auch mit alle dem auseinander, was an 
Erkenntnisstreben in der Zeit vorhanden ist. Da ist gegeben, was sich 
mir in «geistigem Schauen» immer mehr gestaltete, was zum Gebaude 
der Anthroposophie - allerdings in vieler Hinsicht in unvollkommener 
Art - wurde. 

Neben diese Forderung, die «Anthroposophie» aufzubauen und dabei 
nur dem zu dienen, was sich ergab, wenn man Mitteilungen aus der 
Geist-Welt der allgemeinen Bildungswelt von heute zu ubergeben hat, 
trat nun aber die andere, auch dem voll entgegenzukommen, was aus der 
Mitgliedschaft heraus als Seelenbedurfnis, als Geistessehnsucht sich of- 
fenbarte. 

Da war vor allem eine starke Neigung vorhanden, die Evangelien und 
den Schrift-Inhalt der Bibel iiberhaupt in dem Lichte dargestellt zu ho- 



ren, das sich als das anthroposophische ergeben hatte. Man wollte in 
Kursen iiber diese der Menschheit gegebenen Offenbaningen horen. 

Indem interne Vortragskurse im Sinne dieser Forderung gehalten 
wurden, kam dazu noch ein anderes. Bei diesen Vortragen waren nur 
Mitglieder. Sie waren mit den Anf angs-Mitteilungen aus Anthroposophie 
bekannt. Man konnte zu ihnen eben so sprechen, wie zu Vorgeschrittenen 
auf dem Gebiete der Anthroposophie. Die Haltung dieser internen Vor- 
trage war eine solche, wie sie eben in Schriften nicht sein konnte, die 
ganz fur die Offentlichkeit bestimmt waren. 

Ich durfte in internen Kreisen in einer Art iiber Dinge sprechen, die 
ich fur die offentliche Darstellung, wenn sie fur sie von Anfang an be- 
stimmt gewesen waren, hatte anders gestalten mtissen. 

So liegt in der Zweiheit, den offentlichen und den privaten Schriften, 
in der Tat etwas vor, das aus zwei verschiedenen Untergriinden stammt. 
Die ganz offentlichen Schriften sind das Ergebnis dessen, was in mir rang 
und arbeitete; in den Privatdrucken ringt und arbeitet die Gesellschaft 
mit. Ich hore auf die Schwingungen im Seelenleben der Mitgliedschaft, 
und in meinem lebendigen Drinnenleben in dem, was ich da hore, entsteht 
die Haltung der Vortrage. 

Es ist nirgends auch nur in geringstem Mafie etwas gesagt, was nicht 
reinstes Ergebnis der sich aufbauenden Anthroposophie ware. Von irgend 
einer Konzession an Vorurteile oder Vorempfindungen der Mitglied- 
schaft kann nicht die Rede sein. Wer diese Privatdrucke liest, kann sie 
im vollsten Sinne eben als das nehmen, was Anthroposophie zu sagen 
hat. Deshalb konnte ja auch ohne Bedenken, als die Anklagen nach dieser 
Richtung zu drangend wurden, von der Einrichtung abgegangen werden, 
diese Drucke nur im Kreise der Mitgliedschaft zu verbreiten. Es wird 
eben nur hingenommen werden mussen, dafi in den von mir nicht nach- 
gesehenen Vorlagen sich Fehlerhaftes findet. 

Ein Urteil iiber den Inhalt eines solchen Privatdruckes wird ja aller- 
dings nur demjenigen zugestanden werden konnen, der kennt, was als 
Urteils-Voraussetzung angenommen wird. Und das ist fur die allermei- 
sten dieser Drucke mindestens die anthroposophische Erkenntnis des 
Menschen, des Kosmos, insofern sein Wesen in der Anthroposophie 
dargestellt wird, und dessen, was als «anthroposophische Geschichte» in 
den Mitteilungen aus der Geist-Welt sich findet.